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SENDETERMIN Do, 12.5.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Krebsgefahr durch Pestizide? Experten streiten über den globalen Unkrautvernichter Nr 1: Glyphosat

Glyphosat-Rückstände in Bier, Nudeln oder Müsli. Dennoch sieht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) keine Gefahr für die Verbraucher. Wie kommt es zu dieser Einschätzung?

Es ist das weltweit mit Abstand am meisten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel: Glyphosat. Seit 1974 landet es auf Äckern auf der ganzen Welt. Lange Zeit galt es den meisten Experten als sehr sicher, weil es nur ganz gezielt in einen Stoffwechselweg von grünen Pflanzen eingreift. Und sonst biologisch unwirksam ist, also keine Insekten oder gar Säugetiere belastet. So die Annahme. Doch mittlerweile ist ein Streit über die Gefährlichkeit von Glyphosat entbrannt. Und das geht uns alle an, denn vor allem Getreideprodukte – Brot, Nudeln, Müsli – sind mit Rückständen des Totalherbizids belastet. Wir essen Glyphosat!

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sichtete bis 2014 im Auftrag der EU erneut die Studienlandschaft für das Herbizid. Denn die Zulassung für diese Substanzen wird alle zehn Jahre nur dann verlängert, wenn sich keine gravierenden Nebenwirkungen zeigen. Hunderte Studien bildeten die Basis für die Beurteilung. Und das BFR sah keine Hinweise auf Erbgutschädigungen, Krebsrisiko oder Gefahr für ungeborenes Leben.

Doch im März 2015 kam der Paukenschlag: die Krebsforschungsgruppe IARC (International Agency for Research on Cancer) der Weltgesundheitsorganisation stufte WHO Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Ihren Sitz hat die Forschungsgruppe in Lyon. Ihr Leiter: der Deutsche Epidemiologe und Mediziner Dr. Kurt Straif. Er verweist auf Studien, die das Krebsrisiko nahelegen. Epidemiologische Studien an Farmern, die Glyphosat anwenden, und Tierstudien hätte diese Hinweise auf ein Krebsrisiko gezeigt.

Warum sieht die Deutsche Behörde dieses Risiko nicht? Das BfR in Berlin hatte die Studienlage doch gerade erst gesichtet. Und Entwarnung auf der ganzen Linie gegeben. Glyphosat stelle keine Gefahr für die Bevölkerung dar. Der Leiter der BfR-Arbeitsgruppe für Pestizide, Roland Solecki, erklärt, wie die unterschiedlichen Bewertungen aus seiner Sicht zustande kommen:

Portrait von Roland Solecki.

Dr. Roland Solecki vom BfR: „Ein Löwe im Käfig ist für Zoobesucher ungefährlich.“

„Die beiden Behörden haben unterschiedliche Aufgaben: während IARC nur eine Gefahr bewertet – und alle Pestizide sind gefährlich – schaut das BfR darauf, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Gesundheitsrisiko tatsächlich eintreffen kann.“ Dann zieht Solecki einen Vergleich, um den Unterschied zwischen potenziellen Risiko und tatsächlichem Risiko zu illustrieren: „Ein Löwe ist immer gefährlich. Wenn der aber im Käfig sitzt, ist die Gefahr für den Menschen relativ gering.“

Bei dieser Einschätzung stützt sich das BFR unter anderem auf Fütterungsversuche. Ratten bekamen Glyphosat in verschieden Mengen. In einem Versuch sogar über mehrere Generationen. Auch Dosierungen die um ein Vieltausendfaches über einer Belastung des Menschen durch Nahrungsmittel-Rückstände lagen, brachten für die Tiere keine negativen Folgen, erklärt Solecki.

Glyphosat-Gegner zitieren andere Studien. Mit gentechnisch veränderten Mäusen, die so sehr zur Krebsbildung neigen, dass etwa fünf Prozent spontan die Erkrankung entwickeln, auch ohne karzinogene Belastung. Bei diesen Mäusen zeigte sich tatsächlich eine dosisabhängige Steigerung der Krebsfälle. Je mehr Glyphosat die Tiere bekamen, desto häufiger entwickelten sie Krebs. Allerdings lagen die Belastungen milliardenfach über realistischen Dosen.

Außerdem verweisen Glyphosat-Gegner auf Studien, die zeigen, das Glyphosat fruchtschädigend wirken kann. So wurde Glyphosat in Hühnerembryonen und Embryonen von Amphibien gespritzt. In der Folge kam es zu Missbildungen. Typischer Befund: Deformation der Köpfe. Der leitende Wissenschaftler vom BfR glaubt aber, dass dieses Studiendesign keine Auskunft gibt über eine Gefährdung des Menschen.

Aufnahmen von Embryonen.

Missbildungen an Embryonen von Amphibien: wirkt Glyphosat fruchtschädigend?

„Wenn die Prüfsubstanz direkt in Embryonen von Hühnern oder Fischen gespritzt wird, dann ist eine sehr geringe Aussagekraft für den Menschen gegeben. Hier gibt es etablierte Testsysteme – etwa an Ratten und Kaninchen, wo wir kein embryotoxisches Gefährdungspotenzial erkennen konnten.“

In Medienberichten waren in den letzten Jahren allerdings noch weitere Argumente gegen den Einsatz von Glyphosat aufgeführt worden. Dazu gehören überraschend häufige Erkrankungen von Rindern. Offenbar führt hier eine entgleiste Darmflora zu Vergiftungen. Viele Landwirte auf den betroffenen Höfen machen die antibiotische Wirkung von Glyphosat dafür verantwortlich. Rückstände des Unkrautvernichters lassen sich im Tierfutter auch tatsächlich nachweisen. Hunderte Kühe sind bereits an der oft als Botulismus bezeichneten Krankheit gestorben. Auch Missbildungen an neugeborenen Ferkeln im Bestand eines dänischen Ferkelzüchters werden Glyphosat-Rückständen in der Tiernahrung angelastet.

Dazu erklärt Solecki: „Es ist wissenschaftlich nicht seriös wenn ein einzelner Ferkelzüchter die Gesundheitsprobleme in seiner Massentierhaltung auf Glyphosat zurückführt und das auch nicht wissenschaftlich belegt ist.“ Die Befunde an Kühen habe man beim BfR sehr ernst genommen, sagt Solecki. Man habe dazu Untersuchungen durchgeführt. In Zusammenarbeit mit der Tiermedizinischen Hochschule in Hannover. Dabei habe man keinen Einfluss von Glyphosat beispielsweise auf die Magen-Darm-Flora nachweisen können.

Die Warnung der WHO-Abteilung IARC vor dem wahrscheinlichen Krebsrisiko stützt sich unter anderem auf drei Studien an Landwirten. Doch bei näherem Hinsehen sind die widersprüchlich.

In zwei kleineren Studien mit Landwirten, die mit Glyphosat arbeiten, zeigte sich eine Erhöhung des Risikos am sogenannten Non-Hodgkin-Lymphom zu erkranken. In einer großen amerikanischen Studie mit 57.000 Teilnehmern fand sich da aber kein signifikantes Risiko. Stattdessen scheint die Studie ein geringes Krebsrisiko für ein multiples Myelom nachzuweisen. Eine Krebserkrankung des Knochenmarks. Dieses Risiko wiederum gab es in den beiden kleineren Studien nicht. Bei anderen Krebsarten zeigt die Auswertung gar eine Absenkung des Krebsrisikos. Auch wenn die Zahlen keine statistische Signifikanz erreichen. Der Verdacht liegt nahe: die angeblichen Krebsrisiken sind nur statistische Schwankungen. Zumal in anderen Studien gar keine Erhöhung von Krebsrisiken festgestellt wurde.

Skizze zu zwei Studien mit unterschiedlichen Ergebnissen zum Risiko für NH-Lymphom und Myelom.

Die Ergebnisse epidemiologischer Studien widersprechen sich. Nur statistische Schwankungen?

Doch bislang bleibt es dabei: Das BfR in Berlin sieht nach Sichtung der Studien keine Gefahr, während die WHO-Gruppe IARC davon ausgeht, dass Glyphosat wahrscheinlich krebserregend ist. Auch wenn der WHO-Experte Dr. Straif keine Angaben zu einer konkreten Gefährdung für Verbraucher machen kann. Er erklärt, dass die Frage, wie viel Krebs es bei welcher Exposition geben könne, von seiner Arbeitsgruppe nicht beurteilt worden sei.

Der Eindruck drängt sich auf: Wenn überhaupt vorhanden, kann das Krebsrisiko durch Glyphosat nicht groß sein. Sonst hätten Jahrzehnte der Forschung längst klare Ergebnisse gebracht.

aus der Sendung vom

Do, 12.5.2016 | 22:00 Uhr

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