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SENDETERMIN Do, 15.11.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Was stärkt das Immunsystem?

Starkes Immunsystem

Die Erkältungszeit steht vor der Tür. Jetzt haben sie wieder Konjunktur: Die „Mittelchen“. Vornehmer ausgedrückt: Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich das Immunsystem stärken. Aber gibt es das überhaupt? Lässt sich das Immunsystem mit speziellen Substanzen auf Trab bringen?

Vitamin C

Bernhard Watzl stellt einige Vitamin- und Mineralstoff-präparat auf einen Tisch

Pillen und Brausetabletten unnötig: Immunologe Bernhard Watzl sieht keine Mangelversorgung mit Vitaminen in Deutschland.

Eine Umfrage in der Mainzer Fußgängerzone ergab: Der Renner ist Vitamin C. Keinem anderen Mittel trauen so Viele eine positive Wirkung auf das Abwehrsystem zu. Bernhard Watzl Immunologe am Max Rubner-Institut für Ernährungsforschung in Karlsruhe, soll uns die Frage beantworten: Hilft Vitamin C dem Immunsystem? „Wir haben hier in Deutschland keinen Vitamin-C-Bedarf. Die Versorgung liegt bereits über der Menge, die wir täglich zu uns nehmen sollten. Das heißt: Es ist eigentlich von der ernährungswissenschaftlichen Seite kein Grund da, zusätzlich Vitamin C aufzunehmen“, so Watzl.

Vielleicht hilft der Vergleich mit dem Auto, um die erstaunliche Aussage zu verstehen: Wenn der Motor genug Öl hat, hilft es kein bisschen, noch einen Liter dazuzugeben. Und Vitamin C haben wir in Deutschland reichlich in der Nahrung. Schon in praktisch jeder Salami steckt Ascorbinsäure als Konservierungsmittel. Und auch seriöse Studien haben ergeben: Zusatz-Vitamin C bringt keinen gesundheitlichen Vorteil.

Woher kommt er dann, der fantastische Ruf von Vitamin C als Immunstärker? Aus der Geschichte! Im frühen 20. Jahrhundert erkannten Wissenschaftler, dass Vitamin C die schlimme Mangelkrankheit Skorbut verhindert. Nur war zu dieser Zeit das Skorbut-Problem längst behoben. Und in der breiten Bevölkerung gab es keinen Vitamin-C-Mangel. Bedauerlich für das Pharmaunternehmen Hoffmann La Roche. Das hatte Anfang der 30er Jahre das Patent zum billigen herstellen von Vitamin C erworben. Also musste eine Werbekampagne her: „Vitamin C stärkt Abwehrkräfte.“ Dieses nie bewiesene Werbeversprechen, das in unzähligen Kampagnen wiederholt wurde, wirkt bis heute. Doch heute wie damals gilt: Zusatzvitamin C ist überflüssig

Zink

Auch mit Zink – noch ein Star der Abwehrszene und Bestandteil vieler Nahrungsergänzungsmittel zur Immunstärkung – sind wir eigentlich gut versorgt. Doch hier gibt es eindeutig einen bewiesenen Nutzen, weiß der Immunologe Bernhard Watzl: „Allerdings gibt es bestimmte Krisensituationen, zum Beispiel eine beginnende Erkältung. Und neuere Studien zeigen, dass durch eine Zugabe von Zink in diesen Situationen die Symptome weniger stark werden und die Erkrankung auch in kürzerer Zeit vorübergeht.“ Zinkpräparate können also tatsächlich helfen, das Immunsystem für die Erkältungszeit fit zu machen

Echinacin

Ein Feld voller blühender Sonnenhüte mit einem Schmetterling

Wirksam gegen Erkältungen: Der Sonnenhut gilt bei den nordamerikanischen Indianer als mächtige Heilpflanze.

Ebenfalls ein prominenter Stoff in einschlägigen Nahrungsergänzungsmitteln ist Echinacin. Der Wirkstoff aus dem Sonnenhut. Vor allem Anhänger der Alternativ-Medizin schwören auf die Pflanze, die bei nordamerikanischen Indianern als mächtige Heilpflanze galt. Seriöse Studien zum Wirkstoff Echinacin gegen Erkältungen wurden von der renommierten Cochrane-Gesellschaft ausgewertet. Dabei zeigte sich ein positiver Effekt bei der Behandlung von Erkältungen. Nicht allerdings bei dem Versuch, Erkältungen vorzubeugen. Da versagte Echinacin. Wer also glaubt, er könne mit ein paar Tropfen Echinacin einfach sein Immunsystem besonders fit halten, und dass Erkältungen dann keine Chance mehr haben, der irrt.

Probiotika

Kleine Plastikfläschen mit rotem Deckel und weißer Flüssigkeit stehen auf einem Föderband

Probiotika: In asiatischen Ländern hat die Pflege und Gesunderhaltung des Darms einen hohen Stellenwert.

Das Immunsystem stärken heißt: Den Darm stärken. Davon sind die Anhänger der Probiotika überzeugt. Und davon gibt es viele. Branchenprimus Yakult verkauft in 26 Ländern. Die kleinen Fläschchen mit den süßen Joghurt-Drinks sind ein Renner im Immungeschäft. Die positive Wirkung soll auf Milchsäurebakterien beruhen, die der Darmflora gut tun. Nach langjähriger Skepsis hat die Wissenschaft das mittlerweile bestätigt, weiß Bernhard Watzl: „Wenn man sich den Krankheitsverlauf anschaut, dann zeigen die neueren Studien, dass es in der Tat zu einem günstigeren Krankheitsverlauf kommt durch die Aufnahme von Probiotika. Allerdings ist noch nicht bekannt, über welche Mechanismen dieser günstigere Verlauf bewirkt wird.“ Und: Nicht jeder profitiert von den Probiotika. Bei manchen stärken sie die Abwehrkräfte, bei anderen wirken sie nicht.

Vitamin D

Das zeigt auch: Wir sind weit davon entfernt, das Immunsystem vollkommen verstanden zu haben. So wurde ein besonders wichtiger Fitmacher des Immunsystems lange Zeit übersehen: Vitamin D! Bernhard Watzl erklärt, wie Vitamin D in verschiedenen Zusammenhängen gut fürs Immunsystem ist: „Unter anderem sind Immunzellen sehr abhängig vom Vitamin-D-Status sowohl, was die normale Immunfunktion angeht, um zum Beispiel eine Erkältungskrankheit im Winter bekämpfen zu können; aber auch auf der anderen Seite, um eine Fehlregulation des Immunsystems eine sogenannte Autoimmunerkrankung zu verhindern ist es wichtig, ausreichend Vitamin D im Körper zu haben.“

Junge Frau im Bikini liegt auf Liegestuhl in der Sonne

20 Minuten Sonnenbaden reicht: Die menschliche Haut produziert die nötige Tagesdosis von Vitamin D selbst.

Vitamin D kann der Körper nur in geringem Umfang über die Nahrung aufnehmen. Vitamin D ist das „Sonnenvitamin“. Im Sommer reichen 20 Minuten Mittagssonne und unsere Haut produziert die nötige Tagesdosis. Zumindest solange wir keine Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor verwenden. Ab Oktober reicht die Strahlkraft der Sonne nicht mehr. Und unser Vitamin-D-Spiegel geht immer weiter in den Keller. Tatsächlich werden unsere Abwehrkräfte im Laufe des Winters immer schwächer. Und die Grippewelle kommt dann, wenn unser Vitamin-D-Spiegel im Keller ist.