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SENDETERMIN Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Traumaforschung Trauma liegt in den Genen

Erinnerungen an schrecklichen Erlebnisse brennen sich häufig unauslöschbar ins Gedächtnis ein. Neueste Forschung zeigt: Traumata hinterlassen sogar ihre Spuren im Erbgut.

Langzeitfolgen schrecklicher Erlebnisse

Ein schwerer Unfall, der Tod eines nahen Angehörigen, eine Gewalttat - traumatische Erlebnisse können ein Leben verändern. Betroffene berichten häufig davon, dass Erinnerungen an das Ereignis immer wieder unkontrolliert und mit Macht ins Bewusstsein drängen. Solche Symptome können sogar ganze Bevölkerungsgruppen heimsuchen, wenn sie Opfer von Massengewalt wurden. Überlebende von Krieg und Verfolgung kämpfen häufig den Rest ihres Lebens mit Spätfolgen wie PTSD, der Posttraumatischen Belastungsstörung.

Ganze Familien sind betroffen

Die Nachwirkungen einer Traumatisierung bleiben aber nicht auf die Opfer allein beschränkt. Betroffen sind auch die Nachfahren: Studien zeigen, dass Kinder von Traumaopfern häufiger an psychischen Erkrankungen wie PTSD leiden. Untersuchungen in den USA haben das für Kinder von Opfern des kambodschanischen Bürgerkriegs der 1970er Jahre belegt. Aber auch Kinder von Holocaust-Überlebenden leiden dreimal häufiger an PTSD, obwohl sie selbst nie mit Gräuel konfrontiert wurden. Den Grund dafür haben Psychologen bisher in einem belasteten Familienklima vermutet. Doch mittlerweile hegen Forscher noch einen ganz anderen Verdacht: Trauma könnte erblich sein.

Traumaspuren in den Genen

Denn in den letzten Jahren haben Molekularbiologen immer mehr Hinweise dafür gefunden, dass traumatische Erlebnisse im Körper ihre Spuren hinterlassen. Genauer: Traumata verändern den genetischen Code in Form von so genannten epigenetischen Veränderungen. Diese Modifikationen lassen sich vor allem in Stressgenen finden und beeinflussen den Stoffwechsel von Stresshormonen wie das Cortisol. Die Frage ist nun: Besteht ein Zusammenhang zwischen den genetischen Traumaspuren und der höheren Anfälligkeit der Nachfahren?

Traumatisierte Mäuse

Die Hirnforscherin Isabelle Mansuy von der Universität Zürich hat mit ihrem Team nach einer Antwort gesucht - durch Experimente an Mäusen. Zunächst wurden die Tiere traumatisiert: Die Forscher trennten sie als Mäusebabys immer wieder zeitweise von ihren Müttern. Zusätzlich sperrten sie die Tiere wiederholt in enge Röhren. Die Folgen dieser Behandlung: Die Mäuse reagieren ähnlich wie traumatisierte Menschen. Sie wirken wie abgestumpft, verlieren ihre Neugierde, geben schnell auf, wenn sie Aufgaben lösen sollen. In ihren Genen konnten die Forscher charakteristische Veränderungen finden, eindeutig die bereits bekannten epigenetischen Traumaspuren.
Dann das entscheidende Experiment der Forscher: Sie entnahmen normal aufgewachsenen Mäusemüttern Eizellen und befruchteten diese im Reagenzglas - mit Spermien von traumatisierten Mäusevätern. Das Ergebnis waren Mäusekinder, die selbst nie ein Trauma erlitten haben und die auch nie in Kontakt mit einem Elternteil waren. Die Forscher konnten dennoch in den Stressgenen dieser Tiere epigenetische Traumaspuren nachweisen. Und sie verhielten sich wie traumatisiert - sie waren abgestumpft, wenig neugierig und fast depressiv. Das Fazit der Forscher: Trauma ist erblich - zumindest bei Mäusen.

Soldaten als Probanden

Die aktuelle Frage der Züricher Wissenschaftler lautet nun: Lassen sich die Ergebnisse auf Menschen übertragen? Isabelle Mansuy möchte genau das nun herausfinden. Sie arbeitet mit Psychiatern zusammen, die Soldaten mit PTSD behandeln. Die Hirnforscherin untersucht nun deren Blut nach Traumaspuren. In einem zweiter Schritt sollen auch die Kinder der Probanden untersucht werden. Sollten sich tatsächlich in ihren Genen die gleichen Traumaspuren wiederfinden wie im Erbgut ihrer traumatisierten Väter, würde das Traumata und ihre Folgen in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

aus der Sendung vom

Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.