Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 19.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Eingepflanzte Erinnerung Warum sich Menschen falsch erinnern

Studien zeigen, dass vermeintliche Erinnerungen in Therapien durch Suggestion hervorgerufen werden können. Besonders fatal ist das beispielsweise bei sexuellem Missbrauch, der nie stattgefunden hat.

Familien zerbrechen

Vater, Mutter und Tochter hatten einst ein gutes Verhältnis. Bis die Tochter mit 30 wegen einer Herz-Erkrankung eine Psycho-Therapie machte. Plötzlich hieß es: „Papa und der Onkel haben mich vom 7. Bis zum 10. Lebensjahr sexuell missbraucht und gedroht, mich anzuzünden falls ich etwas sage.“ Durch die Therapie sei ihr wieder eingefallen, was sie als siebenjährige erleben musste. Da war die Tochter schon über 30 Jahre alt.

Der Vater sagt, die Erinnerung sei falsch. Schuld sei ihr Psychiater. „Dieser Mensch hat die Bilder meiner Tochter angesehen und meinte, sie würden den Missbrauch beweisen.“ Die Tochter ist zu einem Interview nicht bereit. Auch ihr Therapeut will sich zu dem Fall nicht äußern. Einem Berater der Eltern hat er am Telefon angeblich gesagt, er habe möglicherweise suggeriert.

Durch Suggestionen können Scheinerinnerungen entstehen. Das zeigen wissenschaftliche Studien. Gerade in der Therapie sind verzweifelte Patienten besonders bereit, Interpretationen des Therapeuten für erlebte Wahrheit zu halten.

Wie die Unschuld beweisen?

Um seine Unschuld zu beweisen, macht der Vater einen Polygraphen-Test bei einer renommierten Rechtspsychologin. Dieser so genannte Lügendetektor bestätigt seine Unschuld. Außerdem wendet er sich an den Verein False Memory e.V. Hier melden sich 1-2 Menschen pro Woche, die – wie sie sagen – aufgrund falscher Erinnerungen verdächtigt werden. Meist werden Väter des Missbrauchs bezichtigt.

Geht ein Fall vor ein Gericht, werden Rechtspsychologen wie Prof. Max Steller beauftragt, um die Aussagen zu überprüfen: „Solche Gutachten habe ich in den letzten 10 Jahren in relativ großer Zahl gemacht – rund 250 Fälle.“ Stellers spektakulärster Fall: die Wormser Prozesse.

Damals hatten mehrere Kinder nach intensiven Verhören mit einer Religionspädagogin 25 Menschen des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Die Beschuldigten sind über Jahre im Gefängnis gelandet und die Kinder kamen ins Heim.

Zeichen für Scheinerinnerungen

Max Steller und Kollegen hatten die falschen Anschuldigungen aufgeklärt. Seine Analysen hatten ergeben: Die Kinder wurden manipuliert und die Aussagen vorgegeben. Laut Steller hatten die Kinder nicht gelogen. Aber die Art der Geschichten machten für ihn deutlich, dass es sich um eingepflanzte Erinnerungen handelte: „Die Stories wurden immer weiter entwickelt, bis zu absurden Abläufen, die zum Teil gar nicht passiert sein konnten. Die Kinder erzählten sogar, die Soldaten des Bundeskanzlers kamen anmarschiert, um sie zu missbrauchen.“

Gerade absurde Geschichten entlarven laut Steller die Scheinerinnerung. Besonders wichtig sei auch die Entstehungsgeschichte der Aussagen, die meist in Psycho-Therapien ihren Anfang nehmen. Sehr häufig entstünden falsche Erinnerungen bei zweifelhaften aber auch bei studierten Therapeuten. Durch die Gutachten kämen diese aber immer öfter in die Bredouille: „Wir haben inzwischen nicht wenige Fälle der wiedererlangten, richtigen Erinnerung. Was dann natürlich ein Problem ist für die vermeintlichen Helfer. Nämlich Prozesse gegen Therapeuten, weil sie falsche Erinnerungen induziert haben.“

Buch

Max Steller

Nichts als die Wahrheit. Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann

Verlag:
Heyne Verlag 2015
Genre:
Sachbuch
Länge:
288 Seiten
Bestellnummer:
ISBN-978-3453200906
aus der Sendung vom

Do, 19.10.2017 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.