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SENDETERMIN Do, 15.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Darmkrebs Was bringt Darmkrebsvorsorge wirklich

Die Darmspiegelung soll Darmkrebs frühzeitig erkennen - doch über die Risiken wird kaum gesprochen.

Bei einer Patientin wird im Zuge der Krebsvorsorge eine Darmspiegelung durchgeführt.

Auf einer Informationsveranstaltung zur Darmspiegelung, die seit 2003 als Screening von den Kassen angeboten wird, treffen wir den Gastroenterologen Prof. Bernd Kohler. Im größten im größten begehbaren Darmmodell Europas steht er neben einer Ausbuchtung der Darmwand, die der Fachmann "Polyp" nennt, und warnt: "Aus diesem Polyp kann irgendwann einmal was Bösartiges werden. Zum Beispiel kann Krebs entstehen. Die Aufgabe für uns Endoskopiker oder Mediziner muss sein, ihn rechtzeitig abzumachen, mit einer Schlinge, damit kein Krebs entstehen kann."

Die Chancen durch die Früherkennung

Genau das passiert bei der Darmspiegelung bei etwa 30 Prozent der Teilnehmer des Screenings: In das Endoskop, das der Arzt in den Enddarm der zu untersuchenden einführt, ist eine Elektroschlinge integriert. Der geübte Arzt könne eine Gewebeveränderung in der Darmwand mit der Schlinge fangen und abtragen. So werde Gewebe entfernt, das später vielleicht einmal Krebs werden könnte. Im statistischen Mittel mit einer Wahrscheinlichkeit von 10 bis 15 Prozent. Doch auch frühe Darmkrebsstadien ließen sich so erkennen und erfolgreich therapieren, sagt Professor Kohler: "Die Überlebenschancen sind in dem Stadium sicherlich ganz hervorragend. Die Vorsorge erwischt etwa zwei Drittel der Fälle in Frühstadien. Also im Stadium eins oder zwei. Wir haben eine 5-Jahres-Überlebensrate von etwa 80 Prozent. Die sind kurativ, also heilbar. Wenn man das zu spät entdeckt, im Stadium drei oder vier, die sind dann in der Regel durch uns nicht mehr zu therapieren. Da kommt dann auch der Chirurg manchmal zu spät. Deshalb die Vorsorge, um das im Frühstadium zu erwischen."
Wir sind nach Berlin gefahren, um die Frage zu klären: Ist wirklich alles eitel Sonnenschein bei der Darmkrebsfrüherkennung? Werden die Menschen fair über Nutzen und Risiken der Darmspiegelung aufgeklärt? Wir fragen nach beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin. Ein gemeinsames wissenschaftliches Institut der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Hier wird die wissenschaftliche Studienlage zu medizinischen Fragen gesichtet.

Unsichere Studienlage

Corinna Schäfer hat dies für die Darmspiegelung getan. Und musste gleich erkennen, dass es praktisch keine guten Studien für die im Screening angebotene große Darmspiegelung, die Koloskopie gibt. Die Aussagen zum Nutzen werden indirekt aus anderen Studien abgeleitet.
"Die Koloskopie (die große Darmspiegelung) ist in Studien nicht so gut untersucht, da gibt es keine vergleichenden Studien. Die gibt es aber für die kleine Darmspiegelung. Und da kann man sagen, dass etwa 1,5 Todesfälle an Darmkrebs unter Tausend untersuchten verhindert werden können und etwa drei bis dreieinhalb Darmkrebsdiagnosen pro Tausend."

Prof. Kohler hält einen Vortrag

Prof. Kohler: "Weniger Darmkrebserkrankungen durch Screenings!" - Stimmt das wirklich?

Bei Professor Kohler hören sich die Zahlen viel beeindruckender an. Er erklärt seinem Publikum auf der Informationsveranstaltung, das Darmkrebsscreening habe schon jetzt nachweislich zu einer starken Verminderung der Darmkrebssterblichkeit geführt. Das zeige ein einfacher Blick auf die Zahlen: "Erstens mal wissen wir, dass die Häufigkeit an Darmkrebs zu erkranken in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen hat. Und das zweite ist, dass auch die Sterberate im Vergleich von 2003 zu 2012 etwa um 15 - 20 Prozent abgenommen hat."
Das könne man nur durch die Vorsorge erklären, weil rechtzeitig Polypen, die bösartig würden, entfernt werden, erklärt er. Oder aber Krebse, die schon da seien, im Frühstadium entfernt würden und der Patient dadurch nicht versterbe. Sinkende Sterbezahlen seit Einführung des Screenings: Das scheint alles sehr plausibel. Was Prof. Kohler seinem Publikum nicht sagt: auch vorher schon sank die Zahl der Darmkrebstoten seit Jahren. Und zwar im selben Maße, wie nach der Einführung des Screenings. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Veränderte Ernährungsgewohnheiten oder bessere Behandlungsverfahren können dafür verantwortlich sein. Der Nutzen des Screenings jedenfalls, lässt sich mit den von Kohler gezeigten Daten nicht beweisen.
Außerdem birgt die Spiegelung auch Gefahren: Schwere Blutungen, Narkoseunverträglichkeit, Durchstechen der Darmwand. Eine Teilnehmerin der Informationsveranstaltung kann über zwei Todesfälle aus ihrem persönlichen Umfeld berichten, die auf das Konto der Darmspiegelung gehen. Doch Komplikationen werden nicht systematisch erfasst. Genaue Zahlen dazu fehlen.

Stress für die Risikogruppe

Vielleicht noch gravierender, weil die Menge der Betroffenen erheblich größer ist: das Screening erzeugt Risikopatienten, die medizinisch engmaschiger überwacht werden. Corinna Schäfer vom Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin hat genaue Zahlen dazu: "Man weiß von der kleinen Darmspiegelung aus Studien, dass etwa 50 von Tausend Untersuchten in so ein Überwachungsprogramm kommen."
Die Folgen dieser Einsortierung in die Risikogruppen seien erheblich, sagt sie: "Das bedeutet für die Menschen, dass sie erstens damit konfrontiert sind, krank zu sein. Oder sie haben das Bewusstsein, sie tragen eine Zeitbombe in sich. Das kann für die Menschen beunruhigend sein. Dass kann bedeuten, dass sie regelmäßig zur Koloskopie gehen müssen - die Leitlinie empfiehlt glaube ich im Moment alle drei Jahre."
So sieht die vorläufige Bilanz der Darmkrebsfrüherkennung folgendermaßen aus:
In der kleinen Spiegelung werden etwa 1,5 Todesfälle pro tausend Teilnehmer verhindert. Und 3,5 Krebsfälle. Dem steht - neben diversen teils gravierenden Komplikationen bei der Spiegelung - gegenüber, dass eine Gruppe von 50 Risikopatienten pro Tausend erzeugt wird. Patienten, die einem erheblichen Stress ausgesetzt werden, obwohl nur ein winziger Bruchteil von ihnen von der engmaschigen Überwachung profitiert. Darmspiegelung kann Leben retten. Doch die Aufklärung über potentiellen Nutzen und die Risiken der Darmspiegelung muss auf jeden Fall noch verbessert werden.

aus der Sendung vom

Do, 15.1.2015 | 22:00 Uhr

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