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SENDETERMIN Do, 19.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Transgenerationale Vererbung Die Traumata der Kriegsenkel

Trügerische Gedanken - die Macht der Erinnerung

Forscher gehen davon aus, dass 60 Prozent der Kinder aus dem Zweiten Weltkrieg traumatisiert sind. Diese Traumata sollen zum Teil an die nachfolgende Generation weitervererbt worden sein.

Kriegsenkelin schreibt Buch

„Was müssen derartige Erlebnisse mit Menschen gemacht haben ... in ihnen angerichtet und zerstört haben!? Es ist bis heute für mich nicht wirklich fassbar...“ Diese Zeilen verfasste Gudrun K., 57 Jahre alt und Kriegsenkelin. Eigentlich war sie Kinderpflegerin. Doch nun ist sie frühberentet schreibt ein Buch über ihre Großmutter und Mutter im Krieg. „Ich bin mit 16 von zu Hause ausgezogen und habe meine Familie seitdem nicht mehr gesehen.“

Gudrun K. konnte im Leben nicht wirklich Fuß fassen. Sie hatte psychische Probleme und ging in Therapie. „Da habe ich langsam verstanden, dass die Kriegstraumata meiner Vorfahren mich daran gehindert haben, mein eigenes Leben zu entfalten.“ Sie hat festgestellt, dass sie zahlreiche Ängste und Wutgefühle in sich trägt, die eigentlich nicht zu ihrem Leben gehören.

Wie funktioniert die Weitergabe der Traumata?

Bombennächte und Trümmer, Tod und Elend – die Kinder im Krieg haben Schreckliches erlebt. Wirklich verarbeitet haben die Wenigsten, was in dieser Zeit auf ihre Psyche einwirkte. Laut dem Psychotherapeuten Peter Pogany-Wnendt werden die Erlebnisse dann an die Nachkommen unbewusst weiter gegeben: „Das Trauma wird unbewusst über Sprache und Verhalten in den Kindern deponiert. So werden die Kinder zu Trägern von unverarbeiteten und vor allem auch unausgesprochenen Erfahrungen der Eltern.“

Laut Forschungen sind 60 Prozent der damaligen Kriegskinder traumatisiert und haben diese Traumata zum Teil an ihre Nachkommen übermittelt. Das bedeutet, die schlimmen Erfahrungen wirken über Generationen hinweg und können verschiedenste psychische Probleme verursachen.

Doch woher können Therapeuten wissen, dass Probleme bei Patienten wirklich mit den Kriegserlebnissen der Eltern und Großeltern zusammen hängen? Es gibt doch auch psychisches Leid, das ganz andere Ursachen hat? „Man muss vorsichtig sein und nicht gleich eine Diagnose stellen“, sagt Pogany-Wnendt. „Es ist dann Teil der Psychotherapie, mit den Patienten zu unterscheiden: Woher kommen die Ängste oder die Depression. Was hab ich selbst erlebt und was sind Dinge, die von den Eltern übernommen wurden.“

Pogany-Wnendt ist selbst betroffen. Seine jüdischen Großeltern wurden im Krieg in Ungarn ermordet. Erst am Budapester Mahnmal an der Donau mit den leeren Schuhen hat er in die Trauer gefunden: „Als ich da stand, habe ich mir vorgestellt, dass meine Großeltern in diesen Schuhen steckten. Das war eine völlig andere Form der Trauer als das, was ich bis dahin durchgemacht hatte.“

Traumata in der DNA

„Erinnerungen an sich können nicht vererbt werden. Es ist nicht möglich, dass die Enkelin innere Bilder von den Kriegserlebnissen ihrer Großmutter hat“, sagt die Traumaforscherin Ulrike Schmidt vom Max Planck Institut in München. „Es ist aber möglich, dass intensive Stress-Erlebnisse molekular auch auf das Kind übertragen werden. Das nennt man dann transgenerationale Epigenetik.“

Eine Studie zum Hungerwinter nach Kriegsende macht zum Beispiel deutlich, wie sich das Trauma einer ganzen Gesellschaft in der DNA wieder findet. Es hat sich gezeigt, dass die Nachfahren der hungernden Kinder für magere Zeiten gewappnet sind. Sie können Zucker und Fett besser verwerten.

Doch was dieses Erbe mit der Psyche macht, ist auf genetischer Ebene noch nicht bis ins Detail erforscht. Noch nicht? „Wissenschaftlich betrachtet ist diese Auswirkung von Massentraumata – die es ja heute auch noch gibt siehe 11. September – auf eine ganze Gesellschaft natürlich hochinteressant“, so die Münchner Psychiaterin, „doch wir sind noch nicht soweit, die kompletten genetischen Veränderungen wirklich messen und nachweisen zu können.“

Fakt ist, dass Viele, die diesen Krieg mit erlebt haben, voller traumatischer Erlebnisse stecken. Traumata, die zumindest zum Teil an die Nachkommen weitergegeben wurden.

Buch

Alexandra Senfft

Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte

Verlag:
Verlag Piper, 2016
Genre:
Sachbuch
Länge:
352 Seiten
Bestellnummer:
ISBN 978-3492957394
aus der Sendung vom

Do, 19.10.2017 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.