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SENDETERMIN Do, 14.4.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kurzsichtigkeit Wir werden kurzsichtig

Die Zahlen sind erschreckend eindeutig: Jedes zweite Kind wird im Moment im Grundschulalter kurzsichtig. Und das obwohl man die Ursachen mittlerweile kennt und sie im Prinzip relativ einfach abstellen könnte.

Weltweite Zunahme der Kurzsichtigkeit

Bisher war das Phänomen der stark zunehmenden Kurzsichtigkeit nur aus Ländern wie China, Taiwan oder Singapur bekannt, wo die Fehlsichtigkeit bei jungen Menschen innerhalb von wenigen Jahrzehnten auf bis zu 90 Prozent zugenommen hatte. 2015 zeigte dann eine große europäische Studie, dass der Trend nun auch in Europa nachweisbar ist. Von Generation zu Generation nimmt die Kurzsichtigkeit zu und zwar bei den jungen Erwachsenen. Von Kindern gibt es zurzeit noch keine Daten. Weil Kurzsichtigkeit aber in der Kindheit entsteht, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass jedes zweite Kind im Moment etwa ab acht beginnt, kurzsichtig zu werden. Ein Sehfehler, den es dann auch später in der Regel nicht mehr los werden wird. Die meisten sind zunächst nur von einer schwachen Kurzsichtigkeit betroffen (-0,75 Dioptrien). Leider nimmt aber auch der Anteil der stark Kurzsichtigen zu, die dann im Alter ein großes Risiko für schwere Augenerkrankungen wie Netzhautablösungen, Makuladegenerationen (AMD) oder ein Glaukom haben.

Zu lange Augen

Kurzsichtigkeit bedeutet, dass der Blick in die Ferne unscharf ist. Der Grund hierfür ist ein zu weit in die Länge gewachsener Augapfel, wodurch der Abstand zwischen der Linse und der Netzhaut mit ihren Sehzellen nicht mehr stimmt. Das Prinzip ist vergleichbar mit einer Filmleinwand, die man zu weit vom Projektor entfernt hat. In beiden Fällen wird die Abbildung unscharf. Die eigentliche Frage ist aber, wieso bei Millionen von Kindern seit einigen Jahren die Augäpfel zu weit in die Länge wachsen. Was hat sich geändert?

Spurensuche

Querschnitt durch einen Augapfel.

Normalsichtig: Die Netzhaut liegt im Brennpunkt der Lichtstrahlen

Lange war man der Meinung, dass Kurzsichtigkeit ausschließlich vererbt wird. Diese Theorie war aber nicht mehr haltbar, nachdem die Anzahl der Kurzsichtigen in so kurzer Zeit so stark in die Höhe kletterte. In den neunziger Jahren fiel dann einigen Wissenschaftlern auf, dass die Fehlsichtigkeit bei Schülern, die extrem viel lesen oder studieren müssen, höher war als bei anderen Schülern. Viele Studien konnten das mittlerweile bestätigen. Wer eine längere Ausbildung absolviert hat, ist häufiger betroffen. Überhaupt haben sich unsere Sehgewohnheiten sehr stark hin zum "Nahsehen" verschoben: Immer mehr Zeit verbringen wir vor Computern, Tablets und Smartphones. Ein zu langer Augapfel ist vorteilhaft für dieses Sehen in der Nähe. Das Auge schein sich also den veränderten Lebensgewohnheiten anzupassen. Immer wieder versuchte man deshalb diesen Zusammenhang zwischen Lesezeit und der Entstehung einer Kurzsichtigkeit auch in wissenschaftlichen Studien nachzuweisen. Häufig ohne Ergebnis.

Es werde Licht

Eher zufällig entdeckte dann ein amerikanisches Forscherteam, die Schüler nach ihren Freizeitgewohnheiten befragt hatten, dass Stubenhocker besonders häufig betroffen waren. Dieses Ergebnis war für viele Wissenschaftler weltweit ein Hinweis darauf, dass eventuell das Licht oder vielmehr der "Lichtmangel" eine Rolle spielen könnte. Auch Frank Schaeffel aus Tübingen hatte diese Vermutung. Mit seinen Kollegen untersuchte er die Kurzsichtigkeit bereits seit den 1990er Jahren - an Hühnern. Durch Brillengläser, die man an den Augen der Küken befestigte, konnte man bereits künstlich eine Kurzsichtigkeit auslösen. Inspiriert durch die Ergebnisse der Amerikaner stellten die Tübinger Wissenschaftler die Hühner dann 2009 nach draußen auf den Balkon und anschließend unter taghelles Kunstlicht. Schon nach kurzer Zeit war deutlich zu erkennen, dass Licht mit circa 10.000 Lux Helligkeit bei der Hälfte der Hühner die Entstehung der Kurzsichtigkeit verhinderte.

Einfach rausgehen

Mittlerweile wurden in China diese Ergebnisse auch für Schüler bestätigt. Kinder verbringen einen Großteil des Tages in Innenräumen mit Lernen, Lesen und studieren. Aber selbst in sehr hell wirkenden Klassenzimmern liegt die Helligkeit selten über 500 Lux. Vorgeschrieben sind sogar nur 300 Lux. Draußen ist es dagegen je nach Witterung zehn bis hundertfach heller. Tatsächlich ging in Taiwan die Zahl der Kurzsichtigen zum ersten Mal seit vielen Jahren zurück, als man dafür sorgte, dass die Kinder mindestens zwei Stunden am Tag draußen verbrachten und außerdem alle halbe Stunde das Lesen für 10 Minuten unterbrachen.
Das Rätsel ist gelöst, aber nicht das Problem
Diese Ergebnisse machen zuversichtlich, dass sich das Problem der Kurzsichtigkeit relativ einfach beheben lässt. Prof. Wolf Lagrèze von der Universitätsaugenklinik in Freiburg betont aber, dass man auf die Zusammenarbeit mit der Schulbehörde angewiesen sei, da die Kurzsichtigkeit genau im Grundschulalter beginnt, wenn unsere Kinder einen Großteil des Tages in Klassenzimmern verbringen. Diese Zeit wird in Zukunft eher zunehmen, je mehr man das Konzept der Ganztagsschule realisiert oder den Leistungsdruck auf die Kinder erhöht.
Wir haben deshalb im Februar 2016 im baden-württembergischen Kultusministerium nachgefragt, wie man mit dem Thema umgehen will. Leider waren dort weder die Studien bekannt, noch zeigte man irgendein Interesse für das Thema, sondern adressierte das Problem an die Eltern.