Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 27.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wildtiermanagement Von der Jagd zum Wildtiermanagement

Weil fast alle Grünflächen in Deutschland intensiv genutzt werden, kollidieren Wildtiere permanent mit den Interessen der Menschen. Doch wo soll das Wild hin, wenn es nirgendwo erwünscht ist?

Ein Reh, Fuchs und Hase auf der Wiese

Die Quadratur des Kreises

Die Jäger sind an hohen Wildbeständen für ihre Jagd interessiert, genau wie die Touristen, die es allerdings lieber friedlich in der freien Natur beobachten würden. Während die Bauern das Wild am liebsten weit weg von Wiesen und Feldern im Wald sehen, wo die Förster aber wiederum Wildverbiss befürchten. Wo also soll das Wild sich aufhalten? In diesem Konflikt eine Einigung zu finden scheint unmöglich. Aber genau das versucht man am Schluchsee im Südschwarzwald. Es geht dabei um Rothirsche, die größten Wildtiere in Mitteleuropa. Überall sind sie gefürchtet, wegen der Wildschäden die sie verursachen. In den Wäldern südlich des Sees leben auf einer Fläche von 17.500 Hektar circa 600 Stück. Ein solch hoher Bestand hat Tradition in der Region, die deshalb von jeher als eines der attraktivsten Jagdgebiete Deutschlands gilt.

Noch vor 10 Jahren waren es sogar über 1.000 Stück Rotwild. Die Spuren davon sieht man noch heute. "Fegeschäden" werden sie genannt. Um den weichen Bast während der Geweihreifung abzustreifen, reiben die Hirsche ihr Geweih an den Bäumen und verletzten dabei massiv deren Rinde. So können Fäulnis und Schädlinge eindringen, die das Holz dann unbrauchbar machen. In manchen Waldflächen sind fast alle Bäume davon betroffen.

Nicht viel besser ergeht es den Bauern in der Region, die ihr Vieh auf Wiesen mitten zwischen den Wäldern weiden. Einer der Bauern erzählt von über 60 Hirschen, die sich in den Hochzeiten nachts auf seinen Wiesen satt gefressen haben und beim Betreten der Weiden meistens die Zäune einrissen.

Ein gemeinsames Konzept entsteht

Der Ärger der Landwirte und Privatwaldbesitzer ließ sich nicht mehr länger ignorieren. Die Jäger, die Jahrzehnte kompromisslos an den hohen Wildbeständen festgehalten hatten, mussten einlenken. Eine Lösung im Streit der Interessen musste her. Wildtierexperten von der Forstwissenschaftlichen Versuchsanstalt Baden-Württemberg entwickelten mit einigen Jägern vor Ort die Idee, Ruhezonen für das Wild anzulegen. Hier sollte reichlich Nahrung vorhanden sein aber auch weitestgehend Jagdruhe übers Jahr herrschen.

Landkarte mit Markierungen, Wildtierlenkung

Die Karte zeigt: Im Winter konzentriert sich das Wild um die Futterplätze.

Das Ziel der Strategie: Das Wild auf diesen staatlichen Flächen möglichst zu konzentrieren, um es so von Kuhweiden und Privatwäldern fern zu halten.
Aber mit diesen Maßnahmen zur Wildtierlenkung allein war es nicht getan. Immer wieder kam es, wenn auch seltener, zu Konflikten mit den Bauern und den Privatwaldbesitzeren. Man gründete deshalb die Rotwild-Ag. Jäger, Landwirte, Privatwaldbesitzer aber auch Wildtierexperten und Tourismusvertreter suchen hier bis heute nach gemeinsamen Lösungen. Die sogenannte Rotwildkonzeption entstand, in der sich alle freiwillig Regeln auferlegten.

Jeder hat seine Aufgabe

Heute werden Landwirte bei Grünfutter- oder Zaunschäden unkompliziert mit Heuballen oder Geld für neue Zäune entschädigt. Natürlich lässt sich der Ärger nicht komplett mit Geld begleichen, aber seit die Landwirte an allen Entscheidungen mitbeteiligt werden, haben sie mehr Verständnis für das Wild.

Die Förster kümmern sich dagegen um eine artgerechte Habitatgestaltung, damit es dem Rotwild in den Ruhezonen möglichst "gut gefällt". Und im Winter werden zusätzlich konzentriert an fünf Stellen ganz regelmäßig Fütterungen durchgeführt. Obwohl viele Experten von Wildtierfütterungen abraten, konnte mit dieser sehr punktuellen Maßnahme das Wild an den Fütterungsstellen konzentriert werden, wie die Auswertung der Aufenthaltsorte von besenderten Tieren im Winter und im Sommer zeigen.

Die Wildruhezonen haben außerdem den Vorteil, dass sich das Wild dort gut beobachten lässt. Förster aus der Region bieten geführte Touren für Touristen an, auf denen man Rotwild in freier Natur erleben kann, ohne es zu beunruhigen. Gerade dieser Aspekt hat den Gemeinden am Schluchsee in den letzten Jahren viele Touristen beschert.

Der Kern des Konzeptes

Der Kern des Wildtiermanagements ist allerdings die neue Jagdstrategie, an der die Jäger aus allen Revieren zusammenarbeiten müssen, um den Rotwildbestand bis auf 450 Stück abzusenken. Im Winter werden regelmäßig Rotwildzählungen durchgeführt, um den Erfolg zu kontrollieren.

Außerhalb der Ruhezonen darf nach der Schonzeit das ganze Jahr Rotwild bejagt werden. Innerhalb der Ruhezonen allerdings nur drei Wochen im Oktober. Dann aber sehr intensiv mit drei großen Treibjagden, bei denen Treiber die Tiere aus den Verstecken treiben.
Der Vorteil dieser Methode: Das Wild hat während des restlichen Jahres seine Ruhe. Die nächste Zählung im kommenden Winter wird zeigen ob die gewünschte Anzahl an Tieren erreicht wurde.

Auch wenn das Wildtiermanagementkonzept im Südschwarzwald sich noch ganz am Anfang befindet, wurde schon viel erreicht. Gerade die Zusammenarbeit der verschiedenen Interessenvertreter und der Jäger aus unterschiedlichen Jagdrevieren hat einen neuen Weg gezeigt, der für mehr Konsens und Transparenz in der Jagd steht.