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SENDETERMIN Do, 13.7.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Unser tägliches Gift Deutschlands Schadstoffgedächtnis

Jeden Tag sind wir vielen verschiedenen Umweltgiften ausgesetzt. Die Umweltprobenbank dokumentiert, welche Stoffe sich in uns anreichern – und verboten werden sollten.  

Seit 1977 forderten erste Richtlinien der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) die flächendeckende Schadstoffüberwachung. Ab 1985 werden systematisch Humanproben und Proben aus der Umwelt gesammelt, sicher gelagert, zur Auswertung bereitgehalten. Federführend ist das Umweltbundesamt (UBA). Die ältesten Proben aus der Testphase stammen aus dem Jahr 1981. Nach Angaben des UBA lagern heute in einem gesicherten Bunker in der Nähe von Münster etwa eine halbe Million Proben. Tiefgekühlt lagert dort das Schadstoffgedächtnis Deutschlands.

Blut und Urin

Jedes Jahr werden allein bei den Humanproben etwa 10.000 menschliche Proben hinzugewonnen. In Deutschland werden die an den Universitäten in Halle/Saale, Greifswald, Münster und Ulm gewonnen. Dazu setzt das ausführende Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik seit 2013 ein hochmodernes mobiles Labor zur Probennahme ein. Hinzukommen Proben aus Flüssen und Seen, Böden und Pflanzen und Tieren.

Blei war der Prototyp

Bereits Ende der 1960er Jahre wurde die latente Gefahr der Bleibelastung insbesondere durch bleihaltige Abgase aus dem Autoverkehr bewusst. Zur Verbesserung der Motorleistung wurden dem Benzin organische Bleiverbindungen zugesetzt. Mit der Zunahme des Autoverkehrs in den 1960er bis 1980er Jahren stieg damit die Bleibelastung gefährlich an. Deutschland, die Schweiz und die damalige EWG setzten das Verbot bleihaltigen Benzins durch. Daten aus der Umweltprobenbank erbrachten den Nachweis, dass die Konzentrationen der Bleibelastung im menschlichen Körper nach dem Verbot von bleihaltiges Benzin erheblich sanken, Umweltpolitik zum Erfolg führte.

1:28 min

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Im Interview: Dr. Marike Kolossa–Gehring (Umweltbundesamt)

Odysso

Chemikalienpolitik ist keine nationale Aufgabe mehr, sondern wird für alle in Europa geltend gemacht. Und weil eben Human-Biomonitoring so ein exzellentes Instrument ist, um die Belastung der Bevölkerung zu beschreiben, die Erfolge und Misserfolge der Umwelt- und Gesundheitspolitik zu messen, ist es eben auch ganz wichtig für die Verbesserung und Etablierung von Gesetzen. Blei ist der erste Erfolgsfall in der Geschichte des Human-Biomonitoring. Nachdem Anfang der 1979er Jahre Kühe tot wegen Schwermetallbelastung auf den Feldern umgekippt und Kinder zu hoch belastet waren, sind in Deutschland und der EU Luftbelastung und die körperliche Belastung des Menschen mit Blei gemessen worden. Und dann konnte man erstmals sagen, wie hoch ist jemand wirklich belastet. Daraus konnte man abschätzen, ob das eine gesundheitlich kritische Belastung ist. Und aus diesen Messungen ist in der Folge eine Regulierung entstanden, die zuerst zu Reduzierungen von Blei im Benzin geführt hat, anschließend zu einem vollständigen Verbot.

Heute im Visier: die Phthalate

Phthalate sind industriell hergestellte Weichmacher in Kunststoffen. Vor allem über die Verpackungen von Lebensmitteln gelangen diese Weichmacher in den Körper des Menschen und können dort wie Hormone wirken. Inzwischen sind zwar einige Weichmacher verboten. Aber auch die Ersatzprodukte werden immer wieder auf gesundheitsschädliche Wirkungen untersucht.