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SENDETERMIN Do, 12.11.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Überflüssige Schulteroperationen

Impingement - diese Diagnose hören mindestens 100.000 Deutsche jedes Jahr, wenn sie mit Schulterschmerzen zum Orthopäden kommen. Hinter dem Fachbegriff verbirgt sich das Schulter-Enge-Syndrom. Wer diese Diagnose erhält, sollte nichts überstürzen, sondern sich lieber noch eine zweite oder dritte Meinung einholen. Denn an der Schulter wird gerne operiert, auch wenn Ruhe und Physiotherapie die viel bessere Behandlung wäre.

Am orthopädischen Institut der Mannheimer Uniklinik macht sich Dr. Lars Lehmann ein Bild von den Schulterproblemen des Patienten Klaus B. Der hat darin bereits Übung: „Ich habe Schmerzen in der Schulter bei bestimmten Bewegungen, Bewegungsabläufen. Besonders nachts. Es gibt keinen bestimmten Punkt, wo ich sagen kann, da ist es passiert, von da an ging’s los.“

Verengtes Schultergelenk

Arzt streckt rechten Arm des Patienten in die Höhe

Bewegungsübungen: Dr. Lars Lehmann begutachtet die Schulterprobleme des Patienten.

Kein Unfall. Und doch sind die Schulterscherzen immer schlimmer geworden. Dr. Lehmann prüft die Beweglichkeit der Schulter. Die Beschwerden sind typisch für das Impingement, einer Verengung im Schultergelenk. Anhand eines Modells erklärt der Schulterexperte seinem Patienten, was das Problem dabei ist: „Sie sehen hier den Oberarmkopf, wie er sich in der Gelenkpfanne bewegt. Und dadurch, dass die Muskulatur ihn nicht mehr richtig halten kann, stößt er bei verschiedenen Bewegungen am Schulterdach an. Das sind diese Bewegungen nach hinten, die Ihnen die Beschwerden verursachen. Aber es sind auch die Bewegungen zur Seite und nach vorne. Und die führen zu Einklemmungen und Entzündungen. Und das führt zu den Schmerzen, die Sie haben.“

Nutzloses Abschleifen von Schulterknochen

Lars Lehmann klärt den Schmerzpatienten über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten auf. Denn beim Impingement, der Schulterenge, gibt es ganz verschiedene Behandlungsstrategien. Mit sehr unterschiedlichen Heilungschancen: „Häufig erleben wir, dass der klassische Reflex ist, einfach ein Stückchen des Knochens von diesem Schulterdach abzufräsen. Einfach, dass mechanisch etwas mehr Platz da ist. Das Beschwerdebild ändert sich aber dadurch gar nicht. Im schlimmsten Fall haben die Patienten dadurch sogar mehr Schmerzen.“

Arzt und Patient vor Röntgenbild

Lars Lehmann klärt über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten auf.

Der Patient will es noch einmal genau hören: „Das Abfräsen von Knochen ist in den meisten Fällen sinnlos?“ Lars Lehmann bestätigt: „Das alleinige Abfräsen des Knochens ist in den meisten Fällen bei einer Schultererkrankung in der Tat sinnlos. Nur in wenigen Fällen, wo eine knöcherne Veränderung unter dem Schulterdach tatsächlich ins Gelenk hereinragt und hier Platz wegnimmt, kann das Knochenabfräsen helfen. Aber das ist beim Impingement meistens gar nicht der Fall. Da sind nur Muskeln und Sehnen nicht in Ordnung und führen so zu einer Verengung des Gelenkspaltes.“

Nützliche Informationen im Internet

Sinnlose Operationen bei der Volkskrankheit Schulterschmerz. Kann das sein? Auch Laien finden im Internet seriöse Informationen dazu. In der Medizin-Datenbank Pub-Med. Man braucht allerdings die Fachbegriffe: Decompression für das Knochenabkratzen und Impingement. Dann findet man nach wenigen Klicks viele wissenschaftliche Studien. Besonders interessant: Studien in denen eine Gruppe mit, und eine Gruppe ohne das Knochenabkratzen verglichen werden.

So wie es Guiseppe Milano aus Rom gemacht hat. Er teilte seine Patienten mit Schulterschmerzen in zwei Gruppen. Bei beiden Gruppen kümmerte er sich per Endoskop um verletzte Weichteile: Muskeln und Sehnen, die den Oberarm normalerweise so halten, dass es kein Problem mit Schulterenge gibt. Bei einer Gruppe machte er zusätzlich die Dekompression: fräste Knochen ab, um mehr Spielraum fürs Gelenk zu bekommen. Der Vergleich zeigt ganz deutlich: Das zusätzliche Knochenabfräsen brachte praktisch keinen Vorteil. Warum wird es dann aber überhaupt gemacht?

Niedergelassene Ärzte sind auch Unternehmer

Szenenwechsel: Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Thema unter anderem: überflüssige Operationen. Weil für viele Operationen gar nicht belegt ist, dass die Patienten auch tatsächlich von dem Eingriff profitieren.

Professor Hartmut Huber gehört zu den kritischen Geistern seiner Zunft. Nicht alles, was gemacht werden kann, ist auch gut für den Patienten: „Denn eins muss man schon ganz deutlich sagen: Innovation ist nicht gleich Fortschritt, und Fortschritt ist nicht gleich medizinische Notwendigkeit.“

Klare Worte von Prof. Huber: Er gibt zu, was viele seiner Kollegen gerne verschweigen: Zu häufig wird operiert um Geld zu verdienen, und nicht um Patienten zu heilen: „Man muss das offen ansprechen, dass das offenbar ein Grund ist, dass etablierte Methoden, deren Nutzen nicht erwiesen sind, langsam erst - wenn überhaupt - aus der Versorgung verschwinden. Diese ökonomischen Hintergründe. Vielleicht ist der Anreiz in einer Klink etwas geringer als in der Praxis. Man muss das natürlich auch bedenken: Der niedergelassene Mediziner ist nicht nur Arzt, sondern auch Unternehmer.“

Operieren, damit die Kasse stimmt. Obwohl Studien zeigen, dass der Eingriff normalerweise nichts bringt? Erschütternd. Huber weiß, dass hier noch ein langer Weg zu gehen ist, bis die Chirurgie vollständig auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse betrieben wird. „Und es ist unsere Aufgabe, hier noch mehr dazu beizutragen, dass das Wissen über Vor- und Nachteile der verschiedenen Techniken noch stärker in die Praxis kommt. Und dem stellen wir uns auch.“

Gerissene Sehne

OP-Saal mit OP-Personal

Gerissene Sehne an der Schulter wird angenäht.

Zurück nach Mannheim. Lars Lehmann operiert die Schulter seines Patienten. Eine gerissene Sehne ist die Ursache für die Fehlstellung, die Schulterenge und die Schmerzen. Eine kleine Schraube wird als Anker in den Oberarm gesetzt. Dabei muss der Chirurg sehr präzise arbeiten. Sitzt der Anker nicht richtig, kommt der Arm nicht in die gewünschte Position. An der kleinen Schraube wird als nächstes das Nahtmaterial befestigt, mit dem die Sehne auf den Knochen gezogen wird. Ein ausgeklügeltes System feiner Seilzüge.

Dann greift Lars Lehmann die gerissene Sehne, zieht sie dorthin wo der Anker im Oberarmkopf sitzt und näht sie fest. Kaum eine Stunde hat die OP gedauert. Der Oberarm von Klaus B. sitzt wieder richtig. Der Experte ist zufrieden, dem Patienten wird es bald besser gehen: „Er wird zirka zwei bis drei Wochen brauchen, bis er sich wieder normal selbständig versorgen kann. Sich waschen, trinken, essen. Es wird fünf bis sechs Wochen brauchen, bis er wieder alleine mit dem Auto unterwegs sein kann. Und voll einsatzfähig, so dass er auch wieder schwerere Lasten heben kann, das kann drei bis sechs Monate dauern.“

Um das unsinnige Knochabfräsen ist Klaus B. herumgekommen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich noch mehr Chirurgen möglichst bald von dieser Methode verabschieden, die nur in Ausnahmefällen medizinisch begründet ist.