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SENDETERMIN Do, 11.12.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medikamentenpreise 700-Euro-Wunderpille: Wer zahlt die Zeche?

Ein neues Medikament heilt Hepatitis C. Wie teuer darf das sein und wo ist die Grenze zwischen berechtigtem Profitinteresse der Industrie und Wucher? odysso stellt ein Modell zur Lösung des Konflikts vor.

Monika C. kann nach fast 30 Jahren mit Gewissheit davon ausgehen, dass sie geheilt ist. Angesteckt hat sie sich vermutlich bei ihrer Arbeit. Jetzt ist das Hepatitis-C-Virus in ihrem Körper besiegt; ein Erreger, der ihre Leber jahrzehntelang immer mehr zerstört hat. Hinter ihr liegt eine lange Leidensgeschichte, Medikamente mit starken Nebenwirkungen und bittere Rückfälle. Doch Ende Januar 2014 wurde ein neuer vielversprechender Wirkstoff zugelassen. Im Hepatitis-C-Forum, einer unabhängigen Patienten-Selbsthilfe-Organisation, in der Monika ehrenamtlich arbeitet, hatte es sich schnell herumgesprochen. Zehntausende Patienten konnten die Zulassung des Medikaments kaum erwarten. Monika war eine der Ersten, die das Wundermittel bekam: Sofosbuvir, Markenname Sovaldi des US-Pharma-Konzerns Gilead. Es hat kaum noch Nebenwirkungen und auch die Therapieerfolge sind bei einigen Subtypen des HC-Virus auf bis zu 95 Prozent verdoppelt. "Das ist eine absolute Revolution", sagt Dr. Stefan Mauss, Hepatologe aus Düsseldorf, der das Medikament im ersten halben Jahr schon rund einhundert Mal verschrieben hat.

Kalkulation kaum nachvollziehbar

"Revolutionär" ist allerdings auch der Preis: gut 700 Euro kostet eine Pille, 19.999 Euro eine ganze Packung. Die Krankenkassen-Chefs sind geschockt. Für Christopher Hermann, Vorstand der AOK Baden Württemberg ist die Preisgestaltung bei Sovaldi "eine neue Dimension". Allein die AOK Baden-Württemberg hat für nur 350 Fälle im ersten halben Jahr 2014 zwanzig Millionen Euro ausgeben müssen. Eine Behandlung schlägt mit mindestens 60.000 Euro zu Buche. Den Preis halten die Kassen für ungerechtfertigt. Bei Herstellungskosten von wenigen Euro kommen nur die Kosten für Forschung und Entwicklung als Preistreiber in Betracht. Doch Gilead hat Sofosbuvir gar nicht selbst entwickelt, sondern die Firma Pharmasset. Gilead hat sie 2011 für elf Milliarden Dollar gekauft. Klinische Studien und die Zulassungsverfahren haben auch noch einmal einige Millionen verschlungen. Genaue Angaben darüber macht Gilead nicht. Bis Ende September 2014, also nach 8 bis 9 Monaten hatte man mit Sovaldi weltweit 8,5 Milliarden Dollar eingenommen. Bis Ende 2014 haben sich die Kosten voraussichtlich amortisiert.

AMNOG lückenhaft und Patentrecht in der Kritik

Zwar erwarten Experten, dass der Preis fällt und auch die Konkurrenz wird mit ähnlich wirksamen Alternativen auf den Markt kommen. Aber bei geschätzt mindestens 185 Millionen HCV-Infizierten weltweit bleiben noch genug Gelegenheiten, mit Sovaldi zu verdienen. Sovaldi ist nur der Anfang einer neuen Welle von hochwirksamen Medikamenten. Krankenkassen-Chefs wie z.B. Christopher Hermann fordern daher zunächst eine Lücke im AMNOG (Arzneimittelneuordnungsgesetz) abzuschaffen. Im ersten Jahr nach der Zulassung darf der Hersteller den Preis demnach selbst festsetzen. Erst danach gilt ein mit den Kassen verhandelter Preis. Problem Nummer zwei: der Schutz durch das Patentrecht. Mit einer Flut von Patenten und Rechtsstreiten halten sich Hersteller Mitbewerber vom Hals - unter immensen Kosten. Geld, das nicht der Gesundheit zu Gute kommt, aber die Preise für Medikamente aufbläht.

Der Health Impact Fund

Der Moral-Philosoph Thomas Pogge, zur Zeit Professor an der nordamerikanischen Universität Yale, hat sich intensiv mit dem weltweiten Problem auseinander gesetzt. Er schlägt einen so genannten "Health Impact Fund" vor: Die Nationen finanzieren darin einen öffentlichen Fond. Jedes forschende Pharmaunternehmen kann aus diesem Topf Gelder beziehen, indem es ein Medikament meldet und auf dem Markt zu einem kostendeckenden Preis verkauft. Die Medikamente müssen ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen. Jährlich wird die Gesundheitswirkung in einem transparenten Verfahren bewertet. Dann kann man sagen, dass ein Medikament zum Beispiel zu 37% zur Gesundheitswirkung in den Ländern beigetragen hat. Folglich kann sich das Pharmaunternehmen des betreffenden Medikaments über 37 Prozent der Gelder aus dem Fond freuen. "Ich bin also bereit freiwillig das Medikament sehr billig zu verkaufen und eben im Gegenzug diese Prämie entgegenzunehmen. Und das unterminiert so ein bisschen den Schaden, den das bestehende System anrichtet ohne dieses System eigentlich in irgendeiner Weise zu verändern", sagt Pogge. Die EU hat inzwischen zwei Millionen für ein Pilotprojekt bereitgestellt. Damit soll ein neues Tuberkulose Mittel entwickelt werden.

"Gut gemeint, aber nicht praxistauglich"

Die führende Lobby-Organisation, der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller hält nichts vom Health-Impact-Fund. Vor der Kamera äußert sich niemand, doch ein höchst skeptisches Schreiben erreicht die odysso-Redaktion. Zusammenfassend heißt es: "gut gemeint, aber nicht praxistauglich". Der Streit um die neuen teuren Pillen wird die Gesundheitssysteme noch eine Weile beschäftigen. Der Medikamentenmarkt ist ein Kampf um Milliarden - bei dem aber eins nicht vergessen werden darf: Patienten müssen Zugang zu innovativen Medikamenten haben - doch ohne dass dabei gleich die Kassen gesprengt werden.