Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 12.1.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Fructose Wie schädlich ist Fructose?

Fruchtzucker in Obst ist kein Problem, als Industrieprodukt schon. Noch ist deren Einsatz in Lebensmitteln beschränkt, doch am 1.10.2017 fällt die EU-Zuckerquote. Ernährungsmediziner schlagen Alarm.

Zucker ist überall

Deutschland ist Zuckerland. Rund 35 Kilogramm isst jeder von uns durchschnittlich pro Jahr, rein rechnerisch sind das 24 Teelöffel Zucker am Tag. Damit liegen wir weit über den sechs Teelöffeln, die die Weltgesundheitsorganisation WHO für angemessen hält. Dass es so viel ist, liegt nicht nur an bekannten Zuckerbomben wie Süßigkeiten, Speiseeis oder Limonaden, sondern vor allem daran, dass Zucker in fast allen industriell hergestellten Lebensmitteln steckt. Von Fleischsalat und Fertigpizza bis zu Joghurt und Leberwurst.

Doch Zucker ist nicht gleich Zucker und unser Körper geht mit unterschiedlichen Zuckerarten unterschiedlich um. Da ist zum Beispiel die Glukose, der Traubenzucker, und die Fruktose, der Fruchtzucker, den wir aus Apfel, Banane und Co. kennen. Der normale Haushaltszucker, die Saccharose, ist ein Gemisch aus je 50 Prozent Glukose und Fruktose.

Vor allem die Fruktose ist es, die unsere Gesundheit nachweißlich schädigen kann. Für den Ernährungsmediziner Professor Stefan Bischoff von der Uni Hohenheim gibt es eindeutige Hinweise dafür, dass Fruktose, anders als Glukose, die Darmschleimhaut schädigen kann, so Bakterien vermehrt in den Körper einströmen und dort Entzündungen auslösen können. Auch wird, so sagt er, die Fructose ganz anders verstoffwechselt in der Leber als die Glukose.

Fructose ist kein „besserer Zucker“

Im Gegensatz zur Glucose, die zur Energiegewinnung in den Zellen unverzichtbar ist, ist der Körper auf die Zufuhr von Fructose nicht angewiesen. Daher gelangt sie auch nur sehr langsam vom Dünndarm ins Blut.

Der Abbau normaler Fructosemengen, wie sie in Früchten und Gemüsen enthalten sind, ist für einen gesunden Organismus kein Problem. Gelangen jedoch große Mengen Fruktose aus Getränken oder Süßwaren in den Körper, sind Probleme vorprogrammiert. Denn der Dünndarm ist mit einem Übermaß an Fructose schnell überfordert. Es kann etwa zur Entstehung einer sogenannten „Fettleber“ führen, Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck können entstehen.

Zahlreiche Studien haben in den letzten Jahren auch den Zusammenhang zwischen Fructosekonsum und Übergewicht belegt. Denn das Appetitzentrum in unserem Gehirn reagiert nicht auf Fruktose. Es bleibt unverändert aktiv, wir fühlen uns nicht „satt“ und essen einfach weiter. Bei einer Studie der Universität Stuttgart-Hohenheim an übergewichtigen Kindern wurde der Fructosekonsum der Kinder 12 Wochen lang deutlich reduziert – mit dem Ergebnis, dass der Body-Mass-Index bei fast allen ebenso deutlich niedriger wurde, die Kinder also Gewicht verloren.

Für den Ernährungsmediziner Stefan Bischoff ist das nicht verwunderlich. „Das Problem ist die große Menge an Fructose, die wir durch gesüßte Getränke und durch Süßigkeiten bekommen“, sagt er, „Wenn man davon sehr viel verzehrt, dann kommt man auf Fructosemengen, die bis vor wenigen Jahrzehnten fast unvorstellbar waren und die bringen die gesundheitliche Probleme, nicht der übliche Obstverzehr.“

Liebling der Lebensmittelindustrie

Fruchtzucker ist doppelt so süß wie reine Glukose, wird daher von der Lebensmittelindustrie gerne in Getränken und Fertigprodukten eingesetzt und versteckt sich hinter vielen Namen: Glukosesirup, Maissirup und vor allem „Isoglukose“, alles Bezeichnungen für Fruktose-Glukose-Sirup, ein aus Weizen- und vor allem Maisstärke hergestelltes Zuckergemisch mit Fruktose als Hauptbestandteil. In den USA wird Isoglukose seit Jahrzehnten fast flächendeckend und in hoch konzentrierter Form in Softdrinks und Lebensmitteln eingesetzt. Dort liegt der Marktanteil bei 50 Prozent, denn der Hauptrohstoff Mais ist ein billiges, stark subventioniertes Produkt.

In Europa beträgt der Marktanteil von Isoglukose bislang nur 5 Prozent, denn der europäische Zuckermarkt ist streng reglementiert. Doch das wird sich ändern. Am 1. Oktober 2017 fällt die sogenannte Zuckerquote, ein umfangreiches System von Quoten, Zöllen und Subventionen, mit dem der europäische Zuckermarkt bislang geregelt wird.

Die Agrarwissenschaftlerin Marlen Haß vom Thünen-Institut in Braunschweig hat untersucht, was zu erwarten ist, wenn der EU-Markt für Zucker freigegeben wird.
Für sie sind die Folgen des Quotenendes eindeutig: „Mit dem Ende der Zuckerquote werden wettbewerbsfähige Produzenten ihre Produktion deutlich steigern und dadurch weniger wettbewerbsfähige Produzenten aus dem Markt drängen. Durch den zunehmenden Konkurrenzkampf in der EU fällt der EU-Binnenmarktpreis und unsere Ergebnisse zeigen, dass die Isoglukosenachfrage deutlich ansteigen könnte und die Zuckernachfrage dadurch sinkt, das heißt der Marktanteil von Isoglukose steigt an.“
Bei ihrem Blick in die Zukunft des europäischen Zuckermarktes nach dem Quotenende hat Marlen Haß herausgefunden, dass vor allem osteuropäische Produzenten, etwa aus Ungarn, Bulgarien oder der Slowakei, den Maisanbau und damit die Isoglukoseproduktion enorm ausweiten werden, dadurch billiger produzieren und auf den Getränke- und Süßigkeitenmarkt drängen. Für die Lebensmittelindustrie, so scheint es, brechen dann goldene Zeiten an. Marlen Haß erwartet eine enorme Produktionssteigerung: „Heute werden in der EU 720.000 Tonnen Isoglukose produziert und wir gehen davon aus, dass nach dem Wegfall der Quote die Isoglukoseproduktion in der EU ansteigen wird, und zwar auf ein Niveau von 1 bis 2 Millionen Tonnen.“

Der mündige Verbraucher

Diese Produktionssteigerung wird sich dann wohl auch in unseren Lebensmitteln zeigen, denn technisch ist es möglich, 25 bis 30 Prozent der bisher in unseren Lebensmitteln verwendeten Zuckerarten durch Isoglukose zu ersetzen, dem Sirup mit hohem Fructosegehalt. Für den Ernährungsmediziner Stefan Bischoff ist das eine beunruhigende Vorstellung. „Der allgemeine Zuckerkonsum ist deutlich gestiegen in den letzten wenigen Jahrzehnten in unserer Bevölkerung“, sagt Bischoff, „dies könnte erneut beschleunigt werden durch die Verbilligung des Zuckers auf den großen Märkten. Das zweite Risiko ist, dass die Fruktose weiter Vormarsch halten könnte, dadurch, dass auf die Märkte nun mehr Maiszucker kommt. Maiszucker heißt Isoglukose, heißt vermehrt Fructose. Nachdem wir wissen, dass die Fructose gesundheitliche Risiken birgt, ist diese Entwicklung sehr genau zu beobachten.“

Das gilt auch für uns als Verbraucher. Wir sollten Inhaltsangaben auf Lebensmittelverpackungen möglichst genau studieren, grundsätzlich möglichst wenig verarbeitete Lebensmittel kaufen – und vor allem möglichst wenig gesüßte Getränke konsumieren. Nach dem Ende der Zuckerquote am 1. Oktober 2017 ist das wichtiger denn je. Wenn es dann doch was Süßes sein muss, sollten wir lieber direkt zu den Originalen greifen, zu Ananas, Banane, Apfel und Co, denn da ist die Fruktose in der genau richtigen Menge enthalten.

Glucose

Glucose, oder Traubenzucker, ist der Grundbaustein der meisten Kohlenhydrate. Es ist ein sogenannter Einfachzucker (=Monosaccharid), der andere, komplexere Formen von Zucker bildet.

Als Energielieferant kann Glucose entweder durch die Zellen transportiert werden, um direkt verbrannt zu werden. Oder es wird in Leber und der Muskulatur als Glycogen für den späteren Verbrauch gespeichert.

Fructose

Fructose, oder Fruchtzucker, kann auch zur Energiegewinnung in den Zellen genutzt werden. Auch Fructose ist ein Monosaccharid und hat dieselbe chemische Formel wie Glucose, unterscheidet sich aber in der Struktur. Durch ein bestimmtes Enzym in der Leber kann Fructose in Glucose umgewandelt werden.

Zu viel aufgenommene Fructose kann ab einem gewissen Punkt nicht mehr in Glukose umgewandelt werden. Fruktose wird dann alternativ in der Leber zu Fettsäuren verstoffwechselt und kann auf diese Weise die Anreicherung von Körperfett begünstigen.