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SENDETERMIN Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Virotherapie Tödliche Viren als Lebensretter

Nur Krankmacher? Von wegen! Die Medizin hat Viren inzwischen auch als Helfer des Lebens entdeckt. Sogar in der Krebstherapie könnten sie bald zum Einsatz kommen.

Dr. Dr. Guy Ungerechts vom NCT, dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankung, will Leben retten. Seit vielen Jahren forscht er zusammen mit seinem Team in Heidelberg daran bestimmte Viren so zu verändern, dass sie eine durchaus effektive Waffe im Kampf gegen den Krebs werden könnten.

Krebsbekämpfung mit Masernviren

Dabei ist die Idee für diese Forschung nicht neu. Bereits in den 1970er Jahren entdeckten Ärzte in den USA: wenn Tumor-Patienten sich mit einem speziellen Virus infizierten bildete sich ihr Krebs manchmal zurück. Die Rede ist von Masern und dem Virus, welches sie hervorruft: Morbilli. Weltweit macht es etwa 580.000 Menschen pro Jahr krank und laut WHO dürfte die Dunkelziffer noch weitaus höher liegen. Doch was hat all das mit der Krebsbekämpfung zu tun? Dr. Guy Ungerechts erklärt seine Arbeit mit den Masernviren so: "Die werden in einer Art Baukastensystem derart verändert, dass sie optimal maßgeschneidert sind, für die Krebstherapie beim Patienten."

Der Laborversuch

Und so sieht der Plan konkret aus: Gentechnisch wird die Oberfläche des Masernvirus im Labor verändert. Und zwar so, dass das Virus nun ganz gezielt an die Krebs-Zellen andocken und in sie eindringen kann. Das Virus soll nun die Krebs-Zelle so verändern, dass diese gesprengt wird, quasi Selbstmord begeht - und dabei noch zusätzliche, neue Masernviren "produziert", die wiederum an weitere Krebszellen andocken.

Eine Laborantin mit Schutzanzug hält eine längliche Apparatur in den Händen.

So weit der Plan. Doch funktioniert das auch in der Realität? Um das herauszubekommen, geben die Wissenschaftler des NCT Tumorzellen in Petrischalen. In einem weiteren Schritt werden die im Labor gentechnisch veränderten Masernviren dazu gegeben. 48 Stunden ruht das Ganze und danach soll sich zeigen, ob die Idee, mit Masernviren Krebs zu bekämpfen auch im Laborversuch funktioniert. Nach zwei Tage stellen die Wissenschaftler nach einem Blick durch das Mikroskop fest: Die Viren waren erfolgreich. Für den Leiter der Forschungsgruppe Dr. Dr. Guy Ungerechts ein Erfolg: "Das heißt, wir können im Labor zum Teil sehr überzeugend darstellen und zeigen, das Krebszellen die sich im Reagenzglas befinden sehr effektiv vom Masernvirus infiziert und im Zuge dieser Infektion auch getötet werden."
Klingt verlockend einfach, doch was sich schnell unter dem Mikroskop realisieren lässt, muss dann in der nächsten Phase, der Phase zwei, erst einmal an Lebewesen getestet werden. Seit 2009 werden dafür tumorkranken Mäusen verschiedene genetisch veränderte Masernviren injiziert. In der Regel 30 Tage später werden die Mäuse erneut untersucht und auch hier: die Tumore verschwinden fast immer.
Dr. Dr. Ungerechts: "Es gibt durchaus Versuche, die wir gemacht haben mit bestimmten Tumoren, wo wir sagen konnten wir hatten einen durchschlagenden Erfolg, wo wir von 10 Mäusen 10 im Grunde in die komplette Remission gebracht haben, also wo sich der Tumor aufgelöst hat und die Mäuse - wenn man so möchte - geheilt waren. Es gab auch andere Versuche, wo wir das Virus eingesetzt haben, und wir hatten keinen oder nur einen mäßigen Erfolg."

Man ist also grundsätzlich auf dem richtigen Weg, und die Wissenschaftler um Dr. Guy Ungerechts machen noch eine weitere erfreuliche Entdeckung: "Wir setzen auf einen zweiten Mechanismus. Und das ist ein immunologischer Mechanismus also die Hoffnung, dass das Immunsystem des Tumorpatienten durch diese viralen Infektion und auch durch die Botenstoffe, die dann freigesetzt werden, wieder aufmerksam wird auf den Tumor und die möglicherweise verbleibenden vitalen Tumorzellen erfolgreich attackieren kann, so dass dann tatsächlich ein Langzeiteffekt im Sinne einer Tumorvaccionierung resultiert und der Patient dann idealerweise tumorfrei bleibt."

Zukunftsaussichten

Bringt die nahe Zukunft also die Rettung für viele Patienten? So weit will der Wissenschaftler Ungerechts nicht gehen: "Das neue Wundermittel gegen Krebs wird es aus meiner Sicht so schnell nicht geben, wir machen uns die gute Hoffnung, dass wir auch bei Patienten die möglicherweise stark vortherapiert sind mit konventioneller Therapie, dass wir dort dennoch einen Behandlungserfolg erreichen können, weil die Mechanismen dieser neuen Virustherapie ganz andere sind als die der konventionellen Therapie."
Erst die klinischen Studien werden zeigen, ob es tatsächlich eines Tages gelingen kann, mit Hilfe von Masernviren Krebs zu bekämpfen.

aus der Sendung vom

Do, 15.10.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.