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SENDETERMIN Do, 7.5.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kampf gegen die Keime Unterwegs mit Hygienefachkräften

Sie sollen verhindern, dass sich resistente Keime im Krankenhaus verbreiten: Hygienefachkräfte. Wie stellen sie das an? Wo sind die Knackpunkte in der Klinik? odysso hat sie begleitet.

Wenn Petra Seyfried auf Station kommt, ist das für das Pflegepersonal ein besonderer Besuch - denn sie kommt, um zu kontrollieren. "Wie ein Freund und Helfer" sagt die Stationsleitung lächelnd - nur dass man dabei unweigerlich an die Polizei denken muss. Und ein bisschen ist sie das auch. Petra Seyfried ist Hygienefachkraft vom Beratungszentrum für Hygiene (BZH) in Freiburg. Sie betreut mehrere Kliniken und sorgt dort für die tägliche Hygiene. Heute hat sie es auf die Hände der Pflegerinnen im Kreiskrankenhaus Lörrach abgesehen. Denn gerade das Personal im Krankenhaus ist eine Risikogruppe für die Übertragung resistenter Keime. Auch wenn die Keime auf der Haut gesunder Menschen kein Problem sind - gelangen sie in Wunden oder in die Lunge von geschwächten Patienten, kann das bei ihnen zu schweren Infektionen führen. Während acht Frauen gewissenhaft das Desinfektionsmittel auf ihren Händen verteilen, richtet Petra Seyfried ihre UV Lampe. Ein kleiner, schwarzer Kasten, der gleich zeigen wird, ob die Pflegerinnen gut gearbeitet haben. Denn im Desinfektionsmittel ist ein fluoreszierender Stoff beigemischt, der unter der UV-Lampe weiß aufleuchtet. So kann die Hygienefachkraft gleich sehen, ob das Mittel überall hingelangt ist, wo es sein sollte.

"Da fehlt noch was am Daumen!"

"Da sehen sie das? Da fehlt noch was am Daumen!" hakt Petra Seyfried bei einer Pflegerin nach. Am rechten Daumen hat sie eine Stelle vergessen. Denn die optimale Händedesinfektion ist keine banale Sache: Zwischen den Fingern, Handgelenke, Daumen und Nagelfalzen, die Fingerspitzen - nichts darf vergessen werden. Und alles 30 Sekunden einwirken lassen. In der Übung klappt das insgesamt gut - aber lässt sich das in der Realität auch so einfach umsetzen? "Also da muss ich ehrlich sagen das ist nicht so einfach" bestätigt die Stationshilfe, "in der Zeit, die man eigentlich fast nicht hat, das wirklich so konsequent zu machen…" und reibt dabei nochmal demonstrativ das Desinfektionsmittel in ihre Hände ein. Denn im Stationsalltag herrscht Zeitdruck und täglich unzählige Berührungen von Patienten machen die Händedesinfektion in der Praxis schwer - selbst, wenn man alle Regeln beachten wollte: Vor und nach jeder Tätigkeit am Patienten, aber auch nach jedem Toilettengang, nach jedem Nase putzen müsste sich laut Richtlinien des Robert koch Instituts das Personal die Hände desinfizieren - und das Mittel jedes Mal 30 Sekunden lang einwirken lassen. Da kommen über eine Schicht schnell über hundert Desinfektionen zusammen. Das hier Richtlinien und Realität auseinanderklaffen können, ist offensichtlich.

Krankenschwestern waschen sich vor einer Operation die Hände.

Befund: MRSA positiv

Zwei Stockwerke tiefer. Petra Seyfrieds Kollegin Karin Brandt, auch Hygienefachkraft vom BZH, erreicht das Zentrallabor der Klinik. Jeden Morgen holen sich hier die Hygienefachkräfte frische Befunde von Patienten-Screenings auf multiresistente Erreger ab. Doch ein eigenes mikrobiologisches Labor wie in Lörrach ist an deutschen Kliniken keine Pflicht. Stattdessen schicken viele kleinere Krankenhäuser ihre Proben an externe Labors, was unter Umständen viel Zeit kosten kann. Denn ist ein Patient erst einmal mit einem aggressiven keim besiedelt und zeigt Anzeichen einer Infektion, kann jede Stunde, jede Minute entscheidend sein. Eine schnelle Diagnose ist wichtig. Karin Brandt holt gleich einen ganzen Stapel von Befunden aus dem Postfach mit der Aufschrift "Hygiene". Heute sind für sie fast nur negative dabei. Aber auch der positive Befund eines Patienten: Er ist mit dem MRSA Keim, dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, besiedelt. Ein Keim, mit dem viele besiedelt sind und der im Krankenhaus gefährlich werden kann.

Streupotenzial oder nicht?

Aus dem Befund muss Karin Brandt jetzt herauslesen, wie mit dem Patienten umzugehen ist. Muss er isoliert werden? Muss das Personal Schutzkleidung im Umgang mit ihm tragen? Wichtig für die Hygienefachkraft ist zunächst, wo der Keim bei dem Patienten nachgewiesen wurde: "Wenn der Keim zum Beispiel in einer Wunde ist, die aber geschlossen ist, also wo ein Verband drauf ist, dann besteht in der Regel kein hohes Streupotenzial, dann kann der Patient auch im Mehrbettzimmer untergebracht werden" erklärt Karin Brandt. "Aber wenn der Nachweis, wie jetzt hier, im Rachensekret ist und die Gefahr besteht, dass der Patient hustet, dann müsste das Personal bei engem Kontakt auch einen Mundschutz tragen." Karin Brandt hakt telefonisch beim Pflegepersonal der Station nach, auf der der MRSA -Patient liegt - eine Station an einem der anderen Klinik-Standorte. Sie erfährt, dass der Patient im Einzelzimmer isoliert ist. Bettlägerig ist aber er nicht, könnte also das Zimmer verlassen und so seine Keime verschleppen. Umso wichtiger, dass er die Händehygiene einhält. "Und hat er noch Husten?" hakt die Hygienefachkraft nach. "Also da wäre es wirklich wichtig dass sie ihn da nochmal einweisen dass wenn er hustet dass er sich danach wirklich die Hände desinfiziert. Ok, gut, ja dann haben sie alles gut umgesetzt". Karin Brandt legt auf, der Anruf genügt ihr offenbar. "Also wenn die Pflege das so geschildert hat, dann haben die das denke ich gut geregelt." Sagt sie zuversichtlich.

Dem Chefarzt auf die Finger schauen

Davon will sich Petra Seyfried jetzt selbst überzeugen. Sie hat sich an die Visite von Chefarzt Dr. Christoph Haag gehängt. Im Tross aus Schwester, Assistenz- und Chefarzt geht sie, das Klemmbrett zum Protokollieren unterm Arm, über den Stationsflur. Jede Station kontrolliert Petra Seyfried einmal im Jahr in einer Begehung. Die offiziellen hygienischen Kontrollen müssen aber die Gesundheitsämter leisten. Hier, auf der chirurgischen Station der Klinik in Lörrach, liegen viele Patienten mit Verbänden oder Operationswunden. Da ist jede Berührung, jeder Kontakt ein Risiko für die Übertragung resistenter Keime - wenn man die Händehygiene vernachlässigt. Dr. Haags erster Weg im ersten Patientenzimmer führt ihn deshalb zum Desinfektionsspender am Zimmereingang. Bevor er den Verband des ersten Patienten abmacht, verlangt er unter den wachsamen Augen der Hygienefachkraft Einweghandschuhe von der Schwester. Während er die Operationswunde des Patienten begutachtet, hat Petra Seyfried nur Augen dafür, was der Arzt alles berührt. Berührt er direkt die Wunde des Patienten oder auch nur seine Bettdecke oder das Kissen, muss er sich danach die Hände desinfizieren, bevor er zum nächsten Patienten geht. Auch wenn er Einweghandschuhe getragen hat - denn die Hersteller der Handschuhe müssen nicht garantieren, dass ihr Produkt 100 prozentig keimdicht ist. Damit das auch gemacht wird, hat Petra Seyfried Desinfektionsspender an jedem Bett der Klinik eingeführt. Eine kleine Halterung am Fußende jedes Patientenbettes soll garantieren, dass das Personal möglichst oft die Hände desinfiziert. Denn je weiter die Wege sind, desto seltener wird Händehygiene auch wirklich gemacht.

Weisungsbefugt oder

Dr. Haag pumpt sich das Desinfektionsmittel aus dem Spender am Fußende des Bettes, verabschiedet sich höflich und verlässt samt Tross das Zimmer. Im Flur kommt ein wichtiger Anruf - eine gute Gelegenheit, Frau Seyfried nach ihrer Weisungsbefugnis zu befragen. Wenn sie beobachtet, dass der Chefarzt Hygieneregeln nicht einhält, was kann sie tun? "Ich bin fachlich weisungsbefugt" sagt Petry Seyfried sichtlich stolz. "Das heißt also, ich würde ihm schon sagen dass er dann in der Situation die Händedesinfektion nicht richtig durchgeführt hat." Doch das ist keinesfalls an jeder Klinik so, die sie betreut. "Das ist was Spezielles, was Lörrach betrifft. Das haben wir hier extra in unseren Vertrag mit aufnehmen lassen, dass wir hier Weisungsbefugnis haben. Und das ist auch für uns in der Form neu." Denn was nützt eine Hygienefachkraft, wenn ihre Beobachtungen ohne Konsequenzen bleiben? Petra Seyfried erzählt, sie habe schon Kämpfe mit Ärzten ausgetragen, die sich weigerten ihren Ring abzunehmen. Biss sie sie überreden konnte, einen Abstrich von dem zu nehmen, was darunter alles wächst. Ein Blick auf das Ergebnis und die Diskussion war vorbei. Doch bis die Hygienefachkraft weniger als Polizei denn als Freund und Helfer gilt, ist es oft ein langer Weg der Zusammenarbeit.

Die Klinik entscheidet

Die Realität in Deutschland sieht anders aus. Letztendlich bestimmt immer die Klinik, in welchem Umfang sie hygienisch beraten und betreut werden will und was sie sich die Betreuung kosten lassen will. Die Gesetze sind in jedem Bundesland verschieden - und lassen Spielraum: Die medizinische Hygieneverordnung des Landes Baden-Württemberg schreibt beispielsweise die "Beschäftigung" oder "die Sicherstellung der Beratung" durch einen ärztlichen Krankenhaushygieniker und Hygienefachkräfte vor. Ob die aber täglich vor Ort sind oder nur ein paar Mal im Jahr, bleibt den Kliniken überlassen. Gleichzeitig fehlt bundesweit Personal, um die fachliche Beratung flächendeckend sicherzustellen. In Lörrach ist jeden Tag mindestens eine Hygienefachkraft vor Ort. Auch morgen werden Petra Seyfried und Karin Brandt wieder durch die Gänge und Stationen gehen. Seit neuestem in Begleitung: die Hygienefachkräfte lernen zurzeit eine dritte Kollegin an. Sie ist von der Klinik direkt angestellt - denn in Lörrach hat man verstanden, dass man bei der Krankenhaushygiene nicht sparen darf.