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SENDETERMIN Do, 6.6.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zeitwahrnehmung Von gaaanz langsam bis ruckzuck

Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal haben wir Langeweile und die Zeit kriecht dahin. Die Kindheit wird als lang empfunden. Im Alter scheinen die Jahre immer kürzer zu werden. Zeiterleben ist subjektiv sehr unterschiedlich. Woran liegt das?

In Freiburg am Institut für Grenzgebiete der Psychologie forscht Dr. Marc Wittmann zu Fragen der Zeit. Der Psychologe geht, wie die meisten Zeitforscher, davon aus, dass Zeit im Gehirn nicht fließend, sondern in kleinsten Einheiten verarbeitet wird: "Es scheint tatsächlich so zu sein, dass das Gehirn Ereignisse aus der Umwelt zu kleinen Paketen zusammenbringt. Im Hörsystem ist vielleicht eine dreißigstel Sekunde die Größe dieser Zeitpakete, im Sehsystem ist es eine zehntel Sekunde." Solche Pakete definieren dann, was wir als gleichzeitig oder als in Folge erleben.

Dr. Marc Wittmann: "Das Gehirn packt kleine Zeitpakete"

Erstaunlich: Einzelne "Zeitkörnchen" sollen das Raster für unsere Wahrnehmungsprozesse bilden. Obwohl die Zeit in unserer eigenen Wahrnehmung zu fließen scheint. Der Zeitpsychologe hält noch eine andere überraschende These bereit: "Auf einer anderen Zeitskala, die im Bereich von zwei bis drei Sekunden liegt, könnte es sein, dass wir die Umweltreize integrieren und so zu unserem Gefühl von Gegenwärtigkeit kommen. Jetzt erlebe ich mich selbst und meine Umwelt und das erlebe ich vielleicht in Einheiten von zwei bis drei Sekunden."

Dr. Marc Wittmann setzt neben einer Sanduhr

Dr. Marc Wittmann ist dem Zeittakt des Gehirns auf der Spur.

Das Gehirn getaktet wie eine Räderuhr? Bisher nur eine Theorie, vielleicht auch der Versuch, angesichts schwer zu erklärender Bewusstseinsprozesse bei einer bekannten Metapher Halt zu finden. Allerdings gibt es Hinweise, die die Theorie vom getakteten Gehirn stützen. So erleben Menschen, deren rechter Scheitellappen im Gehirn verletzt ist, das sogenannte Zeitrafferphänomen. Die Welt um sie herum läuft in ihrer Wahrnehmung viel zu schnell. Eine mögliche Erklärung wäre, dass bei ihnen der Takt der inneren Uhr durch die Beschädigung des Gehirns zu langsam läuft, und sie dann relativ dazu die Zeit der Umwelt als zu schnell empfinden.

Aber auch ohne Hirnverletzungen variiert die Wahrnehmung der erlebten Zeit sehr stark. Ein wichtiger Grund dafür seien verschiedene Formen der Aufmerksamkeit, sagt Wittmann: "Wenn ich auf die Zeit achte, vergeht sie ganz langsam. Das hat auch was mit dem Ich-Erleben zu tun. Wenn ich mich selber spüre, vergeht die Zeit langsam. Wenn ich hingegen nicht auf sie achte, abgelenkt bin von der Zeit, vergeht sie ganz schnell."

Bestes Beispiel: Kinder beim begeisterten Spielen. Ihr Gehirn ist beim intensiven Spiel so damit beschäftigt, die vielfältigen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten, dass es zum Nachdenken über die abgelaufene Zeit gar keine Zeit hat. Die Zeit vergeht schnell.

Emotionale Erlebnisse füllen im Gedächtnis lange Zeiträume

In der Rückschau passiert das Gegenteil: Emotional gefärbte Eindrücke belegen im Gedächtnis viel Platz. Vor allem Neues, zum ersten Mal Erlebtes, nimmt in der Erinnerung großen Raum ein. Das ist ein Grund dafür, dass wir unsere Kindheit als eine sehr lange Zeit empfinden. Mit dem Älterwerden ändert sich das. Erwachsene haben viel Routinearbeit zu erledigen. Das ist das Gegenteil von neu und mit wenig Emotion verbunden. Wozu sollten diese Eindrücke aufwendig im Gedächtnis abgespeichert werden? Jahre verfliegen. Doch das ist kein unabwendbares Schicksal. "Wir können subjektive Zeit auch steuern. Zum Beispiel in der Meditation. Wenn wir ganz auf uns und unsere Körperlichkeit achten, vergeht die Zeit sehr langsam," sagt Psychologe Wittmann.

Sich nicht ablenken lassen. Ganz bei sich sein. Meditation bewirkt subjektiv wahrgenommen eine Dehnung der Zeit. Anfangs kann diese ungewohnte Verlangsamung der Zeit sogar als unangenehm empfunden werden. Ähnlich wie in einem Wartezimmer beim Arzt oder beim Warten auf ein Verkehrsmittel. Und tatsächlich haben diese beiden Formen der Zeitwahrnehmung einiges gemeinsam: "Insbesondere beim Warten wird uns Zeit ganz lang. Wir achten plötzlich auf uns selbst und sind nicht abgelenkt. Und auf einmal wird die Zeit ganz lang."

Bei emotionaler Erregung scheint die Zeit langsamer zu vergehen

Forscherin (li.) heftet Elektroden an den Arm einer Probantin

Dr. Karin Meißner erforschte die subjektive Zeitempfindung.

Einen anderen Grund für subjektive Zeitdehnung erforschte Dr. Karin Meißner an der Universität München in diesem Test. Elektroden lieferten Informationen über die emotionale Reaktion der Probanden auf verschiedene akustische Reize. Das Spektrum reichte von einem stöhnenden Pärchen beim Liebesakt bis zu Straßenlärm. Die Probanden müssen im Anschluss an jeden akustischen Reiz dessen Länge einschätzen. Dabei zeigt sich ein klares Muster, sagt Meißner: "Wir konnten hier sehr gut zeigen, dass die emotionalen Geräusche als länger von der Zeitdauer her eingeschätzt wurden als neutrale Geräusche. Und wir erklären es uns so, dass die emotionale Erregung subjektiv dazu führt, dass Zeit als länger wahrgenommen wird."

Aus den Erkenntnissen zur Zeitwahrnehmung resümiert Wittmann: Wer in seinem Erleben neugierig und offen für neue Erlebnisse bleibe und dabei emotional sei, der werde sein Leben in der Rückschau als viel länger empfinden. Die Emotionalität dehne in der Rückschau die Zeit. "Dadurch kann ich der Beschleunigung der Zeit entgegenwirken", erklärt der Psychologe. Bis zu einem gewissen Grad haben wir es also selbst in der Hand, wie viel Zeit wir in unserem Leben haben.