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SENDETERMIN Do, 23.4.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ohrgeräusche Was bei chronischem Tinnitus hilft

Tinnitus ist nichts ungewöhnliches. Fast jeder hat mal vorübergehend ein Pfeifen im Ohr. Meist verschwindet es von alleine wieder. Aber was hilft, wenn das Ohrgeräusch andauert?

Eine Frau hält sich mit schmerzverzehrtem Gesicht ihr rechtes Ohr zu.

Der Bautechniker Thilo Berendt hat ein Problem: Seit 15 Jahren plagt ihn ein Tinnitus, der wie eine Kreissäge im Leerlauf klingt. Jahrelang ist er bei Ärzten ein- und ausgegangen. Hat die unvermeidlichen Infusionen bekommen, Massagen, Präparate zur Durchblutungsföderung und was nicht noch alles. Nichts von alledem hat ihm geholfen.

Jetzt ist er in die psychosomatische Parkklinik nach Bad-Bergzabern gekommen. Er will nochmal einen Anlauf nehmen, denn der Leidensdruck steigt. Thilo Berendt macht sich Sorgen: "Dass mein soziales Umfeld sich langsam auflöst, zusammenbricht. Weil ich mich zurückziehe. Ich gehe also nicht mehr in laute Bars oder Restaurants, weil das einfach stört, weil ich geräusch-empfindlicher geworden bin, weil der Tinnitus dadurch scheinbarer stärker wird."

Aufmerksamkeits-Lenkung als Strategie gegen Tinnitus

Die erste Therapeutin, die sich um Thilo Behrend kümmert, ist Barbara Runge. Sie arbeitet in der Parkklinik vor allem mit der Feldenkrais-Therapie. Dabei führen die Patienten oft nur winzige Bewegungen aus. So wie Tinnitus-Patient Berendt, der vor Barbara Runge auf einer Matte liegt und den Kopf von links nach rechts rollt. Hier geht es darum, die Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper zu lenken. Die gesteigerte Körperwahrnehmung soll dem Tinnituts im Kopf Konkurrenz machen. Soll Freiräume für positive Gefühle schaffen. Bei Berendt funktioniert es offenbar: "Ich spüre oder höre in mich hinein. Bei jeder Bewegung, die ich mache, muss ich meine Konzentration schon sehr darauf lenken und das hat eine sehr entspannende Wirkung."

Barbara Guldin ist die Chefärztin der Klinik. Sie weiß, dass Stress und Überlastung den Tinnitus auslösen kann. Doch es gibt auch eine körperliche Ursache: "Am häufigsten verbreitet die Lärmschädigung der Sinneszellen im Innenohr. Die führt dazu, genauso wie eine Schädigung der Hörbahn, dass im Gehirn weniger Information aus dem entsprechenden Frequenzbereich ankommt. Das Gehirn versucht, die eintreffende Information möglichst optimal auszunutzen und verstärkt die Empfindlichkeit für Wahrnehmungen im entsprechenden Frequenzbereich.
Das kann dahin gehen, dass es zu einer Phantomwahrnehmung kommt, ohne entsprechende äußere Geräuschquelle, die dann eben als Tinnitus bezeichnet wird."

Tinnitus durch Lärmschädigungen

Zu den Anti-Tinnitus-Strategien in der Parkklinik gehört auch die Ergotherapie. Hier ist Kreativität gefordert. Beim Malen, beim Flechten mit Peddigrohr oder beim Formen von Skulpturen. Auch hier geht es darum, dem Ohrensausen die Aufmerksamkeit zu entziehen. Thilo Berendt ist offenbar ein begabter Patient. Denn auch dieser Therapieansatz zeigt bei Ihm die erhoffte Wirkung. Während er mit fleißigen Pinselbewegungen sein abstraktes Bild lasiert erklärt er begeistert: "Der Vorteil bei der ganzen Sache ist - das merk ich jetzt auch schon wieder, dass ich mich komplett auf die Arbeit konzentrieren kann."

Auf die Frage, wo denn der Tinnitus jetzt sei, antwortet er: "Ganz weit weg. Aber nicht nur, weil ich gerade das Bild hier bearbeite. Auch weil man grundsätzlich beschäftigt ist. Auch die Nebengeräusche. Das ist also schon sehr angenehm, was den Tinnitus angeht."
So ist es das Ziel der Klinik, die Patienten mit verschiedenen Strategien für ein Leben mit dem Tinnitus stark zu machen. Die "Aufmerksamkeitslenkung", die bewusste Konzentration auf positive Reize jenseits des Tinnitus ist die vielleicht wichtigste Strategie. Denn Heilung für den chronischen Tinnitus gibt es nicht, sagt Dirk Schäfer, der in der Klinik als Psychologe arbeitet: "Die Wahrscheinlichkeit auf Heilung oder dass der Tinnitus verschwindet, ist in den ersten 6 Wochen am höchsten. Danach geht man eigentlich davon aus, dass das Geräusch bleiben wird."

Chronischer Tinnitus kann nicht geheilt werden

Doch manchmal schlägt das Schicksal noch härter zu. An der Dualen Hochschule Baden-Württemberg studiert Andrea Strohmeier. Sie hat Tinnitus und ist ansonsten taub. Nur mithilfe eines Schriftdolmetschers kann sie der Vorlesung folgen. Im Bereich Gesundheitsmanagement möchte die Verwaltungsangestellte später gerne arbeiten. Und eigentlich praktiziert sie das schon heute. Im Internet in dem sozialen Netzwerk Facebook. Hier gibt sie Tipps im Tinnitus-Forum. Für sie das ideale Medium: "Für mich bietet Facebook die Plattform womit ich mich austauschen kann. Andere telefonieren mal schnell, ich muss halt jemand anschreiben. Das ist einfach so die schnellste Kommunikation. Deshalb ist Facebook für mich eigentlich das beste Kommunikationsmittel überhaupt."

Im Tinnitus-Forum herrscht reger Betrieb. Immer wieder werden Fragen zur Wirksamkeit von Therapien gestellt: Haben die häufig angebotenen Infusionen einen Sinn? Andrea weiß: Beim chronischen Tinnitus nützt das nichts. Und was ist mit Akkupunktur? Bisher ist leider auch da kein Nutzen nachgewiesen. Bringt vielleicht die teure und aufwendige Drucktherapie etwas? Nein. Das Tinnitus-Geräusch entsteht im Gehirn. Mechanische Therapien sind sinnlos. Regelmäßig werden auch durchblutungsfördernde Mittel angepriesen. Wie Ginko-Präparate. Doch dass Tinnitus ein Durchblutungsproblem sei, ist eine überholte Vorstellung. Andrea Strohmeier prangert die Scharlatanerie rund um den Tinnitus an. Das Skurrilste, was ihr bisher begegnet ist, war eine Injektion von Botox ins Ohr.

"Also allgemein vertrete ich die Auffassung, dass je mehr ein Heilmittel kostet, desto weniger hilft es. Auch, je mehr es beworben wird. Das ist oft nur ein Marketing-Trick."
Seit einem Jahr - nach vielen Hörstürzen - ist Andrea Strohmeier taub. Der Tinnitus hat sich in der Stille breit gemacht. Die Töne, die sie hört, sind sehr unterschiedlich: "Es gibt ein Geräusch das klingt nach dem Schleudergang der Waschmaschine, dann ein U-Boot, das wie ein Sonar klingt. Ab und zu kann man es auch mit einem LKW vergleichen, der vor dem Haus hält.

"Ich hör immerhin etwas."

Der Tinnitus ist Andreas ständiger Begleiter. Ein Teil ihres Lebens, gegen den sie sich auch schon lange nicht mehr auflehnt. "Der Tinnitus ist für mich zur Normalität geworden, weil ich den hab, seit ich elf Jahre alt bin. Der ist seitdem immer stärker geworden. Ich höre immer weniger, aber ich hab mich damit arrangiert. Für mich bedeutet das, ein kleines bisschen was zu hören, weil ich ja das andere nicht mehr höre sage ich mir: Ok, Tinnitus ist das einzige, was noch geblieben ist. - gut, ich hör immerhin etwas."

Auch in Bad-Bergzabern sollen die Patienten über ihr Verhältnis zum Tinnitus nachdenken. Indem sie einen Brief an ihn schreiben. Im Brief von Thilo Berendt hört man, dass die fünf Wochen in der Parkklinik ihm geholfen, den Tinnitus als Wegbegleiter in seinem Leben zu akzeptieren. In der Runde der Tinnituts-Patienten liest er seinen Brief vor:
"Lieber Tinnitus, nun leben wir beide seit 15 Jahren Seite an Seite. Eigentlich würde ich Dir gerne einmal sagen, dass ich dich nicht mehr hören kann, aber Du hörst ja nicht auf mich. Du gehst mir nämlich immer noch manchmal gehörig auf die Nerven. Nun habe ich mich allerdings nach so langer Zeit endlich an Dich gewöhnt, so dass ich glaube, dass ich dich - wenn Du nicht mehr da wärst - sogar ein bisschen vermissen würde."

Das ist das Ziel der Therapie: Aussöhnung mit dem Tinnitus. Nicht mehr gegen ihn kämpfen. Denn als Feind ist er unerträglich. Thilo Berendt hat die Wende geschafft.
"Erst im Nachhinein hab ich festgestellt, guck mal, du bist ja jetzt doch echt friedfertig mit deinem Tinnitus. Das war jahrelang überhaupt nicht so. Für mich war das hier schon eine Befreiung." Lange hat Thilo Berendt den Tinnitus als Gegner betrachtet. Das war Stress pur. Mit der Entspannung steigt die Chance, das Ohrgeräusch auch einfach mal für längere Zeit zu überhören.