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SENDETERMIN Do, 29.9.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wehrtechnik Rüstungsforschung im Ländle

Tüfteln für Bundeswehr und Rüstungsindustrie im Namen der Sicherheit: Einblicke in die Verteidigungsforschung der Fraunhofer-Gesellschaft in Zeiten gesteigerter Unsicherheit.

Im Krieg ist wenig sicher. Keiner weiß vorab, ob Strategien und Taktiken erfolgreich sein werden. „Krieg“, so ein Militärexperte, lasse sich auch als „ein Zustand forcierter Ungewissheit“ beschreiben: Daher sucht jede Seite den besten Überblick, den entscheidenden Wissensvorsprung. Die „Lage“ richtig zu beurteilen, ist oft wichtiger, als über die schlagkräftigste Waffe zu verfügen. Am Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) steht ein Prototyp, der ganz konkret den besten Überblick verspricht: Der „digitale Lagetisch“ bündelt Satellitenbilder, Geodaten, Kartenmaterial, auch Live-Videos, die auf einer schreibtischgroßen Projektionsscheibe eingespielt werden. Strategen an verschiedenen Orten können über Tablet-Computer und 3D-Brillen gemeinsam an diesem Tisch planen und damit, immer auf dem gleichen Informationsstand, an der Lage feilen.

Militärisch-ziviler Doppelnutzen

Der interaktive Tisch ist eine Eigenentwicklung des IOSB, ohne konkreten Auftrag. Die Bundeswehr setzt den Prototyp aber bereits im Lehrbetrieb ein. Dabei wollen die Erfinder am Karlsruher Standort des Instituts nicht martialisch wirken. Der Lagetisch mit intuitiver Bedienung, auch unter Stress, ist natürlich für das Militär interessant, so der Entwickler Dr. Florian van de Camp, aber auch für Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz: „Jeder, der sich ein Bild von einer geographischen Lage machen will, kann davon profitieren.“ Gerne sprechen die Wehrtechnikforscher bei solchen Entwicklungen vom „dual use“: Also vom kombinierten militärischen und zivilen Nutzen einer Innovation. Das ist ökonomisch sinnvoll und hilft manchmal auch, Kritikern der Wehrtechniklabors den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Rüstungsforschung“, das hört hier am Institut ohnehin keiner gern: Das IOSB ist Teil des „Fraunhofer-Verbunds Verteidigungs- und Sicherheitsforschung“ (VVS), und nach dem Selbstverständnis der Forscher geht es immer vorrangig um Schutz und Sicherheit.

Ziviler Markt als Schrittmacher

So auch im Bereich Optronische Systeme. Hier tüfteln die Forscher daran, die Vorteiler zweier bekannter Nachtsicht-Techniken zu verschmelzen: Das Verstärken von vorhandenem Restlicht, also Photonen-Reflexionen, und das thermische Sehen von Eigenstrahlung, sprich Körperwärme. Beide Methoden haben ihre Vorteile und Schwächen. Gesucht wird ein Verfahren, um in einem Kombi-Sichtgerät dem Nutzer immer den bestmöglichen Blick in der Finsternis zu bieten. Das kann Drohnenkriegern, Scharfschützen, aber auch der Polizei nutzen: Schneller erkennen, ob ein Dunkelmann bewaffnet ist, oder ein harmloser Zivilist. Ebenso sind bessere Gefahrensensoren im Automobilbau durch diese Innovation möglich. Aufklärungstechnik, die töten und schützen kann, das ist das Doppelgesicht des doppelten Nutzens. Dr. Reinhard Ebert, Standortleiter des IOSB in Ettlingen, sieht da ohnehin keine Trennschärfe mehr: Was die Digitalisierung angehe, sei „zwischen ziviler und militärischer Forschung kaum zu unterscheiden: Dort, wo Technologien den Massenmarkt erschließen, wird sich auch im militärischen Bereich der Anwender umschauen und versuchen, diese Entwicklung zu nutzen.“ Militärforschung, so Ebert, sei heute in vielen Bereichen nicht mehr eine exklusive Welt voller Eigenentwicklungen: Computertechnik nehmen die Wehrtechniker „off the shelf“ – aus dem Marktregal – und passen sie an. Und gerade weil der zivile Markt so schnell ist, muss die Militärtechnik rastlos mithalten, immer unter dem Damoklesschwert mangelnder IT-Sicherheit und Hackerattacken - alles was zivile Unternehmen und Otto-Normaluser auch zu fürchten hat.

Schutztechnik für Waffensysteme

Im Bereich „Sensorschutz“ gilt das Augenmerk am IOSB dem Schutz von Mensch und Maschine vor Laserstrahlen. Im Internet sind zum Beispiel Laserpointer erhältlich, die die fürs Auge unbedenkliche Lichtstärke um das 700-fache übersteigen. Die Forscher entwickeln Spezialbrillen und automatisch abdunkelnde Visiere für Polizisten und Piloten, um sich dagegen zu schützen. Und im Bereich „Tarntechnik“ wird an Materialen geforscht, die Soldaten und Fahrzeuge weniger auffällig für Wärmebildkameras machen. Immer wieder: Schutz und Sicherheit. Waffentechnik ist hier gar nicht zu sehen – oder wird sie nur nicht gezeigt? Prof. Jürgen Beyerer, Leiter des IOSB versichert, dass es Waffenentwicklung im engeren Sinne am Institut gar nicht gibt. Besser sehen, täuschen, tarnen, und so Herr der Lage sein, darum geht es zumeist: Die Ergebnisse dieser anwendungsorientierten Forschung kann der Auftraggeber Bundeswehr aber schon an Rüstungsunternehmen weitergeben. Die entwickeln die Prototypen dann zur Serienreife weiter, bauen die Produkte und modifizieren sie für spezielle Anforderungen – und bekommen da mitunter wieder Hilfestellung durch die Fraunhofer-Forscher. Dass die Schutz- und Sicherheitstechniken dann auch in Waffensystemen eingesetzt werden, ist für die Forscher kein Widerspruch: „Wenn man den Blickwinkel einnimmt“, so Prof. Beyerer, „es geht um die Sicherheit unserer Gesellschaft, unseres Landes und unserer Freiheit. Und wir letztendlich dafür forschen, dass diese Sicherheit aufrechterhalten und gewährleistet wird, dann gibt es diesen Widerspruch überhaupt nicht.“

Immer mehr Überwachungstechnik?

Jürgen Beyerer hat einen Lehrstuhl für „interaktiven Echtzeitsysteme“ an der zivilen technischen Universität in Karlsruhe. Und ist gleichzeitig Sprecher des VVS, bestehend aus zehn Fraunhofer-Instituten. Die Wehrforscher haben derzeit gute Argumente: Die „asymmetrischen“ neuen Kriege werden nicht mehr in weiter Ferne geführt, sie rücken als Terror in das Zivilleben der westlichen Welt vor. In diesem Klima ständiger Bedrohung wächst die öffentliche Akzeptanz neuer Technologien, die mehr Schutz und Sicherheit versprechen. VVS bekommt Mittel aus Verteidigungs- und Forschungsetat. Ebenso Projekte aus dem milliardenschweren „europäischen Sicherheitsforschungsprogramm“ – bei dem auch Berater aus den Rüstungskonzernen mitreden. Doch gerade beim Schutz der Zivilgesellschaft stellt sich die Frage, wie viel Sicherheit die technische Aufrüstung bringt. Terroristen werden auch weiterhin mit einfachsten Mitteln den ganzen Überwachungsapparat aushebeln. Prof. Jürgen Beyerer räumt ein, da fühle auch er eine gewisse Ohnmacht und wisse „dass Technologie nur einen Beitrag leisten kann.“ Es seien vielmehr „gesellschaftliche, politische Probleme, die gelöst werden müssen, um an die Ursachen fehlender Sicherheit heranzukommen.“

Das Versprechen, mehr Schutz und Sicherheit zu bieten, treibt die Forschung und einen mächtigen Wirtschaftszweig an. Doch auch hier, im wehrtechnischen Labor der Republik, weiß man, dass die Lage eben nicht so klar und überschaubar ist, wie es die glatte, geordnete Oberfläche des „digitalen Lagetischs“ verspricht.

Buch

Herfried Münkler

Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. Und 21. Jahrhundert

Verlag:
Rowohlt, Berlin 2015
Genre:
Sachbuch