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SENDETERMIN Do, 26.4.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Geschlechtsunterschiede sind wichtige Faktoren für Diagnose und Behandlung Warum Gendermedizin wichtig ist

Die biologischen Unterschiede zwischen Frau und Mann werden in der medizinischen Forschung heute mehr beachtet als früher. Gut so! Dann das verbessert die Heilungschancen für beide: Frauen und Männer.

In Deutschland nur ein Institut für Geschlechterforschung in der Medizin

Vera Regitz-Zagrosek ist Professorin an der Charité in Berlin und die Direktorin des einzigen Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin in Deutschland.

Medizinisch relevante Unterschiede zwischen Männern und Frauen:

o Geschlechtsorgane
o Hormone / weiblicher Zyklus
o Organdurchblutung
o Hautdicke
o Immunsystem

Für die Kardiologin ist es ein Unterschied, ob sie einen Mann oder eine Frau behandelt. Denn männliche und weibliche Organismus unterscheidet sich nicht nur durch seine Geschlechtsorgane, sondern bis in jede einzelne Zelle des Körpers.

Von der Organdurchblutung über die Dicke der Haut bis zum Immunsystem: Frauen und Männer sind anders. Eine Tatsache, die in der Medizin häufig vernachlässigt wird.

Regitz-Zagrosek möchte deswegen die Gesellschaft für die Gendermedizin sensibilisieren. Als sie begann, sich mit den biologischen Unterschieden von Mann und Frau zu beschäftigen, wurde sie oft nicht ernst genommen. Dabei ist die Erforschung der Unterschiede von Mann und Frau kein Unsinn ist, sondern höchst notwendig.

Prof. Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin

Prof. Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin

Medikamententests überwiegend an Männern

In der Arzneimittelforschung galten Männer lange als Norm. Das hat sich vor der Zulassung neuerer Medikamente etwas gebessert, aber von einem 50-Prozent-Frauenanteil bei der klinischen Prüfung ist man noch weit entfernt. Denn die Frau könnte schwanger sein und das Ungeborene geschädigt werden.

Das ist aber kein stichhaltiges Argument, denn selbstverständlich kann man Schwangerschaften erkennen und ausschließen. Allerdings erfordert das etwas mehr Aufwand.

Der weibliche Zyklus macht Tests kompliziert – und teurer

Selbst im Tierexperiment dominieren die männlichen Tiere. In dieser Phase werden oft 8 Wochen alte Mäuse genutzt. Das entspricht jungen Männern zwischen 18 und 25 Jahren. Der Grund: Die männlichen Ratten sind günstiger und die Weibchen werden für die Zucht herangezogen. Zudem könnte der weibliche Zyklus das Ergebnis beeinflussen, was die Forschung komplizierter macht.

"Man weiß sehr wohl, dass der weibliche Zyklus mit dem Arzneimittelstoffwechsel interagiert. Aber man möchte diesen Faktor im Tierexperiment ausklammern – und natürlich trotzdem das Medikament später an Frauen und Männer verabreichen. Eine doppelbödige Argumentation." Vera Regitz-Zagrosek

Verbluten menstruierende Frauen bei Thrombosehandlung?

Der Zyklus spielt insbesondere bei stark gerinnungsaktiven Medikamenten wie Thrombolytika eine Rolle. Diese sind in der Lage Blutgerinnsel, die einem Herzinfarkt verursachen können, wieder aufzulösen. Aber was passiert, wenn man ein solches Medikament einer Frau gibt, die ihre Periode hat? Regitz-Zagrosek berichtet von einem Fall aus Schweden. Eine Frau hatte ihre Monatsblutung und dann einen Herzinfarkt bekommen:

"Niemand wusste, ob man sie jetzt mit einem Thrombolytikum behandeln dürfe, oder ob sie dabei verbluten würde. Es hatte einfach niemand daran gedacht." Vera Regitz-Zagrosek

Männer könnten von weiblichen Schutzmechanismen profitieren

Die Gendermedizinerin macht aber auch darauf aufmerksam, dass Männer benachteiligt sein können. Zum Beispiel beim Herzinfarkt. Obwohl Herzkreislauferkrankungen auch bei Frauen die häufigste Todesursache sind und Frauen für diese Krankheit sensibilisiert werden müssen, trifft der plötzliche Herztod zu 90 Prozent die Männer.

Was ist der Grund dafür? Welchen biologischen Vorteil haben Frauen und lässt sich daraus ein Rezept ableiten, um Männer besser zu behandeln? Regitz-Zagrosek untersuchte für diese Fragestellung den Energiehaushalt in Mausherzen und fand heraus, dass die weiblichen Zellen intensiver atmeten als die männlichen: "Wir sahen auch, dass Östrogene die Energieaufnahme steigern."

Mehr Frauen an die Spitze

Vera Regitz-Zagrosek ist beruflich einen Weg mit vielen Hindernissen gegangen:

"Ich erinnere mich an einen Vorfall während eines Banketts als ich verärgert den Saal verlassen habe, als ein männlicher Kollege in einer Rede erklärte, dass Frauen ja überwiegend schön sind und man sie deswegen in Forschungsgruppen einschließen sollte. (...) Ich denke tatsächlich, dass ein großer Teil der Vernachlässigung von Unterschieden von Männern und Frauen darauf zurückzuführen ist, dass die Leitfiguren in der Medizin die Männer sind." Vera Regitz-Zagrosek


Mariacarla Gadebusch Bondio / Elpiniki Katsari (Hg.): Gender-Medizin

Buch

Mariacarla Gadebusch Bondio, Elpiniki Katsari

Gender-Medizin

Verlag:
Transcript Verlag, Bielefeld 2014
Genre:
Sachbuch