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SENDETERMIN Do, 23.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Fitness Fitness-Apps – was taugen sie?

Fitness-Apps boomen - Die Mini-Programme versprechen Fitness-Studios und Trainer zu ersetzen. Aber was taugt das Training damit eigentlich? SWR odysso hat den Test gemacht.

Eine Frau trainiert mit einer Fitness-App (Tablet)

Raus aus der miefigen Turnhalle und rein in die virtuelle Fitnesswelt: Fitness-Apps und Online-Sportportale boomen, denn sie versprechen überteuerte Fitnessstudios und Trainer zu ersetzen. Fett verbrennen, Muskeln trainieren und die Kondition verbessern war scheinbar nie so einfach. Mit dem Handy oder dem Tablet kann in digitalen Zeiten jeder trainieren, jederzeit und überall. Klingt toll, doch was taugt das Training mit solchen Fitness-Apps? Können die Miniprogramme tatsächlich einen Trainer aus Fleisch und Blut ersetzen? Das will ich herausfinden. Am eigenen Leib und mit einem Experten. Bewaffnet mit Turnmatte und Tablet fahre ich ans Sportwissenschaftliche Institut der Uni Heidelberg.

Sinnvoll oder Willkür?

In der Sporthalle treffe ich den Sportwissenschaftler Dr. Klaus Weiß. Er ist Spezialist in Sachen Bewegung und Training und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Apps und Online-Sportprogrammen. Unter seinen wachsamen Augen will ich drei Apps testen, die vollkommen unterschiedlich aufgebaut sind. Sie alle versprechen ein effektives Training. Doch noch bevor es mit dem Training losgeht, fällt eines auf: Während ich bei der einen Apps mein Training nach Körperpartie wählen kann, also ob ich mehr meinen Ober-, Unter- oder meinen gesamten Körper trainieren will, fragt mich die nächste nach meinem Trainingsziel: Möchte ich abnehmen, fit bleiben oder meine Muskeln definieren? Die dritte ist eine spezielle Bauch-App, bei der ich aus vielen Übungen direkt wählen kann. Unterschiedliche Ansätze oder schlicht Willkür?

Erkenne dich selbst

"Ich denke es gibt 3 Kriterien", sagt Klaus Weiß auf die Frage, welche Auswahlmöglichkeiten ein sinnvolles Training versprechen. "Das erste wäre die Zielsetzung. Was will ich überhaupt mit dem Training erreichen? Das zweite wäre: welche Ausgangssituation und welche Vorerfahrung habe ich? Und: Wie fit bin ich im Augenblick? Überfordern mich die einzelnen Übungen oder unterfordern sie mich?" Klingt, als müsse man fürs Trainieren mit App schon eine Menge von sich selbst wissen, denn die Apps stellen vorab keine Fragen zur persönlichen Fitness. Eine Beobachtung, die auch Klaus Weiß schon oft gemacht hat. "Das kann man leider nicht erwarten." Doch gerade für Anfänger ist das wichtig. Sonst kann das Training schnell schmerzhaft werden, wenn Dosierung und Übungen zu schwer gewählt werden.

"Biegen Sie die Knie mit dem Oberkörper…"

Es wird ernst: Ich starte mein Training mit der ersten App. Ein Video öffnet sich, eine Frau macht mir jetzt die Übungen vor, die ich dann nachmachen soll. Ich liege mit dem Rücken auf meiner Fitnessmatte und verrenke mir fast den Hals, um dem Video folgen zu können. Denn mit mir sprechen tut die Frau nicht.

Fehlerhafte Übersetzung bei einer Fitness-App

"richten die Oberkörper, strecken die Arme aus" - Alles klar?

Unterhalb des Videos ist zwar zusätzlich noch ein Erklärtext eingeblendet - doch aus Sätzen wie "Biegen Sie die Knie mit dem Oberkörper" werde ich einfach nicht schlau. Schon bei Übung Nummer zwei - einfache Situps - schreitet Bewegungs-Experte Klaus Weiß ein: "Nicht so sehr am Nacken ziehen"“warnt er. "Halten Sie die Blickrichtung an die Decke und gehen Sie nur minimal mit dem Brustbein hoch.“ Eine Korrektur mit aha-Effekt. Jetzt zieht es tatsächlich ausschließlich in den Bauchmuskeln - so wie die Übung auch gedacht ist - doch die Frau auf dem Video kommt so weit hoch, dass ich ihr automatisch nacheifern möchte - und dabei völlig den Nacken überspanne.

Good job!

Wie stellen die anderen Apps sicher, dass ich die Übungen korrekt nachmache? Während sich die eine mit kleinen Bildchen begnügt, führt mich in der anderen eine Fitnesstrainerin durchs Programm. Sie gibt zwar auch mal Hinweise zur Körperhaltung, beschränkt sich im Wesentlichen aber auf ein motivierendes "good job!" oder sagt mir, dass ich das Lächeln nicht vergessen soll: "Tip your toes - and don’t forget to smile!" Wie stellt eine gute App sicher, dass ich die Übungen korrekt nachmache? Der Experte hat da genaue Vorstellungen: "Also wenn ich so eine App sehe, dann sollte sie mir die Übungen erstmal genau erklären: Welche Ausgangs- und und welche Endposition sollte ich haben, mich in der Übung wie bewegen. Sie sollte mir Angaben zur Dosis machen: also wie schnell oder wie langsam sollte ich eine Übung machen und, ganz wichtig: sie sollte auch auf mögliche Fehlerquellen hinweisen und auch ausschließen." Aha. Eine gute App sagt mir also nicht nur wie ich eine Übung richtig mache sondern auch, was ich eventuell falsch machen kann. Doch die Idealvorstellung hat mir der Realität der Apps nichts zu tun.

Kein Korrektiv, keine Warnhinweise

Nur eine der drei Apps bietet eine Art "Gesundheitsinformation" - die lautet aber schlicht: nicht krank trainieren und auf seinen Körper hören. Das Problem bei allen Apps: Niemand korrigiert mich, wenn ich Übungen falsch mache.

Portrait Sportexperrte Klaus Weiß

Sportwissenschaftler Dr. Klaus Weiß hilft bei der Beurteilung der Fitness-Apps

Wer mit App trainieren will, sollte also auf genaue Erklärungen und Warnhinweise achten. Mit Hinweisen geizt die dritte App nicht: Sie bietet ein exakt sieben Minuten langes Zirkeltraining. Der Eingangstext, bevor es losgeht, hat es in sich: "Führen Sie jede der 12 Übungen 30 Sekunden lang aus, mit 10 Sekunden Pause dazwischen." Heißt es da im Kommandoton. Und weiter: "Die Intensität sollte auf einer Skala von 1-10 bei etwa 8 liegen, sodass es sich unangenehm anfühlt." Aha. Also nach dem Motto: Wenn es zieht, ist es gut. Keine sehr präzise Ansage. Angelehnt ist sie übrigens an die sogenannte Borg-Skala mit der das persönliche Belastungsempfinden gemessen wird. Die Original-Skala orientiert sich aber an der Herzfrequenz und reicht von 1 bis 20. 8 Wäre da viel zu leicht, als dass sich etwas unangenehm anfühlen könnte. Doch die App verspricht Hoffnung: "Die gute Nachricht: Nach sieben Minuten sind Sie fertig!"

Wie Turnunterricht in der Schule

Ich starte die letzte App, eine Trillerpfeife schrillt und eine Stimme kommandiert mich jetzt durch exakt sieben Minuten Zirkeltraining. Hampelmänner, Kniebeugen, Wandsitzen. Fühlt sich an wie Turnunterricht in der Schule. Nur dass es mit der App mir überlassen bleibt, ob ich in den 30 Sekunden eine Übung 5 oder 50 mal mache. Mehr fach werden dieselben muskelgruppen direkt hintereinander beansprucht, für mich sind beispielsweise die klassischen Liegestütz viel zu schwer. Ich gerate ins Hohlkreuz und gerate in Stress, denn die App pfeift schon wieder zur nächsten Übung. Ein solch hochintensives Intervalltraining - von Null auf Hundert in sieben Minuten - ist laut Experten nicht für jeden geeignet. Ich quäle mich durch die sieben Minuten und bin am Ende meines Selbsttests etwas ratlos.

Höchstens als Ergänzung

Es war anstrengend, manches hat auch Spaß gemacht, teilweise hatte ich aber Mühe, die Übungen richtig nachzumachen. Ohne Korrekturen habe ich mich konzept- und hilflos gefühlt. Bleibt die Frage, was das Training mit Fitness-Apps überhaupt langfristig bewirken kann. "Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es ergänzend gut sein kann, mit so einer App zu trainieren", sagt Dr. Klaus Weiß. "Aber im Grunde ist es wichtig, dass man vorher mit einem Fachmann festlegen sollte, welche Übungen für mich geeignet sind und die sollte man dann einstudieren und kontrollieren. Dann kann man mit einer App sicher kontinuierlich weitertrainieren - aber nicht alleine." Fitness-Apps können einen Trainer aus Fleisch und Blut also nicht ersetzen. Die schöne neue Fitness-Welt bleibt also eine Scheinwelt.

aus der Sendung vom

Do, 23.10.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.