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SENDETERMIN Do, 9.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Diabetes Weg von der Insulinspritze

Die Rehaklinik Überruh in Isny setzt auf eine veränderte Ernährung, um Diabetes Typ 2 in den Griff zu bekommen. Helmut Richter hat es ausprobiert, die Insulinspritzen abgesetzt und weniger Kohlenhydrate gegessen.

Immer mehr Diabeteskranke

Die Erkrankungen an Diabetes Typ 2 nehmen rasant zu. Allein in Deutschland sind sechs Millionen Menschen betroffen - neun Prozent der Bevölkerung. Schätzungen gehen allerdings davon aus, dass die Zahl der Betroffenen weit höher liegt. Demnach gibt es schon über zehn Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes. Früher wurde diese Diabetesform "Alterzucker" genannt, da sie vor allem ältere Menschen traf. Heute entwickeln schon Kinder Diabetes Typ 2. Sind unsere Ernährungsgewohnheiten daran schuld?

Insulinspritzen absetzen

odysso hat den an Diabetes erkrankten Helmuth Richter getroffen. Noch vor einem Jahr musste er jeden Tag hohe Dosen Insulin spritzen. Zum Schluss dreimal so viel Insulin wie ein gesunder Mensch normalerweise selbst produziert. Doch der Blutzuckerspiegel von Helmut Richter war trotzdem viel zu hoch. Deshalb machte er 2011 eine Kur. Doch was dann geschah, hätte der Diabetiker nie für möglich gehalten: Nach drei Tagen setzten die Ärzte das Insulin komplett ab.

Ernährung umstellen

Helmut Richters behandelnder Arzt Dr. Peter Heilmeyer von der Rehaklinik Überruh ist überzeugt: Diabetes Typ 2 lässt sich häufig gut therapieren, wenn die Patienten ihre Erkrankung verstehen und lernen, sich dementsprechend zu ernähren. Denn immer wenn wir Kohlenhydrate essen, wird im Körper das Hormon Insulin ausgeschüttet. Es sorgt dafür, dass der Zucker aus dem Blut in die Zellen gelangen kann. Das Insulin öffnet quasi die Transportkanäle der Zellen. So gelangt der Zucker ins Zellinnere und wird dort verbraucht oder gespeichert. Bei Diabeteskranken reagieren die Zellen jedoch nur noch schwach auf den "Zellöffner" Insulin. Nur wenig Zucker gelangt in die Zellen - der Rest bleibt im Blut.

Folgeschäden von zu hohem Blutzucker

Zu viel Zucker im Blut schädigt auf Dauer vor allem die feinen Blutgefäße in den Augen, Nieren, im Herz und den Gliedmaßen. Auch schwere Nervenschäden können die Folge sein. Um das zu verhindern, und um den Zucker aus dem Blut wieder in die Zellen zu transportieren, gibt es zahlreiche Medikamente oder eben die Möglichkeit, Insulin zu spritzen.

Grafische Darstellung der Insulinproduktion einer Bauchspeicheldrüse

Grafische Darstellung der Insulinproduktion einer Bauchspeicheldrüse

Letzteres ist nötig, wenn der Körper kein oder nicht mehr genügend Insulin herstellen kann. Das ist oftmals das Ende eines Teufelskreis: Die Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produziert, reagiert auf einen erhöhten Blutzuckerspiegel, indem sie noch mehr Insulin ausschüttet. Doch je mehr Insulin ins Blut gelangt, desto weniger sprechen die Zellen darauf an. Im schlimmsten Fall produziert die Bauchspeicheldrüse immer weiter Insulin, bis sie schließlich erschöpft aufgibt. Dann sind Insulinspritzen nötig. Doch die Resistenz gegen Insulin bleibt, und die Dosis muss häufig immer weiter steigen.

Kohlenhydrate reduzieren

Mediziner Heilmeyer empfiehlt seinen Patienten deshalb einen anderen Weg: Eine Ernährung mit möglichst wenig konzentrierten Kohlenhydraten, also den weitgehenden Verzicht von sogenannten Sättigungsbeilagen wie Kartoffeln oder Reis und Süßigkeiten. Kleine Portionen Nudeln oder Brot, gelegentlich ein Stück dunkle Schokolade, sind erlaubt. Außerdem dürfen die Patienten fettreicher essen, mehr Eiweiß, Obst und vor allem Gemüse. Das verhindert den starken Anstieg des Blutzuckerspiegels.

Durchhalten schwierig

Aber ist ein Leben mit wenig Brot, Nudeln und fast ohne Süßigkeiten machbar und sinnvoll? odysso fragt Prof. Andreas Pfeiffer vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. Der Experte hält es aus medizinischer Sicht für durchaus wünschenswert, wenn Diabetiker Kohlenhydrate sehr maßvoll verzehren. Allerdings gibt er zu bedenken, dass es für diese Form der Ernährung noch keine Langzeitstudien über Auswirkungen und mögliche Probleme gibt. Vorsichtig sollten Diabetiker sein, die bereits einen Nierenschaden haben. Eine grundsätzliche Schwierigkeit sei, dass solch eine Ernährungsumstellung für viele Menschen sehr schwierig durchzuhalten ist.

Gute Ergebnisse in Überruh

In der Rehaklinik Überruh geht das Konzept trotzdem auf. Auf dem Speiseplan stehen nur 20 bis 25 Prozent Kohlenhydrate am Tag - bei einer normalen Ernährung ist der Kohlenhydratanteil eher doppelt so hoch. Während der Kur werden die Patienten in Einzelgesprächen und Vorträgen sehr gut über ihre Krankheit und die Ernährungsumstellung informiert. Außerdem lernen sie zahlreiche kohlenhydratarme Gerichte kennen.

Klinikeigene Untersuchungen zeigen, dass mindestens die Hälfte der Diabetespatienten durch diese kohlenhydratreduzierte Ernährung völlig ohne Insulinspritze auskommt. Die restlichen Patienten können nach der Kur und Ernährungsumstellung die Insulindosis um 50 Prozent reduzieren.

Die Mehrheit der Patienten in Überruh schafft es, ihr Leben dauerhaft umstellen - wie Helmut Richter. Seit der Reha bewegt er sich mehr und isst weniger Kohlenydrate. So hat er seiner Diabeteskrankheit ein Schnippchen geschlagen.