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SENDETERMIN Do, 5.7.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ohne Tierleid Tierversuchsfreie Forschung

An der Uni Konstanz arbeiten Wissenschaftler an Methoden, die Tierversuche ersetzen. Sie züchten menschliche Organe im Miniaturformat.

Tierversuche schwer auf Menschen übertragbar

Professor Marcel Leist und Professor Thomas Hartung kennen sich seit ihrer Studienzeit in den 1980er-Jahren. Sie waren die einzigen beiden Studenten an der Uni Tübingen, die sich für den neuen Toxikologie-Studiengang, also Giftigkeitsforschung, interessierten. Beide haben im Laufe ihrer Forschung auch Tierversuche durchgeführt. Doch schon bald kamen bei ihnen Zweifel an der Genauigkeit der Standardmethode Tierversuch auf. Sie hatten Probleme, die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen. Tiere reagieren teilweise ganz anders auf Substanzen als Menschen. Thomas Hartung hat mit einer speziellen Software eine riesige Datenbank mit Ergebnissen von Tierversuchen untersucht. Das Ergebnis: Selbst Experimente mit der gleichen Tierart bringen Abweichungen, wenn man den Versuch wiederholt. Ein Test, bei dem eine ätzende Substanz in ein Kaninchenauge geträufelt wird, zeigt bei Wiederholung nur in 70 Prozent der Fälle das gleiche Ergebnis. Noch ungenauer wird es, wenn Ergebnisse aus Tierversuchen auf den Menschen übertragen werden. Ein Problem für den Menschen, denn dadurch werden möglicherweise Substanzen aussortiert, die dem Menschen helfen könnten, aber dem Tier schaden.

Minigehirne

Leist und Hartung beginnen an der Uni Konstanz mit menschlichen Zellen im Reagenzglas zu experimentieren. Mittlerweile forscht Thomas Hartung hauptsächlich an der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore. Trotzdem ist er im ständigen Austausch mit Marcel Leist. Beide interessieren sie sich vor allem für Erkrankungen des Gehirns. Dafür haben sie Netzwerke aus menschlichen Gehirnzellen entwickelt. Die Netzwerke kommunizieren über elektrische Signale miteinander. Geben die Wissenschaftler Substanzen dazu, können sie genau verfolgen, wie das Netzwerk dadurch verändert wird. Der große Vorteil: Es sind menschliche Zellen, die Ergebnisse lassen sich viel besser auf den Menschen übertragen als Versuche mit Tieren. Solche alternativen Methoden sind dann geeignet, wenn die wissenschaftliche Frage sehr genau formuliert ist. Zum Beispiel: Schädigt eine Substanz den Aufbau des Gehirns eines Embryos?

Langsamer Wandel

Thomas Hartung hat einen Test entwickelt, der weltweilt schätzungsweise 400.000 Versuche mit Kaninchen überflüssig macht: Den tierfreien Pyrogentest.

Üblicherweise werden Kaninchen Medikamente, Impfungen oder Blutkonserven in die Ohren gespritzt. Bekommen die Kaninchen Fieber, sind die Proben mit fieberauslösenden Pyrogenen verunreinigt und dürfen nicht in Verkehr gebracht werden. Hartungs Test kommt komplett ohne Tiere aus. Doch bis die Methode in Europa zugelassen wird, dauert es 15 lange Jahre. Noch schlimmer: Heute wird der tierfreie Pyrogentest kaum verwendet. Der Grund: Unterschiedliche Gesetze in verschiedenen Ländern. Internationale Pharmafirmen müssen in anderen Ländern den Tierversuch vorweisen und verzichten deshalb ganz auf die alternative Methode.

Tierfreie Methoden verbreiten sich

Mittlerweile haben alternative Methoden laut Marcel Leist bereits knapp 80 Prozent der Tierversuche in der industriellen Forschung ersetzt. Trotzdem sinken die Versuchstierzahlen in Deutschland nicht. Während einerseits Tierversuche durch alternative Methoden ersetzt werden, steigt die Zahl der Versuchstiere zum Beispiel in der freien wissenschaftlichen Grundlagenforschung an.