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SENDETERMIN Do, 6.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Forensische Psychiatrie Werden psychisch Kranke krimineller?

Die Zahl der Patienten in der forensischen Psychiatrie ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Wer einmal drin ist kommt schwer wieder raus. Sind psychisch Kranke demnach heute krimineller? Experten sehen andere Gründe für den Boom des Maßregelvollzugs.

Sicherung und Besserung

Ein beeindruckendes Bollwerk: Der Sicherheitsbereich der forensischen Psychiatrie in Wiesloch. Betonwälle, Stacheldraht, Stahltore, Kameras. Sicherheit erwartet die Bevölkerung, weiß Chefarzt Dr. Christian Oberbauer. Und der Arzt, wird er hier zum Gefängnisdirektor? Dr. Oberbauer wehrt ab: "Alle Menschen die zu uns kommen, sind als schuldunfähig oder erheblich schuldgemindert eingeschätzt, und haben deshalb Anspruch auf Behandlung, und wir verstehen uns schon als Krankenhaus." Ein Krankenhaus mit einem sensiblen Doppelauftrag: Die Gesellschaft zu schützen, aber auch die Patienten im Rahmen des Möglichen zu therapieren und zu bessern.

Rund fünfzig Patienten sind hier im Sicherheitsbereich untergebracht: Sie haben Straftaten im Kontext ihrer psychischen Erkrankung begangen. Nur 12 Prozent von Ihnen sind Sexualstraftäter, meist führte Körperverletzung in einer seelischen Krise zur Einweisung. Das Ziel der "Besserung" macht den Unterschied zum Gefängnis. Das bedeutet aber auch, dass Patienten nicht zwangsläufig nach dem Absitzen einer festgelegten Haftstrafe entlassen werden müssen: Ein Patient sieht das so: "Hier wird man sozusagen zu seinem Glück gezwungen, entweder man ändert sich, und verbessert sich, und kommt irgendwann raus und wird entlassen. Oder man macht halt gar nix und bleibt halt da."

Boom des Maßregelvollzugs

Seit langem steigt die Zahl psychisch Kranker, die als Straftäter nach dem Maßregel-Paragraphen 63 des Strafgesetzbuchs eingewiesen werden: Und zwar, wie eine Studie für den Zeitraum 1995 und 2009 zeigt, um 132 Prozent in den alten Bundesländern. Sind psychisch Kranke also krimineller geworden? Im Gegenteil, sagt Dr. Oberbauer, die Straftaten seien sogar leicht rückläufig - aber die "gefühlte Sicherheit" in der Gesellschaft habe abgenommen. Und das, so der Klinikchef "geht ja an uns, aber auch allen, die da noch mit entscheiden - juristische Stellen zum Beispiel - nicht vorbei. Wir sind vielleicht alle ein Stück weit vorsichtiger geworden." Zurückhaltender in Lockerungsmaßnahmen, oder der Entscheidung, jemanden zu entlassen.

Eine alternde Gesellschaft wie Deutschland wird sicherheitsbedürftiger, auch Behörden reagieren auf das Meinungsklima. Der Boom des Maßregelvollzugs wird aber auch durch strukturelle Veränderungen gefördert, wie den Bettenabbau in der Allgemeinpsychiatrie: Patienten sollen nicht mehr so lange von der Außenwelt abgeschottet sein. Sie werden heute verstärkt ambulant versorgt. Oft ist das sinnvoll, doch der Umgang mit Problemfällen wird schwerer: Vor allem Patienten mit schizophrenen Psychosen brauchen langfristige Behandlung. Und gerade Schizophrene sehen oft nicht ein, dass sie erkrankt sind, sagt, Dr. Andrea Haarnagel, Psychiaterin an der Wieslocher Klinik: Die Schizophrenen "kommen häufig erst dann in die Psychiatrie, wenn sie sehr auffällig werden, wenn sie vielleicht andere angegriffen haben, oder für sich selbst gefährlich wurden, das heißt: in absoluten Krisensituationen ihrer Erkrankung." Die allgemeinpsychiatrischen Ambulanzen sind da oft überfordert, und so summieren sich Krisenhandlungen schneller zu Belegen, dass der Kranke auch ein Straftäter ist.

Langzeittherapie in der Forensik

Laut Dr. Haarnagel gibt es eine "Forensifizierung": "Dafür spricht, dass immerhin schon jedes vierte psychiatrische Bett mittlerweile in der Forensik steht." In der forensischen Psychiatrie ist Langzeittherapie bei komplexen Krankheitsbildern noch möglich - aber die zieht sich oft länger als nötig: Ärzte können schwierige Patienten nicht mehr so einfach ruhigstellen, Richterbeschlüsse für "Zwangsbehandlungen" gegen den Patientenwillen sind nötig, und diese Vorgänge benötigen Zeit. Genauso wie externe Zweitgutachten, die für Entlassungen erstellt werden müssen. Es kommen also immer neue Patienten hinzu, ohne dass in gleicher Zahl entlassen wird.

Portrait von Dr. Andrea Haarnagel

Frau Dr. Andrea Haarnagel von der Wieslocher Klinik

Sicherheit wird großgeschrieben, und das findet die Gutachterin Dr. Haarnagel durchaus berechtigt. Sie selbst ist Mutter und möchte, dass ihre Kinder in einer sicheren Gesellschaft leben. Und dennoch ist da auch Auftrag der "Besserung": "Wir denken, dass Menschen sich verändern können und auch wollen, dass sie nicht an Krankheitssymptomen leiden wollen, sondern dass sie sich auch Ansätze wünschen, mit ihrer Erkrankung so umzugehen, dass sie selber glücklicher leben und für andere nicht mehr gefährlich sind."

Maßregelpatienten nicht stigmatisieren

Neben dem Sicherheitstrakt gibt es hier noch eine andere Welt der forensischen Psychiatrie. Rund um einen zur Stadt Wiesloch offenen Park sind die offeneren Stationen in den Häusern des alten Sanatoriums untergebracht: Patienten mit guten Prognosen werden hier auf die Freiheit vorbereitet. Sie lernen wieder für sich selbst zu sorgen.
Und in der forensischen Ambulanz melden sich regelmäßig die Patienten, die schon entlassen sind, in einer Wohngruppe leben, oft auch arbeiten. Die ambulante Nachsorge in der Forensik ist eine relativ neue Entwicklung: 2003 öffnete die Wieslocher Ambulanz als erste in Baden-Württemberg. Auch Dank der intensiven Nachsorge nimmt die Rückfallwahrscheinlichkeit bei Maßregelpatienten ab. Vorurteile gibt es "draußen" dennoch zuhauf, so Dr. Oberbauer: "Menschen, die bei uns sind, die sind ja doppelt stigmatisiert. Einmal dadurch, dass sie eine seelische Erkrankung haben, und sie haben dazu noch eine Straftat begangen." So haben es Maßregelpatienten doppelt schwer, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch psychisch kranke Täter sind heute keineswegs gefährlicher geworden. Die Bevölkerung zu schützen, das sei sehr wichtig; doch Patienten wieder eine Perspektive zu geben, ist der zweite Auftrag der forensischen Psychiatrie. Und das funktioniert nur, wenn die Gesellschaft auch dieses Ziel unterstützt.

Definition:
Forensische Psychiatrie
Forensische Psychiatrie ist das Teilgebiet der Psychiatrie, das sich mit den juristischen Fragen befasst, die sich im Zusammenhang mit psychisch kranken Menschen stellen. Dazu gehören die Schuldfähigkeit und die Einschätzung des Gefährlichkeitsgrades von Straftätern sowie deren Behandlung (...) Aufgaben der Maßregelvollzugskliniken sind die Besserung und die Sicherung von psychisch- und suchtkranken Tätern.

Gesetzliche Grundlagen
Die Forensische Psychiatrie und Psychotherapie ist Teil des Maßregelvollzugs. Ihre Aufgabe ist das Sichern und die Therapie von Patienten, die im Rahmen einer psychiatrischen Erkrankung oder einer Suchterkrankung straffällig geworden sind. Der Gesetzgeber unterscheidet dabei zwischen psychisch kranken – nach §63 des Strafgesetzbuchs − und suchtkranken (§ 64) Patienten. Eine Unterbringung nach § 63 setzt eine verminderte oder aufgehobene Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt voraus. Grundsätzlich ist die Dauer des Aufenthalts von psychisch kranken Patienten im Maßregelvollzug nicht begrenzt. Das Gericht überprüft in jährlichen Abständen, ob eine weitere Unterbringung notwendig ist. (Auszüge aus: www.forensik-transparent.de)