Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tödliche Scharlatanerie Sanfte Medizin und ihre unsanften Folgen

Sanfte Medizin ist in. Auch bei lebensbedrohlichen Krankheiten wie Krebs suchen Patienten nach einer Behandlung ohne Nebenwirkungen. Doch hinter dem schönen Schein verbirgt sich oft eine Medizin, die keine Wirkung zeigt.

Irit Lauven sucht nach einer sanften Krebstherapie

Irit Lauven ist erst Anfang 30, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert wird. Zu der Zeit lebt sie in Sydney und macht dort das gesamte Programm der Schulmedizin mit: OP, Chemo- und Strahlentherapie. Die Nebenwirkungen machen ihr zu schaffen, Irit geht es so schlecht wie noch nie in ihrem Leben. Doch sie besiegt die Krankheit - allerdings nur für einige Jahre. Als der Krebs wieder kommt, sucht sie nach einer Alternative zu der belastenden Behandlung und stößt im Internet auf das Angebot einer Naturheilpraxis in Deutschland. Es geht um eine "alternative, biologische Krebsmedizin". Von Australien fliegt Irit Lauven zurück in ihre deutsche Heimat und beginnt eine sogenannte Galvanotherapie. "Der Therapeut hat uns sehr viel Hoffnung gemacht", erinnert sich Irits Vater Walther Lauven.

Galvanotherapie - eine trügerische Hoffnung

Bei der Galvanotherapie soll Strom den Krebs zum Verschwinden bringen. Elektroden werden rund um den Tumor auf die Haut gelegt. Nach einigen Behandlungen würde das erkrankte Gewebe absterben, so die Theorie. Leider gibt es für dieses Versprechen keine Belege. "Ergebnisse, die auf einen Erfolg der Galvanotherapie schließen lassen, gibt es nicht", sagt Doktor Hermann Wiebringhaus, Leiter des Brustzentrums der St. Barbara-Klinik in Hamm. Der Arzt hat sich ausführlich mit der Galvanotherapie beschäftigt. Regelmäßig muss Irit zur Kontrolle in ein nahe gelegenes Röntgeninstitut. "Dort wurde uns gesagt, dass die Tumore bereits kleiner geworden seien, erzählt Irits Vater. Allerdings passen die positiven Befunde nicht zu ihrem Zustand. Irit geht es immer schlechter, sie wird schwächer, kann kaum noch laufen. Nach einigen Monaten geht Irit zur Behandlung in ein konventionelles Krankenhaus. Der Arzt dort schenkt ihr reinen Wein ein: "Diesen Kampf können Sie nicht mehr gewinnen." Als Irit Lauven schließlich nach Australien zurückfährt, ist sie todkrank. Sie hat nur noch wenige Wochen zu leben.

Irit Lauven erstattet Anzeige gegen ihren Therapeuten

Papier mit der Überschrift: Strafanzeige

Vor ihrer Abreise erstattet sie Anzeige wegen Körperverletzung. Maia Steinert, Anwältin für Medizinrecht, nimmt sich der Sache an. "Es gab mehrere Anzeigen, die Patientinnen waren in derselben Praxis behandelt worden. In allen Fällen blieb die Galvanotherapie erfolglos." Maia Steinert bereitet einen großen Prozess vor, doch bevor es dazu kommt, sterben die Patientinnen an ihrer Krankheit. Genau das ist einer der Gründe, warum Scharlatane so selten zur Rechenschaft gezogen werden. Entweder die Patienten sind nicht mehr dazu in der Lage oder sie schämen sich, dass ausgerechnet sie auf einen Scharlatan hereingefallen sind. Dazu kommt: "Vor Gericht müssen sie nachweisen, dass die Patientin bei einer konventionellen Behandlung noch leben würde, und das ist extrem schwierig", so Maia Steinert.

Warum werden Scharlatane so selten zur Verantwortung gezogen?

Hermann Wiebringhaus erstellt ein medizinisches Gutachten zu dem Fall. Sein Urteil ist eindeutig: "Die Galvanotherapie ist keine angemessene Behandlung bei Brustkrebs." Und noch etwas macht den Arzt stutzig. Regelmäßig musste Irit Lauven zur Kontrolle der Behandlung in die Röhre. Die Größe und Zahl der Tumore lässt sich so exakt bestimmen - vorausgesetzt man wendet jedes Mal dieselbe Methode an und misst die Metastasen exakt aus. Doch genau das geschah bei Irit Lauven nicht. Im Gutachten heißt es: "Hier drängt sich der Eindruck auf, dass diese Untersuchungen durch die Radiologische Praxis im Konsens mit dem Heilpraktiker vorgenommen worden sind und die Befunde bewusst unklare Formulierungen enthalten. (...) Insofern ergeben sich deutliche Anhaltspunkte für ein ärztliches Fehlverhalten im Rahmen der radiologischen Diagnostik." Nicht nur der Heilpraktiker sondern auch das Röntgeninstitut hat bestens an der Galvanotherapie verdient. "Da empfinde ich auch Wut", sagt Dr. Wiebringhaus, "denn mit der Angst der Patienten wird Kasse gemacht." Trotz allem wird das Strafverfahren gegen den Therapeuten eingestellt: Es ist fraglich, ob Irit Lauven bei einer schulmedizinischen Behandlung länger gelebt hätte. Metastasierter Brustkrebs gilt als unheilbar. Dazu kommt: Irit Lauven war mit der Behandlung einverstanden und hat ein entsprechendes Formular unterschrieben.

Hier stimmt etwas nicht - woran Patienten einen Scharlatan erkennen können

Die Galvanotherapie ist nur ein Beispiel für ein falsches Heilsversprechen in der Krebsmedizin. "Oft ist es für die Betroffenen schwer, sinnvolle Ansätze von Scharlatanerie zu unterscheiden", sagt Professor Josef Beuth. An der Uniklinik Köln leitet er das "Institut zur wissenschaftliche Evaluation naturheilkundlicher Verfahren". Seit Jahren berät er Krebspatienten, die eine Alternative suchen: zusätzlich zur Schulmedizin oder als alleiniges Heilmittel. Professor Beuth weiß, was sinnvoll ist und was eher schadet. "Wer sich an einen alternativen Arzt oder Heilpraktiker wendet, sollte ein paar Dinge beachten", rät er: "Seien Sie vorsichtig, wenn jemand eine sichere Heilung ohne Nebenwirkungen verspricht. Werden sie misstrauisch, wenn hohe Summen bar bezahlt werden müssen - und wenn der Therapeut von einer Zweitmeinung abrät."

aus der Sendung vom

Do, 22.10.2015 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2016

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.