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SENDETERMIN Do, 27.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kritik an der Jagd Wild oder Wald?

Rehe fressen kleine Baumknospen, das ist normal. Aber was, wenn der Waldnachwuchs oder die Artenvielfalt insgesamt bedroht werden? Ist das die Schuld der Jäger?

Ein Jäger im Wald zielt mit seiner Waffe auf ein Tier.

Bambi wird zum Schädling

Wer freut sich nicht, diese schönen Tiere in der freien Natur zu beobachten. Spätestens als Bambi haben die Rehe unser Herz erobert. Kaum vorstellbar, dass sie die Ursache für einen handfesten Konflikt in der Gemeinde Kehl am Rhein sind. Dort und in vielen Nachbargemeinden gibt es laut der Förster viel zu viele Rehe, wodurch der natürliche Nachwuchs unter den Bäumen stagniere. Die Rehe fressen die Knospen an den kleinen Trieben ab, so die Förster und nach und nach vertrocknen die Triebe dann. Für den Laien ist das allerdings nur schwer zu erkennen, denn was weg ist, ist weg und ist folglich auch nicht mehr zu sehen.
Aus diesem Grund zäunen die Förster kleine 10 Quadratmeter große Areale ein, um zu erkennen, was passiert wenn die Rehe ausgesperrt werden. Und tatsächlich, innerhalb des Zauns wachsen nach kurzer Zeit kleine Bäume heran, während außerhalb jeglicher Nachwuchs zum Erliegen kommt.

Dieser Rehverbiss hat mittlerweile solche Formen angenommen, dass dem Kehler Holz das FSC-Siegel aberkannt werden könnte, denn die natürliche Nachhaltigkeit und Artenvielfalt sei bedroht. Die FSC-Prüfer hatten deshalb ein unabhängiges Gutachten gefordert, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nach mehrmonatiger Prüfung kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass die natürliche Waldverjüngung auf circa 90 Prozent der Waldfläche nicht mehr stattfinden kann, weil es zu viele Rehe gibt.

Wer ist schuld?

Auch mit den Jägern führten sie Gespräche und untersuchten die jagdlichen Ausgangsbedingungen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die jagdlichen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden. Man forderte die Jäger deshalb auf, mehr Rehe zu schießen, was diese ablehnten und das Gutachten insgesamt in Frage stellten. Aus Sicht der Jäger wird die Wahrheit stark verkürzt, wenn der Jagd die alleinige Schuld am Rehverbiss zugeschoben wird.
In der Tat hat die starke Zunahme der Rehe in Deutschland viele Gründe und die Landwirtschaft spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Denn mit der Zunahme der riesigen Mais-, Raps- und Getreidefelder haben viele Rehe ihre Ernährung und ihr Fluchtverhalten angepasst und so den neuen Lebensraum erfolgreich besiedelt und sich entsprechend vermehrt. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Rehe auf der Wiese

Rehe sind Feinschmecker - Äsungsflächen würden helfen

Dennoch halten sie sich ihrer Natur entsprechend am liebsten am Waldrand auf, wo die Lebensbedingungen optimal sind. Die Jäger kritisieren deshalb, dass man den Rehen gerade dort am Waldrand keine natürlichen Äsungsflächen zugestehe. Also Wildwiesen, die nicht von den Landwirten bewirtschaftet werden und eiweißreiche Pflanzen enthalten.
Der Verlockung frischer Baumknospen ist folglich zu groß, denn Rehe sind grundsätzlich Feinschmecker oder präziser "Futtereselektierer". Sie fressen nur das Beste, was sie finden. Natürliche Äsungsflächen und Wildhecken würden hier weiter helfen und werden übrigens auch von den Naturschützern gefordert.

Schutz für Bäume und für die Gemeindekasse

Momentan haben die Förster nur die Möglichkeit, den Nachwuchs der Bäume durch künstliche Maßnahmen zu schützen. Bei Neuanpflanzungen werden die Eichensetzlinge aus der Baumschule deshalb mit einer Kunststoffhülle ummantelt. Dazu müssen vorab allerdings große Kahlschläge geschaffen werden, weil die jungen Pflanzen aus der Baumschule viel Licht gewöhnt sind. Selbst die ökologisch wichtigen Altbäume müssen geschlagen werden, um dem Lichthunger der Jungbäume gerecht zu werden. Die natürliche Verjüngung, die aus den herabfallenden Baumfrüchten entsteht, ist dagegen an die Lichtverhältnisse angepasst, braucht aber den schützenden Zaun, der die Rehe in der Folge quasi aus dem Wald ausgesperrt.

Aber ohne neue Bäume ist die Waldwirtschaft nicht mehr nachhaltig und zukünftige Generationen können kein Holz ernten. Der Termin, an dem ein Baum gefällt wird und Geld abwirft, wird durch den Rehverbiss immer weiter nach hinten verschoben. Es geht also nicht nur um Waldökologie, sondern auch um das Loch in der Kehler Gemeindekasse.

Die Jagd hat den schwarzen Peter

Die Gemeinde fordert deshalb weiterhin die Jäger auf, mehr Rehe zu schießen. Jagdkritiker wie der ehemalige Oberbürgermeister Günther Petry sind der Meinung, dass ein Großteil der Jäger nicht bereit ist, das eigene Jagdverständnis den Erfordernissen der Holzwirtschaft anzupassen. Vielmehr sei man an großen Wildbeständen interessiert, um schneller und erfolgreicher jagen zu können.
Doch trotz aller Meinungsverschiedenheiten ist mittlerweile Bewegung in die Diskussion gekommen, denn in einem Jagdrevier wurde die Abschussquote verdreifacht. Eine Maßnahme die Wirkung zeigt. In diesem Revier lässt sich deutlich beobachten, dass mittlerweile die kleinen Baumtriebe wieder in die Höhe wachsen. Eine positive Entwicklung - zumindest für den Wald.

Solange in Deutschland die Grünflächen immer weiter schrumpfen und trotzdem immer intensiver genutzt werden, gerät das Wild zunehmend in die Rolle des "Schädlings" für Land- und Forstwirtschaft. Die Jäger geraten so zunehmend unter Druck, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, auch wenn es den eigenen Jagdinteressen widerspricht.