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SENDETERMIN Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychische Probleme Warum Rollenklischees eine Rolle spielen

Frauen sprechen über Schwierigkeiten, Männer machen Probleme mit sich selbst aus. Solche Rollenklischees produzieren Belastungen. Die Lösung: Aus der Rolle fallen.

Frauen reden, Männer schweigen

Männer und Frauen haben so ihre Meinungen über Männer und Frauen: "Ich stelle einfach fest, dass wir Frauen in Freundeskreis oder Familie über Probleme reden und dass die Männer die in der Regel eher wegstecken." "Ich würde sagen, die Männer behalten das eher für sich, oder versuchen das unter sich auszumachen."

Die Äußerungen spiegeln bekannte Klischees: Männer und Frauen ticken anders, vor allem bei Problemen. Frauen reden mehr über ihre Belastungen, kommen aber auch schlechter davon los. Männer wollen gleich Lösungen finden oder schieben Probleme weg. Das sind keine alten Hüte - Studien bestätigen, dass solche Verhaltensmuster immer noch aktuell sind.

Die Forschung zeigt auch: Männer sind weniger selbstkritisch. Sie suchen die Schuld öfter bei anderen und kompensieren Probleme stärker durch Aggressivität. Frauen wiederum sind beziehungsorientierter. Sie sind empfänglicher für negative Gefühle anderer und erinnern sich besser an emotionale Situationen. Insgesamt sind Männer selbstbewusster. Frauen dagegen erleben Abweichungen von ihrem Wunschbild schmerzhafter, spüren stärker Schuldgefühle und Scham.

Die Macht von Rollenklischees

An der Unipsychiatrie Basel erforscht eine Psychiaterin aus Baden-Württemberg, warum die Mann-Frau-Rollen so quicklebendig sind. Vor allem die traditionelle Erziehung wirke noch mächtig nach, sagt Prof. Anita Riecher-Rössler, die bei ihren Vorträgen auch gerne mal ein Poesiealbum vorzeigt: "Man sieht hier den Spruch: 'Wachse auf wie das Veilchen im Moose, bescheiden, einfach und rein, nicht wie die stolze Rose, die immer geehret will sein!' Das heißt, dass Mädchen mit diesen Idealen erzogen wurden, sich zurück zu nehmen, nicht an etwas heranzugehen und was zu fordern, sondern bescheiden und zurückhaltend zu sein. Dies ist eines der Rollenstereotype, die wir ganz früh eingeimpft bekommen."

Die Wissenschaft kreist um die Frage, was bei den Geschlechtern biologisch vorbestimmt und was kulturell anerzogen ist. Die sogenannte Genderforschung beschäftigt sich mit kulturellen Geschlechterrollen - wie Mann und Frau idealtypisch sein sollen. Und welche Belastungen daraus entstehen.

Geschlechtsspezifische Belastungen enttarnen

Jedes Geschlecht hat seine "bevorzugten" psychischen Störungen, erklärt Prof. Riecher-Rössler: "Ganz auffällig ist, dass Depressionen viel häufiger bei Frauen vorkommen." Auch Angststörungen, Suizidversuche und Essstörungen seien bei Frauen verbreiteter als bei Männern, ebenso Borderline-Persönlichkeitsstörungen und nach innen gerichtete Aggression. Männer hingegen neigten eher zu dissozialen Persönlichkeitsstörungen - werden aggressiv oder kriminell. Viele flüchteten sich auch in Sucht oder Arbeitswut.

Männer haben ein "funktionales Gesundheitsbild": Hauptsache, die Maschine läuft, Hilfesuche ist nicht vorgesehen. Frauen beobachten ihre Gesundheit differenzierter. Sie nehmen eher Therapieangebote wahr und bekommen mehr Psychopharmaka verschrieben. So beeinflussen Rollenbilder von Männern und Frauen psychische Probleme - und deren Therapie.

Ärzte wie Riecher-Rössler plädieren deshalb für mehr "Geschlechtersensibilität" in der Psychiatrie. Denn Rollenklischees belasten Männer und Frauen oft unbewusst: "Geschlechtersensible Diagnostik und Therapie bedeutet, dass man nach diesen Belastungen fragt: Wie war die Erziehung, wie ist es jetzt mit dem Partner, wie ist es am Arbeitsplatz, welchen Diskriminierungen sind sie ausgesetzt, bis hin zu aktueller Gewalt", erläutert Riecher-Rössler.

Rollenerwartungen verringern

Es ist nicht selbstverständlich, dass Psychologen und Psychiater Rollenbelastungen differenziert betrachten. Auch in der Therapie gibt es Unterschiede: Bei Frauen muss oft das Selbstbewusstsein und Aktivsein gestärkt werden. Männer wiederum erkennen oft ihre eigenen Gefühle nicht, man muss sie eher mithilfe anschaulicher Beispiele befragen. Wichtig ist vor allem: Wann entstehen Rollenkonflikte? Studien zufällig sind es vor allem Frauen, die an überzogenen Rollenerwartungen zerbrechen: Beruf, Mutter, Hausfrau, Geliebte - perfekt in jeder Rolle, das geht meist nicht.

Aber das Depressionsrisiko verringert sich, wenn der Belastungsgrad verschiedener Rollen klein bleibt: Ein Schutz ist, sich selbst nicht zu überfordern und auf Klischeeerwartungen auch mal zu pfeifen, sagt Prof. Riecher-Rössler. Es gehe darum, sich von Stereotypen zu befreien. Ein wichtiges Thema in der Psychotherapie. "Je mehr Freiheit ich habe, Rollen zu leben, die mir eigentlich entsprechen, desto besser wird meine Lebensqualität", sagt die Expertin.

Obschon Männer und Frauen offenbar anders ticken: Der Weg, besser mit Seelenproblemen umzugehen, ist für beide Geschlechter gleich: Erkenne, wer Du bist. Und versuche nicht etwas zu sein, was andere Dir eingetrichtert haben.