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SENDETERMIN Do, 15.5.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schlaflos in Klingenmünster Wir simulieren einen Bereitschaftsdienst

20 Stunden wach und dann noch Leben retten? Bei ihren Bereitschaftsdiensten müssen Chirurgen das drauf haben. Doch kann das gut gehen? In einem Experiment simulieren wir den Klinik-Alltag.

Schlaflos in Klingenmünster

Langes Aufbleiben wirkt wie Alkohol

Der Schlafmediziner Hans-Günter Weeß vom Pfalzklinikum Klingenmünster begleitet das Experiment. In seinem Schlaflabor werden die Probanden über die 20 wachen Stunden getestet, um zu verdeutlichen, was die Schlaflosigkeit mit ihnen macht. "Die Leistungsfähigkeit wird in jedem Fall abnehmen", prognostiziert Weeß. "Laut Studien erzeugt ein Wachbleiben über 17 Stunden ein Reaktionsvermögen, das einem Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille entspricht. Nach 22 Stunden liegt es bei einem Blutalkoholspiegel von 1,0 Promille."

Umfangreiche Tests

Unsere These: Sich künstlich wach halten ist Stress pur. Um das herauszufinden, werden die Probanden verkabelt. So können Herzaktivität, Gehirnwellen und Augenbewegungen während der 20 Stunden gemessen werden. Zudem müssen sie Tests am Computer durchführen, die Geschicklichkeit, Konzentration und Müdigkeit überprüfen. Zur Dokumentation der individuellen Stress-Reaktion, wird zu Beginn und am Ende des Tests Blut abgenommen und der Cortisol-Spiegel gemessen. Dieser wird uns zeigen, wie viel Stress das "Sich-Wachhalten-Müssen" bei unseren Testpersonen auslöst.

Am Anfang alles im Lot

Gegen 14 Uhr werden die Probanden eingewiesen. Alle vier Stunden müssen sie ihre Aufgaben erledigen. Besonders anstrengend ist die Pupillografie. Hier müssen sie ähnlich wie bei Operationen über lange Zeit auf einen Punkt starren. Das Flackern der Augen dokumentiert die Müdigkeit. Alles wird gemessen und dokumentiert. Die Wachbleibenden werden zudem bei den Aufgaben mit einer kleinen Kamera gefilmt, sodass ganz deutlich wird, was die Übermüdung mit ihnen macht.

Ab 2 Uhr wird‘s brenzlig

Die erste richtige Panne passiert bei der Pupillografie: Die Probandin bekommt tränende Augen, sie reibt die Augen und die Kontaktlinse fällt heraus.

Probandin spricht ins Videologbuch

"Ich sollte kein Auto mehr fahren."

Nun kann sie nichts mehr sehen. In einem Operationssaal wäre das fatal. Gegen 3 Uhr schläft eine Testperson vorm Computer bei der Erledigung von Routine-Aufgaben immer wieder ein. Zwei Testpersonen werden außerdem schlafen geschickt. Aber nur für kurze Zeit - ähnlich wie bei Bereitschaftsdiensten. Ein Proband ist danach kaum noch in der Lage, seine Geschicklichkeitstests zu bestehen.

Der Körper will ins Bett

Auch wenn sie so müde sind, müssen Chirurgen noch Notfälle betreuen. Doch ihr Körper will eigentlich nur noch eins: "Ins Bett". Das führt zu draufgängerischem Verhalten, was alles anderem als einem klaren Verstand entspricht: "Wenn wir übermüdet sind, treffen wir Entscheidungen, die weniger ethisch moralisch begründet sind", sagt Versuchsleiter Weeß. "Auch unser Risikoverhalten steigt deutlich an, so dass wir Gefahrensituationen ganz anders einschätzen."

Die Reaktionen sind individuell

Um 9 Uhr ist der Versuch zu Ende. Bei der Auswertung der Tests wird deutlich, dass die durchgemachte Nacht sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Probanden hatte. Dr. Weeß erklärt: "Von zwei der vier Probanden hätte ich mich heute Nacht nicht operieren lassen. Die Eine ist während der Tests immer wieder eingeschlafen. Sie hat uns außerdem berichtet, dass sie Koalabären auf dem Bildschirm des PCs gesehen hat. Ein zweiter ist so ungeschickt gewesen, dass er definitiv nicht in der Lage gewesen wäre, in den frühen Morgenstunden ein Skalpell zu führen." Die zwei anderen Testpersonen haben durchgehalten und ihre Aufgaben bis zum Ende gut bewältigt. Doch der Preis dafür ist hoch. Gerade diese Beiden haben am Morgen einen besonders hohen Cortisolspiegel im Blut. Das bedeutet, dass sie körperlich unter sehr großem Stress standen.

aus der Sendung vom

Do, 15.5.2014 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.