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SENDETERMIN Do, 18.6.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ernährung Wie gut sind unsere Nahrungsmittel?

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass unsere Lebensmittel über die Jahre an Qualität eingebüßt haben. Wie gesund sind Obst und Gemüse heute eigentlich noch und war früher wirklich alles besser?

Der Geschmack

"Früher, haben unsere Lebensmittel noch deutlich besser geschmeckt" ist ein Satz den wahrscheinlich jeder Lebensmittelhändler kennt. Immer mehr Kunden klagen darüber, dass der Salat viel schneller welk wird, die Tomaten wässrig schmecken und Radieschen nicht mehr scharf sind. Es gibt Gründe für diese geschmacklichen Veränderungen:
Zum einen wäre da der Preis, denn der ist bei uns immer noch das mit Abstand größte Verkaufsargument. 90 Prozent allen Gemüses kaufen wir im Supermarkt oder Discounter. Und wir Deutschen geben deutlich weniger für unsere Lebensmittel aus als unsere Nachbarn. Der europäische Durchschnitt für monatliche Ausgaben für Lebensmittel liegt bei 462 Euro. In Deutschland sind es gerade einmal 320 Euro. Damit liegen wir im Vergleich weit hinter den Spitzenreitern England, Frankreich oder der Schweiz. Und das hat Folgen. Jeder Lebensmittelproduzent erstellt ein jährliches Ranking aus dem hervorgeht in welchem Land er die besten Gewinne erzielen kann. Die Länder ganz oben in der Rangliste bekommen die beste Ware, für uns bleibt lediglich der Rest.
Die industriellen Anbau-Methoden wirken sich ebenfalls auf den Geschmack aus. Viele aromatische Sorten finden gar nicht mehr den Weg in unsere Einkaufskörbe. In großen Mengen produziert wird nur, was leicht zu ernten, einfach zu transportieren und lang haltbar ist.

Industrieller Anbau

Die Tomate ist der deutschen liebstes Gemüse. Über 90 Prozent unserer Tomaten werden importiert. Praktisch jede Tomate, die wir im Supermarkt oder Discounter kaufen, ist im Treibhaus gewachsen. Die Anzahl der Tomaten die nicht aus dem Treibhaus kommen ist so gering, dass sie das statistische Bundesamt seit 2013 nicht einmal mehr erfasst.
Der Löwenanteil unserer Tomaten kommt aus den Niederlanden und Spanien. Hier wachsen sie in fabrikähnlichen Riesenanlagen, computergesteuert auf maximalen Ertrag getrimmt. Das beutet Monokultur einiger, weniger Sorten.
Doch was machen diese Produktionsbedingungen mit dem Gemüse? Viele Vermuten, dass die Tomaten durch die Produktionsbedingungen deutlich ungesünder sind.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Alles was ein Verkaufsargument sein könnte, wird optimiert. Oft auch mit gesunden Nebenwirkungen. Niemand hat gerne unreif aussehende Tomaten, deswegen werden in den Niederlanden seit einiger Zeit spezielle LED Lampen eingesetzt die unser Lieblingsgemüse so bestrahlen, dass die Tomaten möglichst rot werden. Verantwortlich für die rote Färbung ist der Stoff Lycopin. Dieser gilt als einer der effektivsten Radikalfänger den die Natur zu bieten hat. Studien aus dem Jahr 2014 konnten nachweisen, dass besonders lycopinhaltige Nahrung das Risiko auf Herzgefäßerkrankungen und Schlaganfälle deutlich reduzieren kann.

Nährstoffe

Das Obst und Gemüse mag an Geschmack eingebüsst haben, aber was bedeutet das für die Nährstoffe. Der Ernährungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2012 zeichnet ein klares Bild. Sowohl was Vitamine als auch die Nährstoffe angeht lassen sich über die letzten zehn Jahre kaum Veränderungen feststellen. Sowohl Produkte vom Wochenmarkt als auch aus Supermarkt oder Discounter haben fast genau so viel Nährstoffe und Vitamine in sich wie seit jeher. Den Grund hierfür sehen Forscher in der Genetik der Pflanzen. Stark vereinfacht gesagt kann die Pflanze nicht gedeihen, wenn sie nicht ausreichend mit Nährstoffen und Vitaminen versorgt ist. Daran ändern auch die industriellen Anbaumethoden nichts. Die Produzenten kontrollieren ihre Ernte sehr früh und sehr engmaschig. Zu groß ist die Angst vor einem Ernteverlust. Durch immer bessere und effizientere Düngemethoden geben sie den Pflanzen das zurück, was diese dem Boden entziehen.

Pestizide

Viele Verbraucher haben dennoch ein ungutes Gefühl und misstrauen der industriellen Landwirtschaft. Mehrere Ernten pro Jahr, keine Erholung für die Felder - und erwähnter Menge Dünger. Dazu seit Jahrzehnten immer wieder Schlagzeilen von Pestizid-verseuchtem Gemüse und Getreide. Konventionell erzeugte Agrarprodukte haben ein schlechtes Image. Doch auch auf dem Feld der Pflanzenschutzmittel hat sich seit Mitte der neunziger Jahre einiges getan. Wo früher noch auf Breitband-Pflanzenschutzmittel gesetzt wurde die einige Nebenwirkungen aufwiesen, kommen heute sehr gezielte Wirkstoffe zum Einsatz die möglichst pflanzenschonend einzelne Schädlinge bekämpfen. Mit Erfolg: Laut einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit aus dem April 2015 wurden nur bei einer von jeder hundertsten Probe von in Deutschland hergestellten Lebensmitteln die zulässigen Höchstwerte überschritten.

Ready to eat

Die konventionelle Landwirtschaft mag in ökologischer Hinsicht problematisch sein, doch die erzeugten Nahrungsmittel - auch die billigen - sind nährstoffreich und damit gesund. Allen Vorurteilen zum Trotz. Wer bei seinen Lebensmitteln aber nicht nur auf gesunde Inhaltsstoffe sondern auch auf guten Geschmack achtet, der kauft entweder saisonal und lokal, beim Händler des Vertrauens oder setzt auf einen neuen Trend der in immer mehr Supermarktregalen zu finden ist: so genannte "ready-to-eat" oder "pret-a-manger" Produkte. Dabei handelt es sich um Obst oder Früchte die Vollreif geerntet werden und dann auf schnellstem Weg nach Deutschland geflogen werden. Diese Produkte haben ihren Preis. Doch im Schnitt wirft jeder Deutsche jährlich Lebensmittel im Wert von 235 Euro weg. Geld das man auch ohne weiteres in bessere und leckere Produkte investieren könnte.