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SENDETERMIN Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Traditionelle Chinesische Medizin TCM auf dem Prüfstand

Traditionelle chinesische Medizin boomt. Ob bei einfachen Erkältungen oder schweren Erkrankungen - hierzulande vertrauen ihr immer mehr Patienten. Doch ist das auch aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel der westlichen Medizin gerechtfertigt?

Letzte Hoffnung TCM?

Für manchen, der unter deutschen Medizinern als "austherapiert" gilt, ist TCM die letzte Hoffnung. Aber auch wer schlichtweg Rückenschmerzen hat oder eine einfache Erkältung, sucht inzwischen bei chinesischen Medizinern Hilfe. Bei Patienten wächst ihre Beliebtheit stetig und doch ist sie noch immer umstritten: "Traditionelle Chinesische Medizin beruht nicht auf Wissenschaft, sondern auf Mystizismus, Magie und Anekdoten." Mit diesem Satz zitiert das Wissenschaftsmagazin Science 2008 nicht etwa einen westlichen Mediziner, sondern einen chinesischen Wissenschaftsautoren. Kritik aus einer zunächst unerwartet scheinenden Richtung, doch weder in China, noch in westlichen Ländern ist er mit dieser Meinung allein.
Bedient die traditionelle chinesische Medizin mit ihren bitteren Kräutermixen, Akupunktur-Nadeln und Qigong-Übungen also tatsächlich nur mystische Sehnsüchte? Oder können ihre Diagnose- und Behandlungsmethoden auch den wissenschaftlichen Standards der westlichen Welt genügen? Weltweit wächst die Zahl der Institute und Universitäten, die diese Fragen in Forschungsprojekten überprüfen und dabei Hinweise für ihre Wirksamkeit finden. Mit den modernen wissenschaftlichen Methoden der westlichen Welt untersuchen sie die Wirkmechanismen der alten chinesischen Behandlungstechniken und Arzneien. Auch ein deutscher Mediziner hat sich dieser Aufgabe verschrieben und gilt hierzulande als die Koryphäe unter den TCM-Experten.

Große Heilkunst oder Hokuspokus?

Henry Johannes Greten, Arzt in Heidelberg und Medizinprofessor an der Uni Porto verbindet westliche und traditionelle chinesische Medizin und ist in beiden Welten zuhause. Gemeinsam mit chinesischen Ärzten hat er die Gesellschaft zur Erforschung der TCM gegründet und in Porto eigens einen TCM-Studiengang ins Leben gerufen.

Fünf Gefäße unterschiedlichen Inhalts stehen nebeneinander. Im Hintergrund sind zwei Hände, die einen Mörser bedienen.

Die Erkenntnisse der uralten Gesundheitslehre möchte er vom Ruf des Esoterischen befreien. Denn beim genauen Hinsehen, so Greten, hat die TCM rein gar nichts Magisches: "Die chinesische Medizin ist außerordentlich rational und präzise. Hokus Pokus ist es auf gar keinen Fall. Sondern es ist mit der westlichen Naturwissenschaft vollkommen kompatibel."
Der deutsche Mediziner übersetzt die mystische Sprache und Symbolik der TCM in wissenschaftliche Begriffe und kann sie auch im Westen verständlich machen. Zum Beispiel Yin und Yang - das so genannte "FouQi-Zeichen": Dieses Symbol - vielen Patienten zunächst ein Rätsel - ist im Grunde eine Sinuskurve, eine mathematische Funktion. Der Wechsel zwischen Hoch- und Tief beschreibt, wie der Körper ständig sein eigenes Gleichgewicht herstellt: Zwischen Aktivität und Entspannung. Stockt dieser Prozess, wird er krank: "Im Grunde ist dann das Fließgleichgewicht des Körpers gestört", beschreibt Henry Johannes Greten diesen Zustand. "Das könnte dazu führen, dass im Yang-Teil der Kurve zum Beispiel hier Musikelanspannungen oder hoher Blutdruck entsteht, es kann auch sein, dass in diesem Teil der Kurve Herzrythmusstörungen oder übergradiges Wachsein bis hin zum ADHS-Bild entstehen. In diesem Teil der Kurve kommt es sehr gerne zu einer etwas gedämpften Abwehrleistung. Wenn man zum Beispiel anfälliger ist für Infektionen, dann kann das damit zusammenhängen."

Das Beste aus zwei Welten

Bei der chinesischen Diagnose begutachtet der Arzt daher nicht nur einzelne Symptome, sondern den ganzen Menschen, um herauszufinden, wie es um seine körpereigene Regulation steht. So auch bei Kniearthrose-Patient Heiko Benz. Als Benz vor rund 6 Jahren zum ersten Mal die Praxis betritt, sind chinesische Diagnose und Behandlung für ihn Neuland. 62 Fragen zu seinem Gesamtzustand muss er beantworten. Doch nicht nur der Patientenfragebogen sieht hier anders aus als üblich: "Am Anfang muss man sich schon dran gewöhnen, weil das doch im Vergleich zur klassischen Medizin eine ganz andere Herangehensweise ist", beschreibt er rückblickend seinen ersten Eindruck: "Ich bin dann in der Praxis gewesen, mit komischem Gefühl sag ich mal. Ich hab’s trotz allem gewagt, da ich sehr große Beschwerden hatte und die Schulmedizin mir nicht weiterhelfen konnte."

Der Arzt Johannes Henry Greten betrachtet das Knie seines Patienten.

Nach einem Unfall und mehreren Knieoperationen vor 6 Jahren plagten ihn starke Schmerzen. Den genauen Charakter dieser Schmerzen soll er hier detailliert beschreiben, bis hin zur Temperatur des verletzten Knies. Denn daran kann Johannes Henry Greten einiges ablesen: "Der Patient sagt: ‚Das zieht, das fühlt sich steif an.’ Die Chinesen sagen dann, Kälte wäre in das Knie eingedrungen. Und es ist klar, dass ein westlicher Mediziner damit gar nichts anfangen kann. Das Missverständnis lässt sich aber leicht lösen und jeder Arzt kann sofort verstehen, wenn ich nicht mehr "Kälte im Knie" sage, sondern dass die Mikrozirkulation im Knie, also das Durchwaschen der Haargefäße mit dem wärmenden Blut vermindert ist. Deshalb sind die Muskeln steif, wie jeder kalte Muskel steif ist."
Doch geben sich westliche Ärzte mit der Diagnose "Kniegelenksarthrose" zufrieden, unterscheiden chinesische Mediziner per Puls- und Zungendiagnose bis zu 12 Typen dieser chronischen Kniearthrose. Am Puls lesen sie ebenso wie an Größe, Farbe, Form und Belag der Zunge Details der Krankengeschichte ab. Solche - rein chinesischen - Techniken kombiniert Greten stets mit westlichen Diagnose- und Therapiemethoden. Denn beide haben in seinen Augen Vorteile, aber auch Grenzen: "Wir können und wir wollen nicht auf die westliche Medizin verzichten" sagt er. "Sie kann zum Beispiel in akuten Situationen Herzinfarkte, Knochenbrüche, Blinddarmentzündungen und vieles mehr hervorragend versorgen. Aber es gibt auch viele funktionelle Beschwerden, Schmerzen im Bewegungsapparat, chronische Beschwerden, da ist auch die chinesische Medizin sehr stark und es ist gut an der Stelle beide Medizinformen zu verbinden nach dem Motto: Das Beste aus zwei Welten vernünftig kombiniert."

Chinesische Behandlungstechniken - was wirkt tatsächlich?

Sogar deutsche Krankenkassen sehen das inzwischen so. Die Kosten der Akupunktur übernehmen sie bei Kniearthrosepatienten wie Heiko Benz. Nicht nur die Akupunkturnadeln, sondern auch die zusätzliche Verbrennung von "Moxa-Kraut" verbessern dabei durch Wärme die Beweglichkeit des Knies und reduzieren Schmerzen.
Zudem bekommt Heiko Benz einen bitteren Kräutertee verordnet. In der Vergangenheit waren solche Tees immer wieder umstritten. Doch inzwischen haben deutsche Apotheker und Ärzte sehr strenge Kontrollen eingeführt. Anders als im Internet ist in der Apotheke sicher, dass die Arzneien frei von Schimmel, Schwermetallen oder Pflanzenschutzmitteln sind und keine illegalen Zutaten wie Tigerknochen oder Nashorn enthalten. Und auch in China hat man eine eigene Behörde zur Überprüfung der Wirkstoffe gegründet.
Und damit die Arzneien die erwünschte Wirkung haben, zählt für Greten abgesehen von solchen Sicherheitsstandards vor allem die fundierte Ausbildung der TCM-Mediziner.
Heiko Benz ist heute froh, dass er sich auf die chinesischen Therapieformen eingelassen hat. Bisher konnte er weitere Operationen und ein künstliches Kniegelenk bislang vermeiden. Trotz gegenteiliger Prognose seiner Orthopäden. Er führt das vor allem auf die Akupunktur zurück: "Bei der letzten Kontrolluntersuchung, als wir die Röntgenbilder angeschaut haben, war der Orthopäde sehr positiv überrascht", berichtet er erleichtert, "und ich fühl mich jedes Mal wenn ich von der Liege aufstehe besser und schmerzfreier."
Therapieerfolge, die Johannes Greten und seine Mitstreiter auch wissenschaftlich belegen wollen. Ihre Studie zur Wirkung von Akupunktur bei Kniearthrose, zeigt einen deutlichen Effekt.
Alles nur Placebo, resümiert dagegen eine große Studie der Krankenkassen.
Davon lässt sich der Mediziner jedoch nicht entmutigen. Er engagiert sich weiter für die Erforschung der chinesischen Medizin. Neben der Gründung eines europäischen Masterstudiengangs und der Gesellschaft zur Erforschung der TCM wirkte er bis 2015 bereits an über 60 Studien federführend mit.

Noch ist nicht jeder vermeintlich traditionell-chinesisch orientierte Therapeut in Deutschland mit dieser "Entzauberung" der chinesischen Medizin glücklich. Manch einer möchte nicht, dass man ihm streng-wissenschaftlich auf die Finger sieht, und profitiert derzeit noch vom unergründlichen Touch der TCM. Doch die Zahl derer, die Gretens wissenschaftliche Linie befürworten, wächst - hierzulande wie international. Und besonders in China hat er sich mit seinen wissenschaftlichen Bemühungen um die TCM schon viele Freunde gemacht.