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SENDETERMIN Do, 15.7.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gewaltforschung - Wenn das Böse bleibt

Dem Bösen auf der Spur

Früher galt so gut wie jeder Gewalt- und Sexualstraftäter als therapierbar - ein Irrtum. In der Forensischen Psychiatrie Eickelborn hat man diese Lektion gelernt, auch durch Vorfälle, bei denen man sich in den Patienten geirrt hatte. Volker K ist seit über 13 Jahren Patient der dortigen forensischen Klinik. 1993 brachte er brutal eine Frau um, die er zuvor sexuell missbraucht hatte. Ist es nach 17 Jahren für ihn Zeit die Anstalt als geheilt zu entlassen – oder sind Sexual- und Gewaltverbrecher wie er gar nicht therapierbar oder sollten sie ein Leben lang hinter Gittern bleiben?

Heute ist Volker K. entsetzt über das, was ihn vor rund 17 Jahren zum brutalen Sexualmord trieb: „Das ist wie ein Rausch. Und dann kommt das Erschrecken über sich selber.“ Seit 1997 ist die Anstalt sein Alltag: Arbeit, täglich eine Stunde Freigang, Therapie. Früher galten Sexualverbrecher wie er nicht nur als therapierbar, sondern auch als heilbar. Inzwischen zweifelt man in vielen Fällen daran. Auch in der Klinikleitung: “Das ist nicht wie beim Chirurgen, wo sie ein Geschwür entfernen lassen können. Eine Therapie ist kein TÜV-Siegel“, sagt Nahlah Saimeh, Psychiaterin und Klinikdirektorin der forensischen Psychiatrie in Eickelborn.

13 Jahre lang hat sich Volker K. in Therapien mit seiner Tat beschäftigt. Geht von ihm heute noch immer eine Gefahr aus? Hirnforscher wie Gerhard Roth wollen das an Bildern des Gehirns ablesen: „Bei normalen Gehirnen findet man wenig und bei psychisch schwer kranken Menschen und Gewalttätern findet man auffällige Ereignisse.“ Doch bedeutet das auch, dass die dunklen Seiten im Gehirns langfristig düster bleiben? Wieviel können Therapien bei Tätern wie Volker K. bewirken?

Gegen die Spirale der Gewaltphantasien

Gruppentherapie in der forensischen Psychiatrie Eickelborn. Einmal pro Woche geht es hier um brutale Details. Die Männer sollen lernen die Spirale der Gewaltphantasien zu stoppen, die sie zu Täter werden lässt. Mit dabei Volker K.

Hier reden die Täter offen über das, was sie zur Tat trieb: „Das kann wochenlang gehen, das kann auch Monate lang gehen, dass das immer nur im Kopf rattert. Und dann hat die Phantasie nicht mehr ausgereicht. Und dann hat auch die Selbstbefriedigung nicht mehr ausgereicht, alles hat nicht mehr ausgereicht“, beschreibt einer. „Bei mir war die Sexualität rein Mittel zur Demütigung. Die größtmögliche Demütigung für ein Opfer zu erzeugen. Der Wunsch nach Rache… Wut und Zorn auszuleben“, sagt ein anderer. Und für Volker K. ist klar: „Es ist mir natürlich um Macht gegangen. Ich habe die Macht. Ich habe die Macht zu entscheiden, was ich nun mit Dir mache. Und irgendwann hab ich’s dann eben in die Tat umgesetzt.“

Das Risiko rechtzeitig erkennen. Den Kreislauf der Gedanken durchbrechen. Psychologin Isabelle Rössing hat Volker K. 5 Jahre dabei lang therapeutisch begleitet. Inzwischen liegt die Therapie hinter ihm. In ihren Augen hat er Fortschritte gemacht: „Herr K. hat gelernt offen über seine Sexualstraftat zu sprechen, Risikosignale zu identifizieren, die kontrollieren zu lernen. Und was Herr K. auch geschafft hat, ist im Alltag einen Ausgleich zu schaffen, also sein Streben nach Anerkennung, nach Wertschätzung seiner Umwelt durch einen anderen Mechanismus zu erreichen als über Sexualität. Er hat sich früher sehr stark über Leistung auch im sexuellen Bereich definiert. Inzwischen schafft er das im kreativen Bereich, also er spielt Theater, lässt sich künstlerisch aus, macht Musik. Das sind alles Verhaltensweisen, die dazu führen, dass das Gefährliche an seinem Verhalten entschärft wird.“

„Wir können keinem in den Kopf kucken“

Zwei Frauen sitzen am Tisch und schauen sich auf der Bühne das Schauspiel zweier Männer am Tisch an.

Rollenspiel, um nicht aus der Rolle zu fallen.

Wer ihn bei der Theaterprobe sieht, kann kaum glauben, dass Volker K. vor 17 Jahren einen kaltblütigen Sexualmord beging. Für seine Therapeuten ist er ein Musterpatient. Doch gerade intelligente Täter wissen oft, was Therapeuten von ihnen hören wollen. Alles nur Fassade?

Selbst für Diplompsychologin Isabel Rössing, die viele Täter sehr gut kennt, ist das oft nicht mit endgültiger Sicherheit zu sagen: „Wir haben keine Röntgenaugen und können niemandem in den Kopf gucken. Wenn uns jemand etwas vorspielen möchte, dann kann er das letztendlich tun, dass auf der einen Seite nach außen hin etwas dargestellt wird, ein bestimmtes Image den Behandlern präsentiert wird, nach innen hin vielleicht der gleiche Film gefahren wird wie zur Zeit der Straftaten, sexuell abweichende Wünsche weiter existieren.“ Und auch die Klinikleiterin Nahlah Saimeh hat schon erlebt, dass sich selbst geschulte Fachkräfte in Tätern täuschten: „Es gibt natürlich die Fälle, wo Sexualstraftäter in der Therapie augenscheinlich sehr gut mitmachen, problemeinsichtig werden und dahinter aber sich sozusagen gedanklich aus der Therapie verabschieden. Ich erinner mich da konkret an einen Mann, der als sehr therapiemotiviert galt, der aber heimlich für sich beschlossen hat, noch mal eine Frau überfallen zu wollen.

Therapie – beim einen wirksam, beim anderen nicht

Ob die Mehrheit der Gewaltverbrecher so reagiert, oder Therapie auch erfolgreich sein kann, untersucht der renommierte Hirnforscher Gerhard Roth. Täter, deren Gehirn die Funktion für Mitgefühl fehlt, hält er für unberechenbar. Sie können sich perfekt verstellen und schlagen dann zu: „Das ist das Problem bei den Psychopathen, die haben kein Reue- und kein Schuldgefühl, die können aber wunderbar etwas vortäuschen und die meisten Psychiater beißen sich daran die Zähne aus“, beschreibt Gerhard Roth. „Den impulsiv-reaktiven Gewalttätern dagegen kann man die Mechanismen, die sie gewalttätig machen abtrainieren, die haben ja ein Reuegefühl.“

Hier kann Therapie nützlich sein, weil sie im Gehirn von impulsiven Tätern etwas verändern kann. Das zeigen die Daten der Hirnforscher. Impulsive Gewaltverbrecher wie Volker K. sind also prinzipiell therapierbar. Das heißt allerdings nicht, dass sie geheilt sind.

„Therapierbar“ heißt nicht immer gleich „heilbar“

Hand malt mit Pinsel eine Blume aufs Papier

Malen schafft inneren Ausgleich.

Für Klinikleiterin Nahlah Saimeh und Psychologin Isabel Rössing gibt es einen klaren Unterschied zwischen “therapierbar” und “heilbar”: „Heilung gibt’s bei uns nicht“, sagt Rössing. „Also die Sexualstraftäter die wir behandeln werden nicht geheilt, sondern die werden therapiert und das Ziel ist, dass sie sich kontrollieren können.“ Klinikdirektorin Nahlah Saimeh betont: „Therapie reduziert Gefährlichkeit – für diejenigen Menschen die wieder rauskommen, aber auch für diejenigen, die innerhalb einer solchen gesicherten Einrichtung leben.“

In der sicheren Umgebung der Klinik hat Volker K. seine früheren Aggressionen, Hass- und Rachegefühle inzwischen weitgehend im Griff. Ob er sich auch „draußen“ ebenso unter Kontrolle hätte, ist unsicher. Denn dort wäre er auch vielen früheren Risikofaktoren wieder schonungslos ausgesetzt und müsste seine Reaktionen darauf stärker kontrollieren als bisher. Die Forensik wird er deshalb wohl so schnell nicht verlassen. – Ein Leben hinter Gittern?

„Es könnte sein, dass ich hier wirklich nie wieder rauskomme“, sagt Volker K. dazu „Und ich sage mir, ich versuche das Leben das ich hier habe für mich so positiv wie möglich zu gestalten. Mehr kann ich da eigentlich nicht tun, denn letztendlich hab ich etwas getan, das nicht zu verzeihen ist. Für das, was ich getan hab, ist das gerechtfertigt.“