Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 27.9.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Umweltzerstörung kleingerechnet Geschönte Palmölstudie

Für die Palmölproduktion wird viel Regenwald gerodet. Doch die Pflanze hat auch Fürsprecher: Keine andere Pflanze liefere auf der gleichen Fläche so viel Öl. Ist das wirklich so? Odysso hat nachgerechnet.

Argumente der Palmöl-Befürworter

Palmöl ist eines der wichtigsten Pflanzenöle weltweit – es befindet sich in Schokoaufstrichen, Waschmitteln und Kosmetika.

Doch es ist in Verruf geraten – schließlich werden für den Anbau vor allem in Südostasien riesige Mengen Regenwald gerodet. Doch manche Experten und sogar die Naturschutzorganisation WWF machen eine andere Rechnung auf. Sie sagen: Würde alles Palmöl weltweit durch andere pflanzliche Öle ersetzt – zum Beispiel Sonnenblumen- oder Rapsöl – wäre die Ökobilanz noch viel schlimmer. Ihr Hauptargument: Die Ölpalme hat den besten Ertrag, keine andere Pflanze liefert auf der gleichen Fläche so viel Öl. Würden wir also in Europa mehr Raps anbauen statt Palmöl aus Indonesien zu importieren, wäre der Flächenverbrauch noch viel höher.

Nur: Die Zahlen wurden zum Teil schöngerechnet.

Ein Arbeiter trägt auf einer Palmölplantage auf Borneo ein Palmfruchtbündel über seiner Schulter

Palmölplantage auf Borneo

Flächenverbrauch durch Palmöl

Der WWF beziffert in der jüngsten Fassung seiner 2016 veröffentlichten Studie "Auf der Ölspur" den Flächenverbrauch von Ölpalmen auf ca. 19 Millionen Hektar. Daraus ergäbe sich ein Ölertrag von 3,3 Tonnen pro Hektar – aus Sicht des WWF ein starkes Argument für den Anbau von Ölpalmen.

Doch unsere Recherchen ergaben, dass Ölpalmen weltweit eine Fläche von ca. 32 Millionen Hektar beanspruchen – zwei Drittel mehr als vom WWF veranschlagt. Damit ist aber auch der Ertrag pro Fläche schlechter als vom WWF behauptet.

Wie kommt das?

Fehler 1: Der WWF berücksichtigt nur industrielle Ölpalm-Plantagen

In der Flächenberechnung des WWF werden lediglich industrielle Plantagen berücksichtigt, nicht dagegen die über 13 Millionen Hektar, die von Kleinbauern bewirtschaftet werden. Dies geht aus der aktuellen Studie "Oil palm and biodiversity" der internationalen Naturschutzorganisation IUCN hervor. Über 40 Prozent des Landverbrauchs wurden also vom WWF fälschlicherweise nicht erfasst. Rechnet man den Flächenbedarf durch Kleinbauern hinzu, erhöht sich der Landverbrauch entsprechend.

Fehler 2: Der WWF stellt Raps und Sonnenblumen ungünstiger dar als sie sind

Raps und Sonnenblumen werden in der WWF-Studie schlechtgerechnet. Denn ihre Erträge sind laut dem statistischen Amt der europäischen Union deutlich höher als in der WWF-Studie dargestellt. Dies bestätigt auch die Wiener Politikwissenschaftlerin Alina Brad: Die Erträge von Rapsöl in Europa sehen anders aus als in der WWF-Studie. Und beim Anbau von Raps und Sonnenblumen entsteht zusätzlich Eiweiß für Futtermittel. Auch das müsse berücksichtigt werden.

Fehler 3: Ölpalmen bringen nur vorübergehend optimalen Ertrag

Der Ertrag aus der Ölpalmproduktion muss auch deshalb korrigiert werden, weil die Ölpalme erst nach frühestens drei Jahren Früchte trägt und erst nach 7 Jahren optimale Erträge bringt. Aber auch in ihren ertragsarmen Phasen beansprucht sie die gleiche Fläche. Im Alter von 20 bis 25 Jahren werden die Palmen erneuert, weil sie unwirtschaftlich werden.

Korrigiert man all diese Fehler in der Rechnung, liegt der Flächenertrag der Ölpalmen deutlich niedriger, nämlich bei nur etwa 2 Tonnen pro Hektar. Raps bringt es laut EU-Statistik auf 1,7 Tonnen – ist also nicht ganz so ertragreich wie die Ölpalme, aber fast. Damit ist die angebliche Überlegenheit der Ölpalme nicht mehr ganz so deutlich wie in der WWF-Studie dargestellt. Der Ertrag von Sonnenblumen liegt bei einer Tonne pro Hektar.

Eine Palmölplantage in Indonesien

Eine Palmölplantage in Indonesien

Lieber Tropen statt Europa?

Rapsöl würde also nur wenig mehr Fläche benötigen als Palmöl. Die nächste Frage ist aber: Wo? Wäre es nicht ökologischer, Raps in den Agrarwüsten Europas anzubauen, statt Ölpalmen in den tropischen Regenwäldern? Für Ilka Petersen vom WWF undenkbar: "Wir haben beim Rapsanbau hier in Deutschland und auch Europa massive Probleme", so die WWF-Palmölexopertin. "In Deutschland und auch Europa produzieren wir nicht so, dass wir das als nachhaltig bezeichnen würden."

Dann doch lieber Umweltzerstörung in den Tropen? Für Palmöl, das wir bei uns verbrauchen? Eine Ungerechtigkeit, für die der WWF eine Lösung parat hat, wie er meint: Zertifikate für nachhaltiges Palmöl. Palmöl also, das besonders umweltschonend angebaut werden soll. Doch bislang sind nicht mal 20 Prozent des Palmöls auf dem Weltmarkt zertifiziert. Dazu kommt, dass die Zertifikate bei Weitem nicht das halten, was sie versprechen, wie Politikwissenschaftlerin Alina Brad herausgefunden hat.

Die Zertifikate dienten vor allem dem Greenwashing von Unternehmen. So sieht es auch die Journalistin Kathrin Hartmann. Die Buchautorin lieferte Hintergründe für den Dokumentarfilm "Die grüne Lüge". Dafür war sie mit den Filmemachern in Indonesien und besuchte dort auch die vom WWF gelobten zertifizierten Plantagen: "Wir sind da tief in die Plantage und haben Arbeiterinnen und Arbeiter getroffen, die Gift sprühen. Wir haben Kinderarbeit gesehen und Menschen, die in Baracken leben, für die das Wort Slum geschönt wäre."