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SENDETERMIN Do, 14.8.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

SWR odysso-Sommerprogramm Wege aus der Depression - Der Kampf gegen eine Volkskrankheit

Fast 10.000 Suizide werden jedes Jahr verübt, und in den meisten Fällen steckt eine Depression dahinter. Trotzdem ist die Krankheit immer noch mit einem Tabu belegt.

Depression - was steckt dahinter?

Es gibt immer auch wieder einen Weg aus der Verzweiflung

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Depression, einer potentiell tödlichen Krankheit: Fast 10.000 Suizide werden jedes Jahr verübt, und in mehr als 90 Prozent der Fälle steht eine psychische Erkrankung dahinter, meistens eine Depression. Nach Prognosen der Weltgesundheitsorganisation wird die Depression im Jahr 2020 die zweithäufigste Krankheitsursache weltweit sein. Häufig zieht eine Depression andere Krankheiten nach sich: Depressionen sind ein Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen, für Diabetes, Demenz und Infektionen. Wer depressiv ist, fühlt sich ängstlich, niedergeschlagen und verzweifelt. Doch nicht jede Traurigkeit ist eine behandlungsbedürftige Krankheit. Bei der Depression hat die schlechte Stimmung keinen konkreten Anlass, wie zum Beispiel Trennung, Krankheit oder den Verlust eines Angehörigen. "Die Depression ist mehr als reine Niedergeschlagenheit. Es ist eine Krankheit, die den ganzen Körper erfasst", sagt Florian Holsboer, Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie.

"Nur 10 Prozent der Patienten sind optimal behandelt"

Die Depression ist eine Volkskrankheit. Doch anders als Herzinfarkt oder Diabetes ist sie noch immer mit einem Stigma behaftet. "Wer depressiv ist, hat selber schuld", lautet ein unausgesprochenes Vorurteil. Viele Patienten versuchen deshalb, die Krankheit geheim zu halten, so lange es geht. Und auch Hausärzte denken oft nicht an eine Depression, wenn Patienten mit unklaren Beschwerden in die Praxis kommen. "Etwa 30 Prozent aller Patienten gehen aus der Hausarztpraxis heraus, ohne dass der Arzt eine Diagnose für sie findet", sagt der Psychiater Michael Freudenberg. "Und ein Großteil dieser Patienten hat sicher eine depressive Symptomatik." Das große Schweigen beim Thema Depression verursacht unnötiges Leid, denn den Patienten wird nicht ausreichen geholfen: "Nur zehn Prozent aller Patienten sind optimal behandelt", sagt Thomas Müller-Rörich, Vorsitzender der Deutschen Depressions-Liga. Optimale Behandlung würde bedeuten, dass die Patienten eine Psychotherapie machen können und bei schweren Depressionen zusätzlich Antidepressiva bekommen. Doch vor allem auf dem Land gibt es viel zu wenig Therapeuten, viele Patienten müssen monatelang auf einen Therapieplatz warten. Und noch immer streiten die Experten um die richtige Behandlung der Depression. Während Psychiater die Krankheit mit Pillen behandeln wollen, setzen Psychologen auf Psychotherapie. "Wir Patienten werden im Expertenstreit zerrieben", sagt Thomas Müller-Rörich, Vorsitzender der Deutschen Depressionsliga, "ich brauchte beides, sonst würde ich heute nicht mehr leben."

Burnout oder Depression?

Mann sitzt geknickt auf einer Treppe

Ist Burnout nur ein Modewort für Depression?

Immer mehr Patienten bekommen heute beim Arzt die Diagnose Burnout. Anders als eine Depression ist der Burnout akzeptiert. Er ist quasi eine Trophäe für den modernen Helden der Arbeit. Wer ausgebrannt ist, hat schließlich zuvor alles gegeben. Doch was ist ein Burnout überhaupt: ein Modewort? Oder eine eigenständige Erkrankung? Für Experten wie Florian Holsboer vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München handelt es sich beim Burnout schlicht "um eine verschleiernde Diagnose, die das Stigma einer Depression vermeiden soll." Das Problem wächst, knapp 100.000 Menschen wurden im vergangenen Jahr mit der Diagnose Burnout krankgeschrieben. Lange haben Firmen das Problem totgeschwiegen. Doch mittlerweile setzen sich immer mehr Unternehmen damit auseinander - schon aus rein ökonomischen Interessen.

Depression - Die Suche nach den Ursachen

Trotz jahrzehntelanger Forschung - erst jetzt fangen Ärzte und Wissenschaftler allmählich an, die Ursachen der Depression zu entschlüsseln. Lange glaubten sie, dass eine zu hohe Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Gehirn die Depression auslöst. Heute weiß man, dass es ganz so einfach nicht ist. Die Vorgänge im Hirn sind komplex und noch weitgehend unverstanden. Klar ist, dass mehrere Faktoren zusammen kommen müssen, bevor eine Depression ausbricht. Auch die Gene spielen dabei eine Rolle: Sind Eltern oder Geschwister betroffen, steigt das Risiko selbst eine Depression zu bekommen um 15 Prozent. Ist ein eineiiger Zwilling erkrankt, steigt das Risiko auf 50 Prozent. Die Zahlen zeigen es deutlich: Gene spielen zwar eine Rolle, doch sie allein führen nicht zum Ausbruch der Krankheit. Psychische und soziale Faktoren müssen dazu kommen. Starke Belastungen in der Kindheit zum Beispiel erhöhen das Risiko, eine Depression zu bekommen - Misshandlung und Missbrauch genauso wie der Verlust eines Elternteils. Auch aktueller Stress - im Beruf oder der Partnerschaft - kann als Auslöser wirken und dazu führen, dass eine Depression ausbricht. Das persönliche Risiko hängt vom Zusammenspiel dieser Faktoren ab: Gene, Kindheit und aktuelle Belastungen.

Psychotherapie

Eine Depression ist kein Schicksal, es ist eine Krankheit, die behandelt werden kann. Der oft schwierigste Schritt dabei: die Krankheit anzuerkennen, das Tabu zu durchbrechen. Bei leichten und mittelschweren Depressionen empfehlen Ärzte heute eine Psychotherapie, nur bei schweren Depressionen müssen zusätzlich Medikamente genommen werden. Doch was geschieht bei einer Psychotherapie? Wie helfen die Gespräche, die Krankheit zu überwinden? Eine großangelegte Studie an neun deutschen Unikliniken will das herausfinden.

Therapiesitzung

Psychotherapie aktiviert die Hirnbereiche für soziales Verhalten.

Vor und nach einer mehrmonatigen Psychotherapie werden die Patienten im Kernspintomografen untersucht. Hat die Psychotherapie sichtbare Spuren hinterlassen? Um das herauszufinden, muss die Patientin in der Röhre bestimmte Aufgaben lösen. Sie betrachtet Bilder und kurze Filme – und beantwortet anschließend Fragen: Ist die Person auf dem Foto traurig oder wütend? Wie wird die Handlung im Film wohl weitergehen? Verhalten sich die Personen sozial angepasst? "Noch ist die Studie nicht abgeschlossen, aber wir können sagen: Die Hirnbereiche, die für soziales Verhalten zuständig sind, sind im Laufe der Therapie aktiver geworden", sagt Knut Schnell, Oberarzt an der Uniklinik Heidelberg. Psychotherapie verbessert also nicht nur das subjektive Wohlbefinden der Patienten. Sie verändert Hirnfunktionen. Der alte Streit, ob und wie eine Psychotherapie wirkt, ist damit beantwortet. Was genau für die Veränderungen verantwortlich ist - das gute Verhältnis zwischen Patient und Therapeut oder eine bestimmte Methode der Psychotherapie - verrät die Studie nicht.

Medikamente

In Kliniken und Arztpraxen wird heute eine Vielzahl an Antidepressiva verordnet. Doch die Vielfalt täuscht, denn die meisten Tabletten wirken nach demselben Prinzip. Sie beeinflussen bestimmte Botenstoffe im Gehirn. Die Ursachen der Depression bekämpfen sie allenfalls auf Umwegen. Manchen Patienten helfen die Mittel. Andere müssen vier oder fünf verschiedene Antidepressiva ausprobieren, ohne dass die Depression besser wird.

Florian Holsboer, Direktor des Münchener Max-Planck-Institus für Psychiatrie, weiß: Die Pillen, die heutzutage verschrieben werden wirken - allerdings eher schlecht als recht. "Es dauert Wochen, bis die Wirkung einsetzt, bei manchen Patienten probieren wir zwei oder drei Medikamente aus - und es tut sich gar nichts." Die meisten Antidepressiva erhöhen den Gehalt an Serotonin, einem Botenstoff im Gehirn. "Früher dachten wir, das ist die Ursache der Depression, heute wissen wir, dass es so einfach nicht ist." Trotzdem verbessern die Medikamente - zumindest manchmal - das Befinden der Patienten. Eventuell führen sie auf Umwegen dazu, dass neue Nervenzellen gebildet werden. Dieser Prozess dauert lange und würde erklären, warum die Mittel erst nach Wochen anschlagen. Doch bisher ist das nur eine Theorie.

Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München forschen die Wissenschaftler deshalb an neuen Medikamenten. Florian Holsboer hat sich auf das Stress-System konzentriert, denn bei vielen depressiven Patienten ist die Regulation der Stresshormone außer Kontrolle geraten. Die Forscher haben ein Medikament entwickelt, dass genau dort ansetzt - und testen es zunächst im Tierversuch. Ein erster Schritt - doch falls die Versuche erfolgreich verlaufen, könnte hier die Grundlage für eine ganz neue Klasse von Antidepressiva gelegt werden. Bis es soweit ist, werden in jedem Fall noch mehrere Jahre vergehen.

Was tun, wenn gar nichts mehr hilft?

Den meisten Depressiven hilft eine Behandlung mit Psychotherapie und Medikamenten. Doch bei einigen Patienten schlägt keine Therapie an. Im Kampf gegen die Depression hat Sven Wermer alles probiert: Medikamente und Psychotherapie, Klinikaufenthalte, sogar Elektroschocks. Nichts hat geholfen. Irgendwann sagten die Ärzte zu ihm: "Jetzt wissen wir auch nicht weiter." An der Uniklinik Bonn suchen Forscher nach Wegen, auch solchen scheinbar hoffnungslosen Fälle zu helfen, zum Beispiel durch eine Hirnoperation. Wer an der Studie teilnehmen möchte, muss mindestens drei Jahre lang unter schweren Depressionen leiden, und er muss alle üblichen Behandlungsverfahren ausprobiert haben. In einer siebenstündigen Operation werden Sven Wermer zwei Elektroden ins Gehirn implantiert. Während des Eingriffs ist der Patient bei vollem Bewusstsein, nur so können die Ärzte den Verlauf des Eingriffs direkt kontrollieren. Schließlich darf keine andere Hirnregion verletzt oder beeinträchtigt werden. Bei der Teststimulation im OP zeigen sich spontane Effekte, die Stimmung von Sven Wermer hat sich gebessert. "Ein akuter Effekt, der uns zeigt, dass wir die richtige Stelle stimulieren", sagt der Hirnchirurg, "das erlaubt jedoch noch keine Rückschlüsse darauf, ob die Methode den Patienten auf Dauer helfen kann. Noch ist die Studie nicht abgeschlossen, über die Langzeiteffekte lässt sich derzeit nichts sagen. Sven Wermer geht es nach dem Eingriff besser, doch ob die Wirkung anhält, ob er jemals wieder arbeiten gehen kann, das werden erst die nächsten Monate und Jahre zeigen.

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