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SENDETERMIN Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Virusexperte Spurensuche in den Tropen

Der Tübinger Professor Peter G. Kremsner hat sein Berufsleben gefährlichen Viren gewidmet - und riskiert dabei seine eigene Gesundheit. Wir haben ihn begleitet.

Ein Mann in Anzug und Krawatte stapft durch den Urwald. Im dichten Grün des Urwalds sieht der Mann in Anzug und Krawatte aus wie ein Fremdkörper - doch er ist nicht zum ersten Mal hier. Und er weiß genau, was er sucht: unbekannte, gefährliche Viren. Peter Gottfried Kremsner ist Tropenmediziner, Infektiologe, Experte für Parasiten, Bakterien und Viren. Angst passt nicht zu seiner Berufswahl. Und so sucht er im Dschungel von Gabun, weit weg von der Zivilisation, nach Fledermäusen. Man findet sie in den Baumstämmen der Urwaldgiganten, in den dunklen, feuchten Löchern. Kremsner und sein Forschungsteam vermuten, dass in den Tieren bisher unbekannte Tollwut- und Ebola-Erreger schlummern, die dem Menschen einmal gefährlich werden könnten…

Tür an Tür mit dem Tuberkuloselabor

Drei Mal hatte er schon Malaria, erst vor Kurzem hat sich ein Kollege das Chikungunya-Virus eingefangen, das starke Gliederschmerzen verursacht. Berufsrisiko. Und das schon immer: Mit 28, frisch aus der Ausbildung, kam der Tübinger Professor ins Albert Schweitzer Hospital in Lambaréné, um hier das Forschungslabor aufzubauen. Auf unbestimmte Zeit. Heute ist er noch immer der Direktor des Forschungslabors und kommt regelmäßig, um sich über die neuesten Studienergebnisse, Patientenberichte und Labortests zu informieren. Wenn er hier ist, schläft er Tür an Tür mit dem Tuberkulose-Labor. Täglich kommen Einheimische in die Krankenstation des Albert Schweizer Hospitals - manchmal mit Symptomen, die sich die Ärzte nicht erklären können. Womit haben sich infiziert? Und wie? Virus-Forschung ist nicht berechenbar. Auch Peter Kremsner musste das schon am eigenen Leib erfahren. Wie viele Experten dachte auch er Anfang 2014, dass die neueste Ebola-Epidemie vergleichsweise harmlos verlaufen würde, wie alle anderen zuvor. Ein Irrtum.

Großes erreichen

Seit 40 Jahren ist das Virus bekannt, nie gab es mehr als rund 200 Tote, ganz einfach, weil das Virus die Infizierten schnell und in bis zu 90 Prozent tötet. Die Erkrankten bemerken schnell Symptome, die Gefahr, dass jemand ohne es zu wissen noch tagelang herumläuft und andere ansteckt, ist gering. Deshalb hat sich Ebola bisher nie sonderlich weit ausgebreitet. Doch dieses Mal erreichte es Millionenstädte. Wie, das ist für Wissenschaftler noch immer ein Rätsel. Auch für Peter Kremsner.

Nahaufnahme einer Impfung kurz vor der Injektion.

Vielversprechende Testergebnisse mit Ebola-Impfstoff

Doch die Unberechenbarkeit der Viren fasziniert ihn mehr, als dass sie ihn von seinem Ziel abbringen könnte: er will Großes erreichen. "Etwas, das über Kleinigkeiten hinausgeht", wie er es ausdrückt. Einen Impfstoff entwickeln. Menschen helfen. Und er nähert sich seinem Ziel, mit großen Schritten.
Sein Team hat einen vielversprechenden Ebola-Impfstoff in den Labors von Lambaréné getestet. Erste Zwischenergebnisse: 100 Prozent wirksam. Und ein Malaria-Impfstoff, den Kremsner und sein Team mitentwickelt haben, hat die Prüfung durch die Europäische Arzneimittelbehörde inzwischen bestanden.

Detektivarbeit

Aber es sind nicht nur die großen Heldentaten, die die Arbeit, den Alltag des Tropenmediziners ausmachen. Zu Hause am Institut in Tübingen warten jeden Tag Urlauber auf die Impfsprechstunde. Oder Reiserückkehrer kommen, die von ihren reisen aus exotischen Ländern Symptome mitgebracht haben, die sie beunruhigen. Vieles stellt sich als harmlos heraus. Doch auch hier hat Kremsner schon einen Chikungunya-Patienten gesehen, schwere Malaria-Fälle, einen Mann mit Lepra, der daran verstarb. Um auf die richtige Spur zu kommen, braucht es Detektivarbeit. Manchmal hilft auch nur der Zufall, eine fixe Idee, um auf die richtige Spur zu kommen. Oft zählt für die Patienten mehr, endlich eine Diagnose zu bekommen. Geheilt sind sie deshalb noch nicht. Denn gegen viele Viren gibt es bis heute keinen Impfstoff. Manche bleiben für den Menschen tödlich. Jederzeit könnte irgendwo auf der Welt ein neues Virus vom Tier auf den Menschen übergehen, oder sich mit einem anderen Virus kreuzen. Für den Wissenschaftler faszinierend.

Zwischen Kunst und Leid

"Infektiologie ist das Schönste was es in der Medizin gibt. Das Bunteste, das Interessanteste, die spannendste Angelegenheit , wo die ganze Natur mit reinspielt. Das hat man sonst kaum in der Medizin, die dann doch meistens sehr stark auf den Menschen allein beschränkt ist. Das hat mich immer sehr interessiert, es ist sehr vielfältig und großartig. Fast eine Kunst." Peter Kremsner ist ein Mann mit Sinn für Ästhetik. Er kann sich für Mikroskopbilder von komplex gebauten Viren genauso begeistern wie für die übergroßen schwarz-weißen Fotodrucke, die in schweren schwarzen Rahmen die Wände seines Büros schmücken. Ansonsten ist der Raum vollkommen leer. Ein Schreibtisch, ein schlanker PC, eine Maus. Sonst nichts. Sein Beruf, seine Berufung, ist für ihn Kunst. Am liebsten ist er in den Tropen, denn dort gibt es bunte Viren, in der Heimat erscheinen sie ihm "fast schon grau dagegen". Warum hat es sich jemand, der Viren als Kunstwerke betrachtet, zur Aufgabe gemacht sie zu bekämpfen?

Auch die Hölle ist interessant

"Das ist für mich kein Widerspruch", argumentiert Kremsner. Viren seien "schön per se, so wie sie von der Natur - andere würden sagen von Gott - erschaffen wurden, aber dennoch ist das etwas, was die Menschen natürlich erkranken lässt, Leid bringt und deswegen, als Mediziner, ist das eine hehre Aufgabe, das zu bekämpfen." Vergleiche er sich mit einem Krebsforscher oder einem Kinderarzt, der auch Schlimmes miterlebe, so sei die Infektiologie noch dankbar. Es gebe mittlerweile vereinzelt Impfstoffe, wo man in der Krebsforschung noch immer vergeblich gegen viele Tumorarten kämpft. Und dann, als habe er gerade selbst den Kern seiner Leidenschaft erfasst: "Nach den Abbildungen in der Kunst zu schließen, ist auch die Hölle sehr interessant." Kinderarzt kann jeder. Ebola nicht.
Ganz wie ein Künstler will auch Peter Kremsner Großes schaffen. Und diesen Anspruch braucht es auch im Kampf gegen tödliche Viren. Noch hat sein Team in den Fledermäusen aus Gabun keine neuen Erreger gefunden. Aber die Suche geht weiter. Genauso wie der Kampf gegen tödliche Viren.

aus der Sendung vom

Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.