Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 8.6.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Vorsicht Blutverdünnung Neue Blutverdünner in der Kritik

Wenn das Blut krank macht

Neue Blutverdünner sind eine Goldgrube für die Hersteller. Doch die Medikamente zur Blutverdünnung stehen immer wieder in der Kritik. Verdachtsfälle zu unerwünschten Nebenwirkungen häufen sich. Auch für Notfallmediziner sind die neuen Gerinnungshemmer eine Herausforderung.

Medikamente zur Blutverdünnung - mit Nebenwirkungen

Peter T. ist auf einem Auge fast blind. Schuld ist, wie er meint, ein neues Medikament zur Blutverdünnung, das er über vier Monate eingenommen hat. Er glaubt, die Dosis war zu niedrig eingestellt. Laut Pharmaindustrie sei es aber nicht notwendig, die Gerinnungswerte bei neuen Blutverdünnern zu kontrollieren. Ganz im Gegensatz zu dem Medikament, das er vorher eingenommen hat, dem herkömmlichen Marcumar. "Erst habe ich mich über die Erleichterung gefreut. Heute bereue ich, das ich mich darauf eingelassen habe", sagt der Elektroingenieur. "Man weiß ja nie, wie der Gerinnungswert tatsächlich ist. Dann kann es sein, dass man unter Umständen viel zu viel des Medikaments oder zu wenig genommen hat."

Eines Abends konnte Peter T. auf einem Auge plötzlich nichts mehr sehen. Ein Infarkt im Auge, wie man später in der Uniklinik feststellte. "Das heißt, mein Blut ist definitiv zu dickflüssig gewesen," erklärt der 71-Jährige. Sein Arzt wollte sich dazu nicht äußern. Sein Apotheker hat ihn dann als "Verdachtsfall für unerwünschte Nebenwirkungen" an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeldet. Hier sind bereits 13.000 solcher Verdachtsfälle zu den neuen Blutverdünnern eingegangen. Knapp zehn Prozent davon verliefen tödlich! Zu klassischen Blutverdünnern wie Marcumar waren es lediglich 2.000 Verdachtsfälle.

4 neue Blutverdünner – Notärzte sind alarmiert

Insgesamt gibt es vier neue Blutverdünner: Eliquis, Lixiana, Pradaxa, und Xarelto. Die Medikamente werden seit 2008 verordnet und haben schon jetzt 42 Prozent Marktanteil. 2015 wurden die neuen Blutverdünner in 250 Millionen Tageseinheiten verschrieben. Und das, obwohl sie 20 Mal teurer sind als die herkömmlichen Mittel.

Für Notärzte sind die sogenannten neuen oralen Antikoagulantien ebenfalls eine Herausforderung. Die Unfallchirurgin Hanna Neumann vom Alexianer Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin kritisiert auch, dass die Gerinnungswerte nicht kontrolliert werden: "Wir sehen häufig bei Patienten, die neue Antikoagulantien einnehmen, dass sie trotzdem derangierte Blutwerte haben. Und wir haben kaum Medikamente, die wir dagegen einsetzen können."

Deshalb ist die Gefahr von unkontrollierbaren Blutungen sehr groß – gerade bei Not-Operationen. So sind schon Patienten unter neuen Antikoagulantien auf dem OP-Tisch verblutet. Bis heute existiert nur für eines der Präparate ein Gegenmittel zur Blutstillung. Für die drei anderen Blutverdünner gibt es im Falle von Blutungen also kaum eine Möglichkeit, diese zu stoppen.

AKDÄ empfiehlt herkömmliche Gerinnungshemmer

Aus diesen Gründen betrachtet man auch bei der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft (AKDÄ) die neuen Blutverdünner mit Sorge.

Gisela Schott ist Referentin für Therapie-Empfehlungen und Evidenzbasierte Medizin. Sie kritisiert, dass eine wirklich neutrale Untersuchung zur Wirkung der umstrittenen Medikamente bislang fehlt: "Fast alle großen Studien sind von den Hersteller-Firmen durchgeführt worden. Auch die Autoren von Publikationen haben häufig Interessenkonflikte durch finanzielle Verbindungen mit den pharmazeutischen Unternehmen. Deshalb können wir nicht sicher sein, dass die Ergebnisse nicht zugunsten der pharmazeutischen Unternehmen verzerrt sind."

Auch die in den Studien herausgehobenen Vorteile der neuen Blutverdünner gegenüber den herkömmlichen entsprechen bei genauer Überprüfung nicht den Tatsachen. Laut AKDÄ waren die Probanden in manchen Zentren, die an den Studien eilgenommen haben, nicht wirklich gut eingestellt. In Zentren mit gut eingestellten Patienten sind die Vorteile nicht mehr sichtbar.

aus der Sendung vom

Do, 8.6.2017 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2016

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.