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SENDETERMIN Do, 15.5.2008 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Versagende Wirtschaftseliten

Kaum ein globales Unternehmen das sich das große Wort der ‚Corporate Social Responsibility’, der sozialen Verantwortung des Unternehmens, nicht auf die Fahnen schreibt. Aber ist das mehr als ein Feigenblatt? Kann eine weltweit agierende Aktiengesellschaft überhaupt etwas anderes als kurzfristige Gewinnmaximierung anstreben? Die Riege der Topmanager ist jedenfalls dem Ziel verpflichtet, die Aktionäre glücklich zu machen, und das heißt, die Kassen zu füllen. Bleibt da noch Raum für Moral und Ethik? Wir haben dazu eine hochinteressante Studie gefunden.

Da hat die Boulevardpresse mal wieder einen erwischt: Ein Spitzenmanager randalierte betrunken im Flugzeug. Deutschlands Elite feiert halt gern - das ist das Bild, das die Öffentlichkeit von den Wirtschaftsbossen hat. Das bestätigen Untersuchungen.

Selbstgefällige Wahrnehmung

Mann im Anzug steht vor Kameraleuten

Manager im Blitzlichtgewitter

Dem Sozialwissenschaftler Dieter Rucht geht es aber nicht um solche Einzelfälle trinkfreudiger Leistungsträger. Er hat die Selbstwahrnehmung von Managern untersucht. Es ging um ihre gefühlte gesellschaftliche Verantwortung. Rund 50 Spitzer Spitzennmanager wurden interviewt.

Dazu wurde die öffentliche Wahrnehmung der Wirtschaftseliten seit den 60er Jahren erfasst. Professor Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung erläutert die Untersuchung: "Also wir haben ja im Grunde Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung in den Presseanalysen gegenübergestellt. Die Wirtschaftseliten beschrieben sich selbst relativ unkritisch, wohlgefällig und positiv. Und die öffentliche Wahrnehmung der Wirtschaftseliten ist auch im Zeitverlauf zunehmend kritisch und negativ. Das wird übrigens auch in Untersuchungen bestätigt, die selbst von Wirtschaftseliten, in dem Fall dem World Economic Forum, in Auftrag gegeben werden. Niemand von kollektiven Akteuren schneidet schlechter ab als die großen Konzerne.“

Arbeit ohne Moral

Skandale wie bei VW oder Siemens, dazu steigende Managergehälter, Arbeitsplatzabbau - das alles zeigt Wirkung. Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey glaubt nur noch knapp ein Drittel der Bevölkerung, dass die Konzerne Positives für die Gesellschaft leisten. Fast alle sind aber davon überzeugt, dass Unternehmen die Pflicht zu gesellschaftlicher Verantwortung haben. Und wie sehen das die Manager?

Prof. Dieter Rucht: "Bei manchen unserer Interviewpartner finden wir so etwas wie eine Abspaltung der Moral vor. Es gibt auf der einen Seite den zentralen beruflichen Bereich, mit dem Selbstverständnis, hier hat Moral keinen Platz, das ist allenfalls zweitrangig, hier muss das Prinzip des Gewinns vorherrschen. Aber die Moral wird durchaus hochgehalten, aber dann in den privaten Bereich abgedrängt und dort gleichsam reserviert."

Kurse für Berufsethik an der Hochschule?

An der Berliner Fachhochschule für Wirtschaft werden Studenten für ihren Berufsweg in die Leitungsetagen von Unternehmen vorbereitet. Lernt man dort so etwas wie gesellschaftliche Verantwortung? "In den Kursen direkt nicht, es sei denn die Dozenten arbeiten Fächerübergreifend und interdisziplinär. Es gibt durchaus Kurse, in denen das gemacht wird, zum Beispiel bei Personalorganisation, wo man auch sozialkritische Referatsthemen wählen kann, wie 'Generation Praktikum' oder 'Altersteilzeit' oder ähnliches. Aber es gehört nicht in der Regel zum Ausbildungsinhalt dazu", erklärt die Studentin Karin Setzpfandt.

Die angehende Wirtschaftsjuristin bedauert diesen Zustand. Die Verkürzung des Studiums, mit nur dreijähriger Ausbildung, lässt dafür kaum Zeit. Dennoch: Ein Berufsleben ohne moralische Verpflichtungen kann sich die Studentin nicht vorstellen: "Ich glaube, dass man das gar nicht so trennen kann. Natürlich spielt die ökonomische Seite eine Rolle, aber wenn man von sich behauptet, ein moralischer Mensch zu sein, dann muss man auch moralische Entscheidungen treffen und auch Moral und Ökonomie passen zusammen."

Mittelständler am stärksten sozial engagiert

Alle bisher durchgeführten Studien zeigen große Unterschiede zwischen Managern großer Konzerne und überschaubaren Unternehmen. Der Mittelständler nämlich zeigt Verantwortung wie Prof. Dieter Rucht herausgefunden hat: "Die letztgenannten sind sozial weitaus stärker engagiert, wenn man das etwa auf ihre Gewinne beziehen würde, geben sie einen größeren Anteil ihres Kuchens wiederum zurück an ihre Mitarbeiter, an die örtliche Kommune, an soziale Einrichtungen und dergleichen, während prozentual die großen Unternehmen im Durchschnitt wesentlich weniger für solche Zwecke ausgeben, aber dies viel besser verkaufen."

Globale Firmen ohne Ortsbezug

'Corporate Social Responsibility' heißt dafür das Trendwort der PR-Strategen. Es geht vor allem um Imagegewinn. Die Manager internationaler Konzerne sind gleichsam globalisiert, meist ohne lokale Identität. Es fehlt der Zugang zum Alltagslebewie Dieter Rucht verdeutlicht: "Es gibt in der Kybernetik, und auch in der Physik, das Phänomen der positiven Rückkoppelung. Das bedeutet, dass keine Korrekturen eines Fehlverhaltens mehr einsetzen, sondern dass immer nur das jeweilig schon gezeigte Verhalten noch mal positiv bestärkt wird. Und das kann natürlich Fehlentwicklung, Korruption, die sich ausbreitet, als Normalität angesehen wird, das kann solche Fehlentwicklungen ins unendliche Steigern bis in einen Bereich hinein, wo dann irgendwann die Seifenblase platzt.“

Und dann helfen auch keine millionenschweren PR-Kampagnen mehr. Die angehende Wirtschaftjuristin Karin Setzpfandt hat ihre Konsequenz bereits gezogen. Für sie kommt nur ein mittelständiges Unternehmen in Frage: "Es gibt in diesen Großunternehmen gewisse Hierarchie-Vorstellungen, die sich mit meinen Vorstellungen einfach nicht decken. Also ich möchte nicht in einem Unternehmen arbeiten, in dem immer nur von oben herunter im Hauruckverfahren irgendetwas getan wird, sondern ich möchte für mich auch das Gefühl haben, selbst bestimmen zu können oder mitbestimmen zu können. Ich denke in einem großen Unternehmen, in einem weltweit agierenden Unternehmen, hat man diese Chance nicht."

Doch muss das so sein? Die Regeln der Groß-Ökonomie sind keine unabänderlichen Naturgesetze. Die Evolution des globalen Handelns ist am Laufen und sie wird verantwortliches Handeln hoffentlich als Vorteil erkennen. Irgendwann einmal...