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SENDETERMIN Do, 7.3.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Die selbstverschuldete Überforderung Warum wir uns oft selber stressen

Gute Tipps gegen Stress und Überforderung gibt es viele. Doch Experten raten: Wichtig ist vor allem, die eigenen Stressbeschleuniger zu kennen!

Tipps gegen Überforderung - oft wirkungslos

In Ratgebern gegen Überforderung finden sich Checklisten, um im Krisenfall klare Prioritäten zu setzen. Zum Beispiel:

„Lerne von den Profis, mache es wie die Piloten!“ Blinken alle Warnlampen im Cockpit, heißt es: Sammle alle verfügbaren Informationen! Leite daraus die Möglichkeiten ab, die Du hast und entscheide Dich für eine Option. Handle dann und überprüfe, ob das der richtige Weg ist!

Oder: „Lerne von den Notfallrettern“: Die versorgen bei einem Schwerverletzten ganz strukturiert zuerst die Wunden, die absolut lebensgefährlich sind. Alles andere muss warten. So könnte man es auch bei der eigenen überbordenden To-Do-Liste machen: Alles ignorieren, was Dich nicht sofort tötet.

Oder: „Lerne von den Metzgern!“: Zerteile die großen Aufgaben in kleinere Aufgabenhäppchen, so werden sie handhabbar und so weiter uns so fort…

Und jetzt sagt mir Prof. Andreas Hillert von der psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee: Das sind sicher alles gute Ratschläge – nur helfen die keinem, der sich im Hamsterrad seiner Überforderung abstrampelt. Ok, Herr Professor, warum nicht?

Druck durch Stressbeschleuniger

Nach Andreas Hillerts Erfahrungen mit Burnout-Patienten sind viele Menschen extrem in ihren Gewohnheiten und Mustern gefangen. Sie mögen Yoga oder Achtsamkeitstraining machen und kommen dennoch nicht raus aus der Überforderungsfalle. Und auch offensichtlich gute Tipps und Vorsätze vermögen nichts gegen die starken inneren Handlungsmuster, denen ein Mensch gehorcht.

gezeichnete Figur die gleichzeitig einen Taschenrechner, ein Handy und einen Computer bedient

Auch hohe Ansprüche an sich selbst und Perfektionismus können zur Überforderung führen.

Häufiges Problem: Überforderung durch den eigenen Perfektionismus und überhohe Erwartungen

  • „Mache keine Fehler!“
  • „Habe hohe Ansprüche an Dich!“
  • „Andere sollen Deinen Erwartungen entsprechen!“

Solche Muster stecken bei manchen von uns ganz schön tief drin - und sind typische „Stressbeschleuniger“. In den Worten von Andreas Hillert: „Muster in Ihnen, die dafür sorgen, dass Sie eine bestimmte Belastung als stressiger empfinden als andere Menschen, die der gleichen Belastung ausgesetzt sind“.

Die Verlockungen der Überlastungsmuster

Es gibt viele solcher inneren Muster, die unbewusst den Druck auf uns erhöhen:

  • „Bitte nicht um Hilfe!“
  • „Probleme sind schlimm!“
  • „Meide Risiken!“
  • „Sei beliebt und suche Anerkennung!“
  • „Mach dich für Misserfolge verantwortlich!“

Das Gemeine ist nun, sagt Andreas Hillert, dass diese Stress-Muster ja durchaus Vorteile haben. Wer beispielsweise sehr stark vom Lob anderer abhängt (ein möglicher Stressbeschleuniger), ist oft ehrgeizig - und damit erfolgreich. Deshalb sagt Hillert gern: „Jeder hat seine guten Gründe, sich zu überlasten“.  

Deshalb ist auch so schwer, seine Stressbeschleuniger loszuwerden: Weil dann auch die Vorteile, die dieses Muster hat, verlorengehen. Ein Beispiel, so der Burnout-Experte: „Das Muster ‚Sei beliebt und anerkannt!‘ - Das ist toll, wenn ich von meinen Mitmenschen gemocht werde, aber wenn ich davon abhängig werde, verliere ich auch viel Autonomie und das kann mich dauerhaft stressen.“

Handlungsmuster überprüfen

Manche unserer inneren Muster sind nahezu resistent gegen jeden Veränderungswillen, andere lassen sich schon abmildern. Sehr nützlich ist es jedenfalls, zu wissen, welche Stressbeschleuniger uns im Griff haben. Um das festzustellen, gibt es auch psychologische Tests. Sich selbst besser zu kennen, hilft, die Dramen des Alltags distanzierter zu betrachten. So zermürbend die äußeren Umstände in Job oder Familie manchmal auch sein mögen. Immer hilft der Mut, sich zu fragen: Durch welche inneren Antriebe verstärke ich meine Überforderung noch?

Sind wir da ehrlich zu uns selbst, haben wir durchaus eine Chance, loszulassen von Handlungsmustern, die uns mehr überfordern als nutzen. Das sei ein Akt, so Andreas Hillert „der nicht automatisch funktioniert, sondern wofür man Entschlossenheit braucht und weiß wo man hinwill. Und mit einer gewissen Hartnäckigkeit versucht, sich immer wieder in diese Richtung weiter zu entwickeln.“

Erkenne Dich selbst!

Damit entlässt der Experte mich mit meiner recht schlichten Liste der „guten Tipps gegen Überforderung“. Mir brummt der Kopf. Es ist also alles nicht so, wie ich es mir zurechtgelegt habe, denke ich, zerknirscht und zunehmend nervös. Und dann: Hoppla, sollte da bei mir selbst ein innerer Stressbeschleuniger wirken, in etwa: „Es ist schlimm, wenn die Dinge anders sind als gedacht!“ Eigentlich ist das doch viel spannender so, denke ich nun, mit leichten Anlaufschwierigkeiten. Also - an die Arbeit (munter pfeifend).