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SENDETERMIN Do, 20.6.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tierhaltung Oft Keime auf Fleisch und Geflügel

Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast produziert multiresistente Keime. Viele Fleischpackungen in Supermärkten sind inzwischen verseucht. SWR-Odysso nimmt Stichproben im Südwesten Deutschlands - und zeigt die Gefahren für die Medizin.

Jedes zweite abgepackte Fleisch ist Bakterienverseucht

Multiresistente Keime sind ein Riesenproblem in Krankenhäusern - sie können schwere Infektionen verursachen. Jedes Jahr sterben laut der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene rund 7.000 Patienten, weil sie sich mit multiresistenten Keimen infizieren. Zunehmend lassen sich diese Keime auch auf Fleisch im Handel nachweisen. In einer deutschlandweiten Untersuchung stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin fest, dass Proben von Schweinehack zu 15,8 Prozent, von Hühnerfleisch zu 22,3 Prozent, und von Puten zu 42,2 Prozent verseucht waren mit MRSA, so die Abkürzung für Methicillin resistente Staphylokokkus aureus.

Mann mit zwei Plastik-Kühlboxen in beiden Händen verlässt ein Gebäude.

Jürgen Peters vom Karlsruher Veterinäramt macht Stichproben in Supermärkten.

Auch eine Stichrobe, die SWR-Odysso Ende Februar 2012 zufällig in Karlsruher Supermärkten zog, wich nicht von diesem Bild ab. Das Karlsruher Veterinäruntersuchungslabor CVUA bestätigte: Von drei Putenproben waren zwei mit MRSA kontaminiert, von fünf Hühnern trugen zwei MRSA. Die insgesamt acht Proben stammen von verschiedenen Erzeugern vorwiegend aus Deutschland.

Infektionsherde: Küche und Stall

Der Leiter der Sektion Krankenhaushygiene am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Universität Freiburg, Prof. Markus Dettenkoffer, ist alarmiert: Diese Befunde seien erschreckend. MRSA bei Tieren könne bei falscher Handhabung in der Küche ein Risiko sein. Deshalb müsse betroffenes Fleisch vor dem Verzehr gut gekocht, gegart oder gegrillt werden, um die Keime abzutöten. "Doch wenn man sich in der Küche schneidet, kann es ein relevantes Infektionsrisiko geben", warnt Dettenkoffer.

Montage: Abgepacktes halbes Hähnchen mit einer Mikroskop-Aufnahme von Bakterien

Probenentnahme: MSRA-resistente Keime lassen sich in der Geflügelhaut nachweisen.

Bislang seien Infektionen in der Küche allerdings selten, es traf vor allem Beschäftigte in der Landwirtschaft. Insgesamt ist die Zahl der Erkrankten noch gering. Oft infizieren Menschen sich erst mit den hartnäckigen Erregern, wenn sie in einem Krankenhaus behandelt werden und ihr Immunsystem geschwächt ist. Dass MRSA-Keime aus der Landwirtschaft kommen, lässt sich anhand der genetischen Signatur sehen. Sie unterscheidet sich von MRSA-Keimen aus Krankenhäusern.

Auch andere Bakterienarten betroffen

Die bisher geringen Infektionszahlen von MRSA aus der Landwirtschaft sind jedoch kein Grund zur Entwarnung. Denn Staphylokokken sind nicht mehr die einzigen Bakterien, die die einstige Wunderwaffe Antibiotika ausgestochen haben. Ein neues Problem stellen so genannte ESBL-produzierende Bakterien dar, hier insbesondere Escherichia coli. Das sind ganz normale Darmbakterien, die ein Resistenz-Gen tragen und sich inzwischen überall auf Fleisch finden lassen. "Sie geben sich untereinander relativ schnell weiter. Das heißt: Wir haben eine schnellere Verbreitung als bei MRSA“, sagt Dettenkofer.

Resistenz-Gene verbreiten sich von Keim zu Keim

Computergrafik: Zwei dropsförmige Bakterien liegen aneinander

Bakterien tauschen ihre Resistenz-Gene untereinander aus.

Der Tiermediziner Dr. Bernd-Alois Tenhagen ist beim Bundesamt für Risikobewertung in Berlin der Experte für ESBL. Auch er sieht die neue Bakterienfront mit Sorge: "Das Gefahrenpotential von ESBL ist, dass die Keime dieses Resistenz-Gen tragen, und dass dieses Resistenz-Gen mobil ist. Es kann von Keim zu Keim übertragen werden." Die Keime selbst machten in der Regel nicht krank. Ihre Gene könnten sich aber auf krankmachende Keime übertragen, indem sie im Darm sehr leicht eine Verbindung bilden und Erbgutinformationen austauschen - Informationen, die Antibiotika wirkungslos machen. "Das sehen wir mit großer Sorge", sagt Tenhagen.

Industrielle Fleischproduktion schafft resistente Keime

Das Problem stammt aus der Fleischproduktion. Wo Tiere auf engstem Raum ohne ausreichend Bewegung in Rekordzeit bis zur Schlachtreife gemästet werden, sind Krankheiten an der Tagesordnung. Die Infektion ganzer Bestände ist eine allgegenwärtige Gefahr. Liebstes Mittel der Tierärzte und Landwirte ist bislang der massive Einsatz von Antibiotika. So wird billiges Fleisch letztlich erst möglich - aber um einen hohen Preis in der Humanmedizin. Denn, so warnt Professor Dettenkofer eindringlich, "für die Menschen brauchen wir dringend Antibiotika". Sie seien eine der ganz großen Entwicklungen des Jahrhunderts gewesen, die wirklich viele Menschenleben gerettet hätten. Wenn sie jetzt stumpf würden, nur um einige Tiere oder Bestände zu schützen, sei das völlig unangemessen.

Biologische Haltung ist besser

Dabei ist die massenhafte Gabe von Antibiotika kein Zwang. Bei guten Haltungsbedingungen haben Tiere ein stärkeres Immunsystem. Deshalb brauchen Tiere auf Bio-Höfen nach Einschätzung von Landwirten seltener Antibiotika. Allerdings wurden resistente Keime auch auf Biofleisch gefunden. Vergleichszahlen aus den verschiedenen Produktionsweisen liegen noch nicht vor. Gesunde Tiermediziner halten gesunde Viehhaltung für eine Lösung - doch die verursacht sehr hohe Kosten. Fleischproduzenten dagegen sind getrieben vom Preisdruck. Solange es ihnen erlaubt ist, werden sie weiter massenhaft Antibiotika ins Futter streuen, selbst wenn sie wissen, dass sie damit eine Wunderwaffe in der Medizin wirkungslos machen. Die Lösung kann nur ein politische sein.

Mehr Hygiene in der Küche notwendig

Mann schneidet mit Messer Fleisch auf einem Küchenbrett

Küchenhygiene: Am besten getrennte Bretter und Messer für Fleisch und Gemüse.

Wer auf die Politik nicht warten mag und trotzdem gern Fleisch isst, kann sofort etwas in der Küche tun und auf Hygiene achten. Erste Regel: Getrennte Messer und Bretter für Fleisch sowie Fisch und Gemüse sowie Salat benutzen. Die Bretter sollten aus Kunststoff sein, damit man sie zum Beispiel in der Spülmaschine heiß reinigen kann. Denn Hitze überleben die Keime nicht. Vorsicht auch mit dem Abtropfwasser bei gefrorenem Fleisch. Es ist in der Regel hoch kontaminiert mit Bakterien. Spezielle Abtropfschüsseln mit einem Gittereinsatz lassen sich gut reinigen.