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SENDETERMIN Do, 8.11.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Moderne Landwirtschaft Tschüss Bilderbuchbauernhof! Wir zeigen Ihnen das wahre Schweineleben.

Moderne Schweine kommen aus der Tube: Als Sperma in der Eberstation gezapft, vom Ferkelerzeuger produziert. Sie werden gezeugt, geworfen und gemästet - um nach einem guten halben Jahr geschlachtet zu werden.

Comicbild eines Bilderbuch-Bauernhofes

Mit dem romantischen Bilderbuchbauernhof, den die meisten Verbraucher wohl noch immer im Kopf haben, hat moderne Landwirtschaft heutzutage wahrlich nichts mehr zu tun. In der Schweineproduktion etwa, treffen sich Herr und Frau Schwein noch nicht einmal mehr zur Paarung.

Der Höhepunkt der Schweineerotik ist eine Art Springbock aus Metall und Kunststoff, das "Arbeitsgerät" moderner Zuchteber. Von den Ebern in der Besamungsunion Schwein stammen gut 95 Prozent der Schweine im Südwesten ab. Es sind Hochleistungstiere, die Sperma produzieren.

Der Leiter der Eberstation Abstetterhof, Karl-Friedrich Müller, von der BesamungsUnion Schwein, zeigt einen großen, kräftigen Landrasseeber. "Mit diesem Eber machen wir die Muttertiere, die beim Ferkelerzeuger stehen", erklärt Müller. "Der ist gezüchtet auf Langlebigkeit, vor allem auf Fruchtbarkeit. Gutes Fundament, das heißt stabile Beine, denn die Muttersau soll ja zwei, drei, vier Jahre beim Ferkelerzeuger im Stall stehen. Daneben haben wir einen Pietraineber, das ist dann der Vater der Mastschweine. Bei ihm ist ganz wichtig die Fleischmenge, und da kommt es darauf an, dass er hohen Magerfleischanteil hat, entsprechend dem, was der Markt verlangt. Und dann natürlich: Wie viel Kilo Schweinefleisch kann ich erzeugen aus einem Kilo Futter."

Hochgezüchtet auf unsere Bedürfnisse. Gehalten in keimfrei gefilterter Luft, in Einzelboxen auf sechseinhalb Quadratmetern mit Sägespänen. Und zwei, drei Mal die Woche wird gezapft. Karl-Friedrich Müller erklärt das Phantom, diese Art Springbock, mit deren Hilfe bei den Ebern das Sperma gezapft wird. "Diese Phantome sind etwas der Sau nachempfunden, d.h. diese Rundung ist da, ist auch sehr stabil, aber gleichzeitig auch relativ weich, damit der Eber sich da auch wohlfühlt", erklärt er. "Man kann ihn etwas animieren, indem man sich etwas mit ihm beschäftigt. Aber die meistern Eber springen einfach von sich aus auf dieses Phantom auf."

Ein Zuchteber mit den Vorderklauen auf einem Bock

Rund 10.000 Nachkommen hat ein Hochleistungs-Zuchteber jährlich

Bis zu 80 Eber "springen" in Abstetterhof pro Tag. Die Ausbeute: Jeweils bis zu einem Liter Sperma. Im hauseigenen Labor wird die Qualität geprüft, das Sperma verdünnt und auf Tuben gezogen. Rund 40 Tuben pro Eber. Stückpreis 3 bis 4 Euro. Ein Zuchteber hat rund 10.000 Nachkommen. Pro Jahr.

Kurz nach dem Zapfen landet das Sperma beim Ferkelerzeuger. Daniel Carle lässt einen riesigen Eber in den Stall zu den rauschigen Sauen. Die Sauen sind in Einzelboxen eingepfercht, der Eber kommt in einen Laufgang vor den Sauen – "nur gucken, nicht anfassen" ist das Motto. Daniel Carle, Ferkelerzeuger aus Tiefensall, erklärt: "Man lässt den Eber nicht springen, weil wir erstens nicht so viele Eber haben und durch die künstliche Besamung können wir mehr Sauen belegen, und auch gleichmäßig. Weil es wird einfach vom Markt verlangt, dass wir viele einheitliche Ferkel haben, und auch mit einer guten Mastleistung. Und diese Eigenschaften können nur bestimmte Eber produzieren. Und somit können wir durch das zugekaufte Sperma dem Mäster das gewünschte Endprodukt liefern."

Die Sauen stehen während der Brunst für die "Belegung" in Boxen. Der Eber soll sie animieren, sein Duft löst bei ihnen die "Duldungsstarre" aus. Anders als in der Natur kommt dann aber nicht der Eber zum besteigen, sondern Herr Carle. Er steht neben der Sau in der Box und presst ihr das Bein gegen die Flanke, drückt auf ihren Rücken. Daniel Carle erklärt: "Also hier stimulieren wir die Sau, praktisch durch schlagen in die Seitenflanke und durch ziehen in die Seitenflanke schauen wir, ob die Sau ihren Duldungsreflex ausübt. Und auch durch Drücken in den Rücken und ein bisschen streicheln - und dann sieht man jetzt: Die Ohren stehen schon leicht nach oben. Und diese Sau ist jetzt voll in der Duldung."

Eine Sau wir mit einem Gummibügel stiumliert

Der Gummibügel soll das Aufsitzen des Ebers simulieren

Daniel Carle geht zu einem bereitstehenden Einkaufswagen und nimmt einen großen Gummibügel heraus, an den eine dünne Haltestange montiert ist. Den Bügel setzt er der Sau auf den Rücken: "Durch das Überlegen eines Besamungsbügels stimulieren wir praktisch das Aufsitzen, oder das Aufspringen des Ebers", sagt er und nimmt dann einen langen stabförmigen Plastikschlauch aus einer Verpackung, den„Besamungsstab“. Er steht hinter der Sau und führt den flexiblen Schlauch vorsichtig in die Scheide ein. Dann nimmt er eine Spermatube, schraubt sie auf den Schlauch und erklärt, dass die Sau das Sperma nun durch die Kontraktionen der Gebärmutter einsaugt. Die meisten der Sauen werden während der Brunstzeit in der Einzelbox zwei- bis dreimal „belegt“.

Sind die Sauen trächtig, verlassen sie die Box. Und kommen in die nächste.
Der Ferkelerzeuger hat eine moderne Gruppenhaltung, mit Einzelboxen. Vollklimatisiert, mit viel Tageslicht. 115 Tage dauert die Schwangerschaft. Einen Großteil dieser Zeit haben die Sauen auch etwas mehr Bewegungsfreiheit. Die Einzelboxen können die Tiere mit dem Hinterteil öffnen und so in einen gemeinsamen Teil des Stalls gelangen.
Eine Woche vor Geburt werden die Tiere aber wieder eingepfercht. In der "Abferkelbucht" werden sie im "Ferkelschutzkorb" gehalten. Der lässt sich zwar in der Breite recht weit stellen, aber herumlaufen kann die Sau dort nicht. Sie kann sich auch nicht drehen, sondern lediglich liegen oder stehen. 2,5 Mal pro Jahr wirft eine Sau im Schnitt.
Daniel Carle, der Ferkelerzeuger, sagt: "Der Sau gefällt es bei uns im Stall. Sie hat Platz. Wir haben ja auch schon mehr Quadratmeter gemacht, wie wir müssen: fast einen halben Quadratmeter mehr. Also wir denken jetzt nicht, dass wenn man es noch größer und komfortabler machen würde, wie wir es sowieso schon haben, dass es da dann auch noch mehr bringen würde."

Fünf Wochen am Stück ist die Sau in diesem "Ferkelschutzkorb". Insgesamt lebt sie mehrere Monate so eingepfercht. Die hochgezüchteten Sauen werfen bis zu 20 Ferkel. Die Tiere haben im Schnitt aber nur 14 funktionsfähige Zitzen. Überzählige Ferkel werden bei Daniel Carle deshalb zu Säuen mit weniger Ferkeln umgesetzt. Verluste will der Ferkelerzeuger möglichst vermeiden. Rund 10 Prozent Verlust gibt es trotzdem. Meist sind es Ferkel, die von der Sau erdrückt werden.

Ferkel an der Zitze

In etwa siebeneinhalb Monaten sind die Ferkel schlachtreif

Nach vier Wochen werden die Ferkel abgesetzt und ans Mastfutter gewöhnt. Sie sind dann in einer recht geräumigen Bucht, haben zur Beschäftigung ein paar Ketten und andere Beißspielzeuge.

Daniel Carle sagt: "Bei uns wachsen die Ferkel jetzt relativ gut, sie sind frohwüchsig. Und das ist schon einmal ein gutes Potential für den Mäster. Und der Mäster muss dann wiederum darauf achten, wie er das Schwein füttert, dass dann das Magerfleisch optimal heranreifen kann und auch das ganze Fleisch. Das liegt dann praktisch in seiner Hand. Wir schaffen die Grundkapazität und er muss dann das Schwein entwickeln." Aus den putzig kleinen Ferkeln werden innerhalb weniger Wochen große, junge Schweine. Die kommen dann zum Mäster.

Entweder werden sie dort in einer Bucht gehalten, mit 0,75 Quadratmeter pro Tier - oder in eine Großgruppe. Dort können die Tiere größere Strecken laufen. Zur Beschäftigung bekommen sie unter anderem Heu in der Spieltonne. Der Zugang zu den Futtertrögen wird durch eine Schleusenanlage gesteuert. Christian Kaufmann, Mäster in Waibstadt, demonstriert das Gerät: "Also das ist unser Technik-High-Light auf dem Betrieb. Das ist eine optische Sortierschleuse. Mit einer Kamera werden die Tiere aufgenommen und optisch verwogen. Das hat für mich den Vorteil, ich kann täglich beobachten wie die Tiere vom Gewicht her sind, wie sie sich entwickeln, ob alles im grünen Bereich ist. Und ich kann am Ende der Mast die Tiere auch aussortieren. Also bevor der LKW kommt kann ich schon sagen: Ich weiß es genau, es sind zum Beispiel 20 Tiere jetzt schlachtreif. Und dann stelle ich dementsprechend die Sortierschleuse ein und lass die in die Bucht aussortieren. Und kann sie von da aus direkt auf den LKW laden lassen. Und das ist für die am schonendsten, weil das kennen sie, das sind sie täglich gewöhnt mit dem sortieren, und sie warten dann nur noch hier einfach in der Bucht und haben dann gar keinen Stress."

Die Sortierschleuse entscheidet auch, welches Futter das Tier bekommt. Damit sie wachsen, aber nicht verfetten. Mit viereinhalb Monaten wiegen die Tiere bereits 50 Kilo. Zwei Monate später: Gut das Doppelte.

Mit etwa siebeneinhalb Monaten haben sie ihr Lebensziel erreicht. Dann geht es zum Schlachthof. Die großen, schweren Tiere trotten in den Transport-LKW. "Unseren Tieren geht es gut", sagt Christian Kaufmann. "Beim Verladen auch, man merkt, die haben keinen Stress und so. Und sie haben auch keine Vorahnung, habe ich jetzt auch das Empfinden. ... Natürlich schon ein bisschen komisch… Es gehört halt dazu. Gehört dazu."

Dann fahren die Schweine ab - zum Schlachten. So sieht ein modernes Schweinleben heute aus.

aus der Sendung vom

Do, 8.11.2018 | 21:00 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.