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SENDETERMIN Do, 5.6.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Urlaub nach dem Krieg Wie die Deutschen das Fernweh packte

In keinem anderen Land der Welt geben die Menschen pro Kopf gerechnet so viel Geld für ihre Reiselust aus wie in Deutschland. 63 Milliarden Euro waren es allein im Jahr 2012. Dabei hat alles nach dem Krieg ganz bescheiden angefangen. Eine Zeitreise.

In den 1950er Jahren

1952 besitzt nur eine Minderheit der Deutschen einen eigenen PKW.

Blick auf ein Auto in den Schweizer Alpen.

In den Urlaub zum Beispiel geht es häufig per Bus. Fernreisen sind die Ausnahme. Arbeiter aus dem Ruhrgebiet machen Urlaub zum Beispiel im Westerwald. Für 6,50 Deutsche Mark pro Tag bei Vollpension hat man keine hohen Ansprüche. Auch nicht an sanitäre Einrichtungen. Ein Waschbecken im Zimmer, das ist normal. Nur etwa 15 Prozent der Deutschen können sich damals, Anfang 1950, überhaupt einen Urlaub leisten.

Wer über ein hohes Einkommen verfügt, verbringt seinen Urlaub gerne auf Sylt. Der Sprecher in einem Magazinbeitrag aus dieser Zeit, weist auf das seiner Meinung nach entscheidende Utensil für diesen Urlaub hin: "Das Wichtigste am Badebetrieb ist der Strandkorb. Das Eigenheim des Badegastes. Je nach Wunsch Umkleidekabine, Lesezimmer, Nähstube oder stille Laube für Liebespaare."

Eine Flugreise ist in den fünfziger Jahren wirklich nur etwas für Betuchte. 1955 nimmt die Lufthansa wieder ihren Betrieb auf. Richtige Fernreisen stehen aber kaum auf dem Programm, denn die Propellerflugzeuge sind laut und langsam.

In den 1960er Jahren

In den sechziger Jahren kommt der Autoreisezug groß in Mode - unter anderem, weil es auf den Straßen zur Urlaubszeit mitunter schon recht voll ist. Und weil die Überquerung der Alpenpässe für so manches Auto eine kaum zu überwindende Hürde darstellt.
Anfang der 1960er Jahre wird in einem Fernsehbeitrag erklärt, wohin es die meisten Deutschen in den Urlaub zieht: 18,5 Prozent der Deutschen wählen Italien. 17,6 Prozent Spanien. Fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Je etwa zehn Prozent zieht es nach Österreich, der Schweiz und Jugoslawien. Drei Prozent ans Schwarze Meer.

Und weil die Deutschen Urlaubsneulinge sind, bekommen sie im Fernsehen jede Menge gute Tipps: "Die Regel: leichte Kost am Reisetag. Zu schwere, das heißt: zu fette Kost führt zu Ermüdungserscheinungen, die leicht Unfälle zur Folge haben können. Lange Zeit galt es als vernünftig, bei großer Hitze wenig zu trinken, um nicht zu schwitzen. Tests mit Soldaten in der israelischen Negev-Wüste haben jedoch gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit durch uneingeschränktes Trinken größer ist. Bewusstlosigkeit ist das äußere Zeichen des Hitzschlags. Er beruht auf einer Überhitzung des gesamten Organismus."

Die beiden Hippies sind ganz entspannt im Hier und Jetzt

Alternatives Reisen: Ein Kredo der "Achtundsechziger"

Die sogenannten Achtundsechziger haben auf Spießerurlaub keine Lust. Sie fahren lieber mit dem Autobus nach Indien: Das ist in ihren Augen eine echte Erfahrung. Die Hippies durchqueren die Türkei, Afghanistan, Pakistan. Kein konfektionierter Urlaub der Tourismusindustrie! Nur raus aus der westlichen Zivilisation, natürliches Leben kennen lernen und den Horizont erweitern.

In den 1970er Jahren

In den Siebzigern bringen Düsenjets den Deutschen viele Reiseziele näher, Mallorca zum Beispiel. Massentourismus blüht auf. Schon bald zeigen sich auch seine negativen Folgen wie Baulärm, Massenabfertigung und schlechter Service. In einer Fernsehreportage kommen am Stuttgarter Flughafen aufgebrachte Gäste zu Wort: "Zum Teil waren da Unterkünfte, die unter aller Sau waren. Es kam vor, dass in Ställen übernachtet wurde." "Ein unmögliches Frühstück gibt’s auf Mallorca." "Ich möchte mal sagen, dass das Essen da unten unter aller … - ganz miserabel ist." "Nein: nie wieder Mallorca. Nein, nie wieder."

In den siebziger Jahren ist der Sommerurlaub am Badestrand das Maß aller Dinge. Kinder toben, Eltern chillen. Das ist die Erholung, die man sich mit seiner Arbeit verdient hat.

In den 1980er Jahren

In den achtziger Jahren kommt der Aktivurlaub im Club in Mode. Spaßprogramm rund um die Uhr. Animateure sorgen dafür, dass es nie langweilig wird. Gute Laune ist hier Pflicht, schließlich hat man "all inclusive" bezahlt.

Mitte der 1980er wird die Türkei als Urlaubsland entdeckt. Ein Boom sorgt dafür, dass an der "türkischen Riviera" ein Hotelkomplex neben dem anderen entsteht. Mit Kampfpreisen gewinnt die Türkei nach kurzer Zeit einen festen Platz unter den beliebtesten Urlaubsländern der Deutschen.

Die Jugendlichen entdecken in den achtziger Jahren eine ganz eigene Form der Feriengestaltung: Interrail. Für 420 Deutsche Mark mit der Bahn einen Monat lang ganz Europa erkunden: Das verspricht jede Menge neue Eindrücke. Kann aber auch in Erlebnisstress ausarten, wenn jemand meint, in vier Wochen tatsächlich vom Nordkap bis Palermo alles gesehen haben zu müssen. Beim Schlafkomfort werden oft Abstriche gemacht und die Nächte im Zug verbracht. Erholungsurlaub ist Interrail jedenfalls nicht.

Ab den 1990er Jahren

In den neunziger Jahren sind Fernreisen angesagt. Viele Urlauber wollen exotische Ziele besuchen; Tauchurlaub und Abenteuer sind in. Mittlerweile können sich drei Viertel der Deutschen eine Urlaubsreise leisten. Weitere Steigerungen hat es seitdem nicht gegeben.

Im neuen Jahrtausend kommt die Pilgerreise in Mode. Auf Schusters Rappen zu einem heiligen Ort. Das ist eine körperliche Herausforderung mit viel Zeit zur geistigen Einkehr.

Doch Islamismus und der sogenannte arabische Frühling wirken sich auf die Reiselust der Deutschen aus: In Ländern mit politischen Unruhen, Demonstrationen und Terroranschlägen will keiner Ferien machen. Einst beliebte Ziele wie Tunesien oder Ägypten sind bis auf weiteres von der Urlaubskarte gestrichen.

Zum Glück haben andere Dinge Bestand: Deutschland ist seit jeher das beliebteste Urlaubsland der Deutschen. Die meisten Sonnenhungrigen zieht es allerdings nach Spanien, gefolgt von Italien, Türkei und Österreich.

aus der Sendung vom

Do, 5.6.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.