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SENDETERMIN Do, 19.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Das Zeugen-Experiment Wie Falschaussagen zustande kommen

Ein Odysso-Experiment zeigt: Wenn Menschen ein Ereignis wie einen Überfall beobachten und später den Täter beschreiben sollen, können sie sich meist nur noch an wenige Details wirklich erinnern.

Experiment 1: Wir testen in der Karlsruher Innenstadt

Unser Lockvogel Nadine trägt blaue Jeans und weiße Bluse, hat braune Haare und einen Pferdeschwanz. Sie fragt Passanten nach dem Weg zum Schloss. Dann fragen wir nach: Wer kann Nadine beschreiben? „Helles T-Shirt und ein Rock, aber das weiß ich nicht mehr genau, wie sie aussah. Sie hatte offene Haare, braune Haare meine ich, und sonst muss ich ehrlich sagen, weiß ich kaum noch, wie sie aussah. Wenn jetzt was passiert wäre, wüsste ich nicht mehr, was ich zum Beispiel der Polizei sagen könnte. Das überrascht mich.“ Eine Täterbeschreibung hätte er also nicht abgeben können, aber das ist wenig überraschend. Auch andere liegen daneben, so schnell vergeht Erinnerung.

Experiment 2: Überfall im Garten in Freiburg

Aber wie ist das im Ernstfall, wenn man einen Täter beschreiben muss, zum Beispiel nach einem Überfall? Das testen wir in Freiburg. Wir haben zehn Fernsehkomparsen eingeladen. Unser Vorwand: Ortsbesichtigung für eine TV-Serie. Die Komparsen ahnen nicht, dass im Haus ein Stuntman auf seinen Einsatz wartet. Er wird gleich einen Überfall vortäuschen. Auf eine junge Dame im pinken Top, die wir als Aufnahmeleiterin vorstellen. Sie geht als Erste in das Haus. Doch dann rennt sie jemand brutal um flüchtet rücksichtslos. Eine laute Sirene setzt die Komparsen zusätzlich unter Stress. Dann lösen wir die Situation auf. Sind unsere Komparsen gute Augenzeugen?

Das Gehirn ist überfordert

Der Gedächtnisforscher Hans Markovic beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Zeugenaussagen. Etwa die Hälfte aller Aussagen vor Gericht, sagt er, seien weit von der Wahrheit entfernt. „Stresshormone überschwemmen das Gehirn und führen dazu, dass man auch seine Wahrnehmung sehr eng ausrichtet, und alles in der Peripherie wird mehr oder weniger ausgeblendet, das bedeutet, dass unter Stress Wahrnehmung häufig sehr eingeschränkt ist.“ Und je fremder uns ein Mensch ist, desto weniger können wir uns von ihm einprägen.

Wie haben unsere Komparsen die Situation wahrgenommen?

In unserem Fall trug der Täter einen Vollbart. Er ist 39 Jahre alt und sein Auftritt dauerte keine zehn Sekunden. Was sagen die Zeugen? „15 bis 20 Sekunden würde ich vermuten. Ich schätze eine Minute.“ Fast 30 Jahre beträgt die Spanne alleine beim Schätzen des Alters. Auch beim Aussehen gehen die Meinungen weit auseinander. „Kein Bart, kein Schnurrbart, keine Haare im Gesicht. Ich glaube, er hatte einen Schnurrbart. Hatte er eine Maske oder Brille auf?“ Kaum einer kann sich auch nur halbwegs gut erinnern. Wird das mit Fotos besser? Finden unsere Zeugen den Richtigen unter den fünf Fotos? Die Bilanz: Nur fünf haben den Täter identifiziert, fünf lagen daneben. Vor Gericht hätte das fatale Folgen haben können.

Folgen für die Justiz?

Den Gedächtnisforscher Hans Markowitsch überrascht der Ausgang unseres Tests nicht. Unsere Erinnerung ist trügerisch, unzuverlässig, vor allem in Stresssituationen wie einem Überfall. Fragt man dann nach Details über den Täter, erinnern sich nur wenige wirklich gut. „Ich würde so ungefähr sagen, daß nur 20 Prozent wirklich sehr brauchbare Beobachtungen machen und der Rest mittelgut bis schlecht, also das heißt die Mehrheit sagt irgendwas, was falsch ist.“ Fatal, wenn unsere Erinnerung bei einer Gegenüberstellung oder im Zeugenstand gefragt ist. Wie oft es in Deutschland zu Fehlurteilen aufgrund unbewusster Falschaussagen kommt, ist nicht erforscht. Ein Richter des Bundesgerichtshofs schätzt die Quote auf ein Viertel der Strafurteile.

Psychologen entwickeln seit 50 Jahren Experimente und Tests die zeigen, wie anfällig Erinnerungen für später folgende Informationen sind. Sie werden hochgradig ungenau. Wie könnte man das verhindern? Wie kann man vor Gericht Zeugen überhaupt noch trauen? Bei Tests mit Probanden hat Hirnforscher Hans Markowitsch herausgefunden, dass falsche und richtige Erinnerung unterschiedliche Gehirnareale aktiviert. „Wenn man den Leuten quasi ins Gehirn schaut, kann man sehen, die sagen jetzt die Wahrheit oder die flunkern bewusst, oder die flunkern unbewusst und da gib es durchaus unterschiedliche Hirnaktivitäten.“ Eine gute Idee, die aber bis heute vor Gericht keine Rolle spielt. Auch, weil sie praktisch kaum umsetzbar ist.

Buch

Julia Shaw

Das trügerische Gedächtnis

Verlag:
Verlag Hanser, 2016
Genre:
Sachbuch
Bestellnummer:
ISBN 978-3-446-44877-3