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SENDETERMIN Do, 6.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Sounddesign Vom Lärm zum Wohlklang

Sound und Klang sind etwas Sinnliches, findet Klangtüftler Friedrich Blutner. Er will lärmende Alltagsgegenstände wie Staubsauger und Rasenmäher akustisch entschärfen.

Laubbeseitigung

Frühlingserwachen: Die Menschen zieht es nach draußen - und mit ihnen kommt wieder der Lärm aus der Nachbarschaft: Rasenmäher, Trimmer, Sägen, Häcksler legen los. Frage an einen Gartenfreund: "Haben Sie sich Ihre Maschinen eigentlich mal angehört, als Sie sie gekauft haben?" Nein, sagt er. "Wenn ich sie benutze, höre ich sie eigentlich auch nicht." Für ihn klinge sie nicht belästigend.
So ist das: Lärm ist, was die anderen machen. Schon beim Gerätekauf wird zwar kritisch nachgefragt zu Leistung oder Verbrauch, aber nicht zum Krach. Wolfgang Thiedemann, Mainzer Fachhändler für Gartengeräte meint: "Die Leute wollen zwar grundsätzlich mal die Maschine hören. Aber ob es dann grundsätzlich lärmt oder nicht lärmt, interessiert Kunden weniger." Sie legten eher Wert darauf, dass richtig Power drin steckt."

Sound wirkt unterschwellig

Wenn Kunden ein angenehmer Klang wichtiger wäre, würde der Fachhändler sein Sortiment mehr danach ausrichten, sagt er. Aber die allgemeine Haltung ist: Lärm ist gleich Leistung. Das ist noch aus den Anfängen der Alltagsmechanisierung in unseren Köpfen sozusagen psychoakustisch verankert.
Sounddesigner wie Dr. Friedrich Blutner achten auf solche Effekte, wenn Sie Produktklänge verbessern. Lärm ist Leben, aber auch der moderne Stör- und Stressfaktor schlechthin. Bewusst nehmen wir die Akustik um uns herum aber nur selten wahr, sagt Blutner: "Wenn Sie hier einen Film drehen, dann haben Sie 90 Prozent Bild und in der Regel zehn Prozent Ton." In einer Sehkultur seien die Leute durchs Sehen geprägt: "Schöne Schaufenster, schöne Farben - und das Geräusch wird ins Unterschwellige verschoben. Es ist aber nicht so, dass das Geräusch keine Rolle spielt."
Dabei sind Sound und Klang doch Sinnlichkeit pur, schwärmt Friedrich Blutner: "Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen ein. Schall ist für mich im Wesentlichen eine Berührung, eine körperliche, seelische und spirituelle Berührung."

Highwaylärm zu Meeresrauschen

Lärm und Klang liegen oft dicht beieinander: Tosender Großstadtverkehr ist vom Schalldruckpegel her kaum vom Klang einer Kirchenorgel zu unterscheiden. Sounddesigner fragen sich daher: Wie kann aus Lärm Wohlklang werden? Beispiel Autobahnen: Die klingen aus der Ferne ein bisschen wie - Meeresrauschen. Die Illusion, zeigt Blutner an seinem Tonmischpult, wird perfekt, wenn er noch Geräusche von Möwen oder Grillen dazu mischt: Ein Highway, der wie eine Meeresküste klingt. Durch spezielle Bepflanzungen und Beschallungstricks der Fernstraßen wäre eine solche Architektur des Wohlklangs möglich.

Akustische Kamera sieht Krach

Gewagte Visionen, die aber auch in die Alltagsaufträge von Sounddesignern einfließen: Die akustische Kamera lokalisiert bei Fahrzeugen, Haushalts- oder Gartengeräten genau, wo laute und schrille Töne herkommen.
Durch Änderungen an Motor und Gehäuse lassen sich Klangschärfen mildern. Der Staubsauger in Blutners Firma schneidet da schon gut ab. Die Putzfrau hier bringt trotzdem immer ihren eigenen Staubsauger mit, obwohl der für die Ohren der Klangtüftler eine Folter ist. Alle Beweise, die Blutner mit seiner akustischen Kamera vorlegt, nützen nichts. Putzkraft Manuela Schramm bleibt ihrem laut pfeifenden Saug-Gefährten treu. Es sei ein Sound, bei dem sie merke "es ist Kraft dahinter. Das sagt mir, es wird sauber."

Herausforderung Elektrowelt

Doch der Klangexperte muss nicht verzweifeln: Wenn der Siegeszug geräuscharmer Elektrogeräte und -fahrzeuge weitergeht, stehen Soundkreationen alle Türen offen. Stille Maschinen müssen dann akustisch mit Leben erfüllt werden, damit überhaupt zu hören ist, dass sie laufen. Das Kaugeräusch eines weidenden Lamas hat Blutner jedenfalls schon erfolgreich auf einen Elektro-Rasenmäher verpflanzt. Werden die Menschen also bald in einer akustischen Disney-World leben?

Sicher gibt es Wichtigeres als guten Maschinensound. Aber spätestens im Herbst werden viele Menschen anders denken - wenn ihnen höllisch laute Laubbläser wieder dröhnend den Marsch blasen.