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SENDETERMIN Do, 5.3.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Feueralarm im Tunnel Tunnelbrand

In der Schweiz gibt es einen Übungstunnel, in dem Feuerwehren die Bekämpfung von Bränden trainieren. Mit zwei Versuchspersonen testen wir dabei, wie sich Autofahrer richtig verhalten.

Ein junger Mann und eine junge Frau lachen. Im Hintergrund ist ein Feuerwehrmann in voller Montur zu sehen.

Nikolas Putzker, ein Auszubildender aus Mainz, sitzt am Steuer des Autos und wirkt in sich gekehrt auf der Fahrt in die Schweiz. Hinter ihm Elena Schad aus Mannheim. Auch sie macht nicht gerade einen entspannten Eindruck. Eigentlich auch kein Wunder. Denn beide haben sich für uns auf ein ungewöhnliches Experiment eingelassen. Sie werden sich in einem Tunnelbrand bewähren müssen. Was geht Elena da so durch den Kopf? Die Studentin zögert: "Ich hab nicht richtig Angst davor. Aber es ist schon beklemmend, würde ich sagen. Ich erinnere mich noch an dieses Unglück im Gotthardt-Tunnel. Und wie die Menschen dort einfach reihenweise verbrannt sind. Solche Bilder bekommt man nicht mehr los."

Bilder vom Tunnelbrand bleiben im Kopf

In unserem Experiment müssen Elena und Nikolas im Brandtunnel die richtige Rettungsstrategie finden. Nikolas sieht darin auch ein Trainingsangebot, wie man es nicht alle Tage bekommt: "Ich denke, das könnte für die Zukunft extrem was bringen. Wenn man wirklich mal in eine solche Situation kommen sollte, da ist ja im Normalfall niemand darauf vorbereitet. Da kann das schon enorm hilfreich sein, glaube ich."
300 Kilometer weiter in der International Fire Academy (IFA) im schweizerischen Balsthal. Im Taktik-Zentrum erklärt Marianne Wernli ihren Einsatzleitern welches Brand-Szenario für Elena und Nikolas aufgebaut wurde. Die Feuerakademie verfügt in diesem Taktik-Zentrum über einen einzigartigen Planungstisch. Per Computer lassen sich auf diesem sechs Meter langen Tisch beliebige Tunneltypen einblenden, auf denen mit Fahrzeugmodellen dann alle erdenklichen Brandszenarien durchgespielt werden können. Feuerwehren aus ganz Europa haben hier schon geübt.

Im Taktik-Zentrum am Planungstisch

Marianne Wernli, Übungsleiterin an der IFA, spricht die 23jährige Freiburger Feuerwehrfrau Christine Kaiser an, die hier gerade hospitiert: "Christine, du wirst Nikolas und Elena am Eingang 105 in den Tunnel führen und sie in diesem Fahrzeug platzieren. Ist das Vorgehen für Euch klar?"
Und dann wird’s ernst. Elena und Nikolas sind inzwischen bei der IFA in Balsthal angekommen. Sie setzen gerade Null-Sicht-Brillen auf. Die sollen sicher stellen, dass sich die beiden nicht schon auf dem Weg in den Übungstunnel ein Bild von den Verhältnissen machen und einen Rettungsplan entwerfen können. Christine Kaiser, Feuerwehrfrau aus Freiburg, führt Elena und Nikolas durch den Tunnel vorbei an diversen abgestellten PKW zu ihrem Fahrzeug. Zehn Meter weiter lodern die Flammen. Als die beiden Protagonisten in dem Auto sitzen erläutert Christine Kaiser noch einmal, wie die Übung gestartet wird: "Wenn ich auf das Dach haue, das hört ihr, oder?" "Ja!" "Dann dürft ihr die Brillen abnehmen. Das dauert jetzt noch kurz. Und dann geht´s los."
Elena und Nikolas warten. Hoffentlich geht es bald los!

Rette sich wer kann!

Zwei Testpersonen sitzen mit verdunkelten Brillen in einem Auto.

Elena hält die Spannung kaum mehr aus. Immer noch trägt sie die Null-Sichtbrille und weiß nicht, was auf sie zu kommt: "Mir schlottern so die Knie, mir schlottern so die Beine, ich glaube nicht, dass das was mit der Kälte zu tun hat. Ich würde jetzt gerne mal meinen Puls sehen." Christine Kaiser gibt das Startsignal, indem sie auf das Dach des Wagens schlägt. Elena zuckt erschrocken zusammen. Aber endlich dürfen sie die Brillen abnehmen. Nach einem kurzen Blick nach außen sind sich die beiden sofort einig: "Ich würde sagen wir gehen jetzt raus. Da vorne ist Feuer. Wir gehen jetzt jedenfalls raus."
Die beiden sind kaum aus dem Wagen, da gibt’s schon die erste Diskussion: "Hast Du den Schlüssel jetzt? Oder? Sollen wir abschließen? Keine Ahnung. Nikolas - ne lass, komm, egal."

Was tun mit dem Fahrzeug?

Nikolas plädiert dafür sich erst mal einen Überblick zu verschaffen. Vor dem Feuer scheint er keine Angst zu haben: "Da vorne ist das Feuer. Gehen wir in die Richtung erst mal, würde ich sagen, oder?"
Elena ist ganz anderer Meinung: "Du möchtest da in die Richtung zum Feuer? Das ist doch nicht dein Ernst! Nein! Ich würde eher da zurück."
Weg vom Feuer: was anderes kommt für Elena gar nicht in Frage. Sie sucht nach Schildern an der Wand, die die Distanz zur nächsten Fluchttür zeigen. Gemeinsam irren die Beiden durch den Tunnel, der mit LKW und den PKW vollgestellt ist. Etwa 30 Meter vom Feuer entfernt entdecken sie endlich ein Hinweisschild. Demnach gibt es etwa zehn Meter vor dem Feuer eine Rettungstür, oder nach 250 Metern in die andere Richtung.
"Hast Du die Tür schon gesehen?" "Nein, aber da ist auch alles zugestellt."
Der direkte Weg zur nächsten Fluchttür ist mit Autos verstellt. Noch einmal versuchen Elena und Nikolas, ob sie nicht am Feuer vorbei zu der Tür gelangen können. Doch angesichts der Flammen erscheint ihnen das zu gefährlich: "Nein, da können wir nicht lang. Nein. Dann müssen wir zum anderen Ausgang, auch wenn der weiter weg ist."

Wo ist die Rettungstür?

Doch dann entdeckt Elena doch noch ein Schlupfloch unter einem LKW hindurch zur nahen Fluchttür. Wenige Sekunden später öffnen die Beiden die mit grünen Lichtern markierte Schiebetür und gelangen in den sicheren Fluchttunnel. Marianne Wernli, Übungsleiterin in der Anlage, nimmt die beiden in Empfang.
Elena hat gleich eine Frage: "Wir sind jetzt einfach hier rein. Theoretisch hätte man vielleicht auch noch Zeit gehabt, kurz einen Notruf abzusetzen."

Marianne Wernli Portrait

Marianne Wernli erklärt, das habe hier keine Priorität: "Ihr habt euch entschieden, möglichst schnell in den Fluchttunnel zu kommen. Ihr wart ja relativ nahe am Feuer. Da war das sicher eine gute Entscheidung. Und für das Fahrzeug: am besten offen lassen und den Schlüssel stecken lassen, denn dann kann die Feuerwehr - falls nötig - das Fahrzeug noch verschieben."
Und dann fasst Marianne Wernli für Elena und Nikolas das Wichtigste noch einmal zusammen: "Wenn ihr in den Tunnel fahrt, schaut, auf welcher Seite befinden sich die Notausgänge. Schaltet das Radio auf der richtigen Frequenz ein. Macht Umluft bei der Lüftung und das Licht an. Wenn ihr auf einen Unfall stoßt, haltet Abstand. Seid aufmerksam, schaut nach vorne: sehe ich Licht oder Rauch, dann sofort raus und den Tunnel durch den nächsten Notausgang verlassen. Und lasst den Zündschlüssel stecken. Schließt das Auto nicht ab."
Für Elena und Nikolas ist die Sache damit allerdings noch nicht ausgestanden. Wir schicken sie direkt in das zweite Szenario. Diesmal sind die Bedingungen etwas verschärft. Vor allem ist der Tunnel jetzt voller Qualm. Christine Kaiser erläutert Szenario Nummer zwei.

Katastrophenszenario Nummer zwei

"Ihr dürft wieder im gleiche Auto sitzen. Du bist wieder der Fahrer und Du die Beifahrerin. Du hast beide Beine gebrochen - oder sonst was - du kannst auf jeden Fall nicht laufen. Du Elena kannst laufen, musst aber entscheiden, ob Du drinnen bleibst oder was Du tust."
Noch einmal müssen Nikolas und Elena also in das Katastrophenszenario. Mal sehen, wie sie ihre neue Lage - mit Rauch und Verletzung - diesmal meistern.

Das lange Warten

Videos von solchen Tunnelbränden von Überwachungskameras zeigen häufig, dass die Autofahrer erst mal ein bisschen Sightseeing machen wollen. So wie Nikolas, der sich erst mal das Feuer ansehen wollte. Das ist brandgefährlich. Denn in jedem Moment kann ein weiteres Auto explodieren oder ein neuer Brand giftigen Rauch erzeugen.
Bei diesen Tunnelbränden sterben die meisten Opfer nämlich nicht durch das Feuer, sondern durch den Rauch. In unserer Übungsanlage sind die beiden natürlich nicht wirklich in Gefahr. Der Rauch ist harmloser Diskonebel. Im Ernstfall schafft man im echten Rauch aber gerade mal drei bis vier Atemzüge, und verliert dann das Bewusstsein. Nikolas kann ja nicht laufen. Er wird das Auto nicht verlassen. Aber was wird Elena machen?
Dichter Rauch umschließt das Fahrzeug unserer Protagonisten.
Nikolas Putzker weiß: Flucht ist unter diesen Bedingungen keine Option: "Mit dem Wissen: zwei drei Atemzüge… da würde ich jetzt auf keinen Fall rausgehen. Aber wenn du es nicht weißt…" Elena hält dagegen: "Ja du weißt aber auch nicht, wann die Feuerwehr kommt." Diesmal wirken die beiden recht entspannt. Sie mussten diesmal nicht die unheimlichen Null-Sicht-Brillen tragen. Und nun können sie eigentlich nichts tun als auf die Retter zu warten.

Ein Feuerwehrmann kommt am Freitag (16.12.2011) in Hamburg während der Brandschutzübung aus dem U-Bahntunnel der U4.

Die Feuerwehr kommt. Allerdings auf der anderen Seite des Feuers. Die Löschkräfte kommen über die rauchfreie Zuluftseite des Feuers. Um gute Sichtbedingungen zu haben. Tunnelbrand bedeutet unter anderem ungewöhnlich weite Wege für die Einsatzkräfte. Das verlangt besonderes Schlauchmanagement. Der Schlauchtrupp installiert eine 60 Meter lange Transportleitung und zweigt von dieser vor dem Feuer zwei 40 Meter lange Druckleitungen ab.

Brandbekämpfung hier - Suchen und Retten dort

Auf der anderen Seite des Feuers, auf der Rauchseite kommt die Mannschaft "Suchen und Retten" zum Einsatz. In Ihren Pressluftflaschen befindet sich Atemluft für etwa eine Stunde. Der Chef von „Suchen und Retten“ hat eine Wärmebildkamera. Sie kann Hitzegefahren aber auch Personen im blickdichten Qualm zeigen. Fahrzeug für Fahrzeug arbeiten sich die Rettungskräfte vor.
Drucktest bei den Brandbekämpfern. Die Wasserversorgung steht. Jetzt kann der Trupp gegen das Feuer vorgehen. Zuerst müssen aber Tunnelwände und die Decke gekühlt werden. Ihre Strahlungshitze wäre sonst lebensgefährlich für die Einsatzkräfte. Zwei Drittel des Wassers werden dafür aufgewandt. Erst jetzt kann sich der Löschtrupp dem Feuer weiter nähern.
Elena und Nikolas fragen sich mittlerweile, wie die Rettung im verqualmten Tunnel überhaupt funktionieren soll: "…, wenn die Feuerwehr kommt: ich meine, die können uns da doch nicht raus lassen. Haben die dann Masken dabei für uns?" "Ich frag mich auch, ob ich getragen werde?" "Du wirst getragen!" "Oder ob ich auf einer Liege gezogen werde?" "Das glaube ich nicht. Hier ist doch gar kein Platz für so was."

Wie soll die Rettung funktionieren?

Das Team "Suchen und Retten" muss im Extremfall - wenn der Rauch so dicht ist - vollkommen ohne Sicht arbeiten. Deshalb tasten sie mit Sehbehinderten-Stäben jeden Hohlraum ab, in dem sich Rauchopfer befinden könnten. Systematisch werden die Fahrzeuge abgearbeitet auf der Suche nach Verletzten, nach Menschen, die sich nicht selber retten konnten, als die Luftverhältnisse im Tunnel das noch zugelassen haben.
Die zwei Löschtrupps sind immer noch damit beschäftigt, die Tunnelwände zu kühlen. Auch der Chef dieser Brandbekämpfer hat - wie sein Kollege von "Suchen und Retten" - eine Wärmebildkamera, die ihm zeigt, wann ein weiteres Vorrücken gefahrlos möglich ist. Erst dann geht es ans Löschen. Fünf Liter pro Sekunde spritzen aus dem Druckrohr. Eine Badewanne voll jede Minute. Etwa 10.000 Feuerwehrleute haben hier schon trainiert, seit der Tunnel 2009 eingeweiht wurde.

Feuerwehrmann im Tunnel leuchtet in ein Auto

Elena und Nikolas geht das Warten und Nichtstun auf die Nerven. Sie haben beschlossen, durch Klopfen auf sich aufmerksam zu machen. Elena hält fieberhaft nach den Rettungskräften Ausschau: "Jetzt kommen sie. Kommen sie bei Dir? Da, da habe ich jetzt jemanden gesehen."
Die Idee mit dem Klopfen ist im Prinzip nicht schlecht. Doch die Rettungskräfte haben Helme auf und hören das Klopfen nicht. Schließlich aber finden sie die beiden. Jetzt klärt sich auch die Frage, wie die Rettung im Rauch von statten gehen soll. Die Einsatzkräfte haben tatsächlich Rettungs-Masken dabei. Auch wenn die Übung im Prinzip mit Netz und doppeltem Boden abläuft: unseren beiden Protagonisten steht die Spannung ins Gesicht geschrieben.
Und dann passiert´s.
Einer der Retter zählt von drei herunter. Gleichzeitig reißen zwei Retter Fahrer und Beifahrertür auf. Es dauert keine Drei Sekunden, dann haben sie Nikolas und Elena die Rettungsmasken über gestülpt. Nachdem die beiden mit Sauerstoff versorgt sind, werden sie auf Tragen bugsiert. Auch Elena, die eigentlich laufen könnte. Zur Sicherheit. Und so werden die beiden aus der Rauchfalle gerettet.
Draußen - endlich wieder bei Tageslicht, zieht Nikolas sich die Maske vom Kopf. Er ist ziemlich begeistert von der Aktion:
"Ja, interessant. Hat Spaß gemacht auch am Schluss. Ja, das rausgezogen werden, das kennt man so einfach nicht. Das hat auch Spaß gemacht."
"Hat es im Auto auch Spaß gemacht?"
"Naja, man wartet und man fragt sich, wann geht die Rettung denn jetzt endlich los. Und man ist dann schon erleichtert, wenn jemand kommt."
Elena wirkt etwas mitgenommen als sie sich die Rettungsmaske absetzt.
"Ja, mir ist ein bisschen schwindelig jetzt, ja. Wahnsinn."
"Wie war es im Auto?"
"Es hat gefühlt ewig gedauert, bis die Feuerwehr da war. Und dieses Gefühl, ob wir vielleicht doch vorher hätten rausgehen sollen, das war ganz schön beklemmend."

Das Warten war beklemmend

Im Tunnel sind die Löscharbeiten in vollem Gange. Der Tunnelbrand saugt immer noch mächtig die Luft an. Doch mit Kühlen und Löschen drängt das Schweizer Team die Flammen zurück. Immer wieder kontrolliert der Chef der Brandbekämpfung, dass seine Trupps keiner zu hohen Strahlungstemperatur ausgesetzt sind. Bis das Feuer gelöscht ist. Auch die Wärmebildkamera zeigt jetzt keine Glutnester mehr und Übungsleiterin Marianne Wernli kann über Funk die Übung beenden:
"An all vom Übigsleitr: Halt. S Übig isch abgebroch."