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SENDETERMIN Do, 6.2.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Früherkennung Wenn der Krebs nicht böse ist

Es gab eine Zeit, da wurden Krebserkrankungen tabuisiert. Das hat sich zum Glück geändert. Heute ist Früherkennung ein riesiges Thema. Oft werden große Versprechungen gemacht. Doch halten diese einer wissenschaftlichen Überprüfung stand?

Wenn der Krebs nicht böse ist

Früherkennung kann zu unnötigen Therapien führen

Früh erkannt, sei Krebs gut heilbar, diese Botschaft hat sich festgesetzt. Doch Untersuchungen zur Früherkennung von Krebs bergen auch erhebliche Gefahren, sagt der Leiter der Krebsmedizin in der Berliner Helios-Klinik, Prof. Wolf-Dieter Ludwig. "Das große Risiko ist, dass wir eine Überdiagnose und eine Übertherapie bei relativ gutartigen Tumorarten, zum Beispiel bei der Schilddrüse oder der Prostata durchführen. Die dann dazu führen, dass wir diese Patienten unnötig behandeln mit Chemotherapien, mit Bestrahlungen oder sogar mit Operationen und das Leben der Patienten letztlich nicht verlängern, sondern ihnen schaden und sie damit von dieser Früherkennung gar nicht profitieren.“

Krebs sei nicht gleich Krebs, sagt Ludwig. Das müssten Mediziner endlich berücksichtigen. „Wir wissen heute, dass es viele Tumorerkrankungen gibt, die sehr langsam wachsen, bei denen wir in den ersten Jahren nichts anderes machen als den Verlauf dieser Erkrankung zu beurteilen.“ Warten und beobachten sei in vielen Fällen das richtige Verfahren. Stattdessen werde aber praktisch bei jeder Gewebeveränderung gleich operiert. Mediziner müssten ihren Patienten erklären, dass die Diagnose Krebs keineswegs immer eine tödliche Krankheit bedeute, sagt Ludwig.

PSA-Test: Mehr Schaden als Nutzen

Beispiel Prostatakrebs: In der Gruppe der Männer über 70 Jahre haben sogar 80 Prozent diese Gewebeveränderungen. Aber weniger als drei Prozent sterben daran - und das zumeist erst in einem Alter, das über der normalen Lebenserwartung der Männer liege. Das Problem: Die Therapie ist gefährlich, Impotenz und Inkontinenz sind bei etwa der Hälfte der behandelten Männer die Folge. Hier führt Früherkennung zu unnötiger und schädlicher Medizin- und zu immer mehr Krebskranken.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Zahl der erkannten Prostatakrebsfälle vor allem durch die Früherkennung mit dem PSA-Test mehr als verdoppelt. Die Früherkennung änderte aber praktisch nichts an der Zahl der Opfer des Prostatakrebses. Wo liegt da der Nutzen der Früherkennung?

Am Max-Plank-Institut für Bildungsforschung, Abteilung Risikokompetenz, hat Odette Wegwarth Studien zur Früherkennung gesichtet. Beim Prostatakrebs ist Früherkennung nach den Studiendaten besonders gefährlich. Es gebe einen vermeintlichen Anstieg bei Prostatakrebs. "Ohne die Früherkennung hätten die Menschen mit dieser Zellveränderung weitergelebt und nie geahnt oder gewusst, dass da irgendetwas ist, was ihnen aber eigentlich auch nichts tut.“

Portrait Odette Wegwarth

"Früherkennung kann sogar schädlich sein"

Ob ein PSA-Test überhaupt Leben retten könne, sei umstritten. Aber wenn das der Fall wäre, würden mindestens 35 Männer operiert, die davon gar keinen Nutzen, sondern nur einen Schaden hätten. Das Erschreckende: Dasselbe verhängnisvolle Muster zeigt sich auch bei Schilddrüsenkrebs, Nierenkrebs oder Hautkrebs.

Durch Früherkennung steigen die Zahlen der entdeckten Gewebeveränderungen, doch die Zahl der Opfer bleibt gleich. Experten erklären das folgendermaßen: Ungefährlicher Krebs tötet nicht, auch wenn er nicht erkannt wird. Oder er wird später anhand von Symptomen erkannt und ist dann auch noch gut behandelbar. Gefährlicher Krebs führt auch früh erkannt in der Regel zum Tod. Betroffene wissen durch die Früherkennung lediglich länger von ihrem Schicksal.

Nicht jede Gewebeveränderung ist gefährlicher Brustkrebs

Beispiel Brustkrebs: Mit der Früherkennung steigt die Zahl der entdeckten Gewebeveränderungen. Das führt zu mehr Chemotherapien, Operationen, Bestrahlungen. Der Zahl der Frauen, die von dem Aufwand profitieren, ist vergleichsweise winzig. Den leichten Rückgang der Sterbezahlen seit den 1990er Jahren erklären Experten mit besseren Therapien. Denn diese Entwicklung zeigt sich praktisch in allen westlichen Ländern, unabhängig davon, ob oder wann sie das Mammografie-Screening begannen.

Odette Wegwarth hat ihre Zahlen zum Nutzen des Screenings aus der aktuellsten und größten Studie, die ein unabhängiges Wissenschaftlerteam der international renommierten Cochrane-Gesellschaft angefertigt hat. Es gebe etwa eine Reduktion der Brustkrebssterblichkeit von einer Frau pro 2.000 Frauen in zehn Jahren, sagt sie. "Der Schaden der Frauen, die an der Mammografie teilnehmen, ist, dass eine Zellveränderung entdeckt wird, die fälschlicherweise für Brustkrebs gehalten wird. Hätten sie nie an der Mammografie teilgenommen, hätten sie nie eine Brustkrebsdiagnose bekommen, wären aber auch nie an Brustkrebs gestorben."

Mammographie

Sind Mammographien immer sinnvoll?

So verringere eine Frau, ihr Risiko an Brustkrebs zu versterben, etwa um ein halbes Promille in zehn Jahren, wenn sie alle zwei Jahre am Screening teilnimmt. Ihr Risiko durch das Screening zur Brustkrebspatientin zu werden, obwohl die Gewebeveränderung nie zu einem Problem geworden wäre, ist fünfmal höher als die Lebensrettung. Kein gutes Verhältnis von Nutzen und Schaden. Darüber sollten Screening-Willige besser informiert werden.

Nur bestimmte Risikogruppen profitieren deutlich von Früherkennung, sagt Onkologe Ludwig. "Wir wissen heute, dass bei vielen Tumorerkrankungen eine familiäre Disposition besteht, dass bei bestimmten Personengruppen durch eine berufliche Exposition gegenüber Schadstoffen oder aber auch durch Vorerkrankungen, die mit Chemotherapie oder Bestrahlung behandelt wurden, ein erhöhtes Risiko für Zweittumoren besteht. In diesen Situationen hat sich die Früherkennung eindeutig als sinnvoll erwiesen.“

Gutartiger Krebs könnte anders heißen

Generell sei es an der Zeit, den Umgang mit dem Thema Krebs zu ändern, fordert Ludwig. Das beginne schon bei der Bezeichnung "Krebs": "Wir wissen heute aufgrund molekularbiologischer Untersuchungen, dass sich hinter der Bezeichnung Krebs eine Vielzahl von Tumorerkrankungen verbirgt, die zum Teil eher gutartige Verläufe zeigen. Deshalb müssen wir uns Gedanken darüber machen, ob wir wirklich jede Krebserkrankung als Krebs bezeichnen oder nicht für gewisse gutartige Untergruppen andere Bezeichnungen finden. Ich denke, wir sollten die Patienten in diesen Situationen nicht unnötig mit der Bezeichnung Krebs verunsichern."