Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 27.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wildschäden Wildschweine werden zum Politikum

Sie kommen nachts und hinterlassen oft große Schäden. Das Problem sind nicht nur die Wildschweine, sondern auch die unterschiedlichen Interessen von Bauern, Jägern und Förstern.

Ein Wildschwein steht in einer Wiese

Wildschweine auf dem Vormarsch

Baden-Baden liegt quasi mitten im Wald, dem mit 7.500 Hektar zweitgrößten Stadtwald in Deutschland. Die Gärten und Felder reichen bis unmittelbar an den Waldrand. Kein Wunder, dass die Wildschweine immer wieder auftauchen. Sie wühlen mit ihren kräftigen Schnauzen und einer starken Nackenmuskulatur bis zu einem halben Meter tief nach Regenwürmern und allerhand anderer Leckereien. Entsprechend sehen die Flächen am nächsten Tag aus. Eine kleine Rotte kann in einer Nacht auf einem Hektar den ganzen Boden umdrehen. Handelt es sich dabei um Futterwiesen, fällt hier die Ernte aus und auch der Ertrag im kommenden Jahr wird geschmälert. Wenn der Landwirt seinen Acker dann wieder in Ordnung gebracht hat, besteht die Möglichkeit, dass die Schweine schon in der folgenden Nacht erneut kommen, denn das Erdreich ist noch locker. Das heißt, der gleiche Schaden kann so mehrmals im Jahr auftreten und muss entsprechend auch mehrmals vom Jagdpächter bezahlt werden. In diesem Fall von der Gemeinde Baden-Baden. Die Schäden haben seit einigen Jahren in der Region deutlich zugenommen, auch wenn im letzten Jahr eine Verbesserung zu verzeichnen war. Weil es keine Zählung der Wildschweine gibt, schätzt man die Anzahl anhand der von den Jägern geschossenen und gemeldeten Tiere. Und diese Zahlen haben deutlich zugenommen. Wurden 1935 noch 179 Wildschweinabschüsse gemeldet, waren es in der Jagdsaison 2012/2013 über 70.000.
Auch die Anzahl der auf Straßen verunfallten Wildschweine hat deutlich zugenommen. Sie hat sich in den letzten zehn Jahren auf 3.500 in Baden-Württemberg verdreifacht.

Woher kommen plötzlich die ganzen Wildschweine?

Die natürlichen Feinde wie Wolf und Luchs wurden in Deutschland weitestgehend ausgerottet, aber entscheidend für das Wachstum der Population ist das Nahrungsangebot. Bei genügend Futter werfen die Bachen im Frühling acht bis zehn Frischlinge, die bei anhaltend guten Bedingungen dann im gleichen Jahr schon wieder geschlechtsreif werden können. Kommt also zu einem guten Futterangebot noch ein milder Winter, dann explodieren die Bestände regelrecht.
In den letzten Jahren gab es eine sehr reiche Baummast - also Eicheln, Kastanien und Buchäckern. Aber auch außerhalb des Waldes ist der Tisch reichlich gedeckt. Maisfelder, Reben oder Grünfutterwiesen reichen bis unmittelbar an die Wälder heran und laden die Wildschweine förmlich ein. Schäden bleiben dabei natürlich nicht aus.

Eine Bache mit  Nachwuchs

Auch wenn es hier eindeutige Zusammenhänge zwischen den Schäden und der Art und Weise des landwirtschaftlichen Anbaus gibt, ist bei der Schadensvermeidung in erster Linie der verantwortliche Jagdpächter gefragt. Immer wieder wurden die Jäger also beauftragt, mehr Wildschweine zu schießen. Zurzeit werden sogar Kopfprämien für jedes Tier gezahlt, das die Jäger in die Wildkammer der Stadt hängen. All das konnte die Abschussquote allerdings nicht wesentlich verbessern.

Das Baden-Badener Wildschweinkonzept

Der Forstamtsleiter Thomas Hauk versuchte deshalb alle Beteiligten an einen Tisch zu bekommen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Landwirte, Jäger, Förster, Naturschützer und Verwaltungsbeamte diskutierten die Sachlage zunächst mit mäßigem Erfolg, bis ein externer Wildtierexperte die Gruppe moderierte. Im Baden-Badener Wildschweinkonzept wurden schließlich eine ganze Reihe möglicher Maßnahmen und Strategien zusammen getragen. Zum Beispiel entwickelte Thomas Hauk zusammen mit Spezialisten ein Internet-gestütztes Wildschweinmonitoring, in das jeder Orte, an denen Wildschweine gesichtet wurden, eintragen kann. Das soll den Jägern in Zukunft helfen, erfolgreicher zu jagen.

Außerdem werden jedes Jahr revierübergreifende Drückjagden durchgeführt. Allerdings mit mäßigem Erfolg, denn durch die vielen umgefallenen Bäume nach zwei Stürmen, gibt es jede Menge undurchdringliche Verstecke für die Wildschweine. Zuletzt informierte sich die Gruppe deshalb im bayerischen Wald über eine relativ alte Jagdmethode - den "Saufang", ein Gehege, in das die Wildschweine durch Köder gelockt werden. Schnappt die Falle zu, kann der Jäger die Tiere von einem benachbarten Hochsitz aus erlegen. Das Ministerium hatte für diese Methode eigens eine Sondergenehmigung erteilt. An dieser Jagd-Methode erhitzten sich allerdings die Gemüter derart, dass zum Schluss sogar die Jäger davon abrückten. Auch für die öffentlich vorgetragene Meinung, dass man Frischlinge schießen soll, um effektiv in die Population einzugreifen, wurde Thomas Hauk von den Jägern angefeindet.

Was also tun? Einigkeit besteht darin, dass die Wildscheine weniger werden sollen. Nur das "Wie" wird zunehmend zum Politikum. Letztlich müssten, so der Forstamtsleiter, alle ihren Beitrag leisten, aber die Interessenlage sei derzeit so heterogen, dass das Management dieser Menschen zu seiner eigentlichen Aufgabe geworden sei.

aus der Sendung vom

Do, 27.11.2014 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Mehr zum Thema im SWR:

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.