Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 9.2.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Steigende Medikamentenausgaben Teure Medikamente belasten die Gesundheitssysteme

Das deutsche Gesundheitssystem ist gut, aber viel zu teuer. Verantwortlich dafür ist zu einem erheblichen Teil die Preistreiberei der Pharmabranche bei neuen, patentgeschützten Medikamenten.

Seit Jahren die gleiche Meldung: Die Ausgaben für Arzneimittel steigen und steigen; in Deutschland 2015 im Vergleich zum Vorjahr erneut um 1,48 Milliarden auf zuletzt 34,84 Milliarden Euro. Und auch 2016 haben die Ausgaben um deutlich mehr als eine Milliarde zugenommen. Der Trend hält seit vielen Jahren an und stellt ein wachsendes Problem für Kassen und Patienten dar. Schon jetzt gehört das deutsche Gesundheitssystem zu den teuersten der Welt, bei vergleichsweise durchschnittlicher Leistung. Verantwortlich dafür ist zu einem erheblichen Teil die Pharmabranche.

Packungspreis: 19.999 Euro

Ein Beispiel für deren Raffgier sind neue, patentierte Medikamente wie zum Beispiel Sovaldi gegen Hepatitis C: Die Firma konnte den Preis bei der Markteinführung Ende 2013 frei festlegen, anfänglich für 19.999 Euro pro Packung. „Das ist ja ein Schnäppchen“, witzelte damals der Chef der AOK Baden-Württemberg Christopher Hermann im SWR Interview. Sarkasmus, der im Halse stecken bleibt, denn die Hersteller sitzen aufgrund der Gesetzeslage am längeren Hebel. Frei legen sie den Preis eines neuen, patentgeschützten Medikaments fest. Innerhalb des ersten Jahres nach der Markteinführung wird eine Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (Ärzte, Kassen, Krankenhäuser) vorgenommen. Und es wird über Rabatte verhandelt. Doch der Startpreis ist dann schon gesetzt.

„Das kann nicht gehen!“

Nach Protesten und Verhandlungen mit dem Hersteller Gilead wurde der Preis für Sovaldi (Wirkstoff Sofosbuvir) inzwischen gesenkt. Aber das Medikament kostet Anfang Januar 2017 immer noch über 16.000 Euro pro Packung. „Die Rechnung ist einfach. Wenn wir 270.000 Menschen (die Zahl der Infizierten in Deutschland) mit einem Medikament therapieren würden, was 43.500 Euro (pro Behandlung) kostet, wäre unser Krankenkassensystem tot. Das kann nicht gehen“, so die Vorsitzende der pharmakritischen Ärzteorganisation MEZIS, eine Abkürzung für „Mein Essen zahle ich selbst“.

Legale Schlupflöcher

Schon jetzt sind die Ausgaben für die Behandlung der Leberinfektion Hepatitis C unvorstellbar. Unter den Top-Sechs der Ausgaben für Medikamente im Jahr 2015 finden sich fünf gegen Hepatitis C. Zusammen genommen gaben die gesetzlichen Kassen in Deutschland über 1,7 Milliarden Euro allein für diese antiviralen Wirkstoffe aus, rechnet Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) vor. In Deutschland versuchen die Vertreter der Kassen und zum Teil auch der Gesetzgeber seit Jahren die legalen Schlupflöcher zu stopfen, doch nur mit mäßigem Erfolg. Durch das 2011 eingeführte Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz oder kurz AMNOG konnten 2015 immerhin gut 925 Millionen eingespart werden. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Dennoch fordert der GKV dringend eine Reform.

Insulin auch nach fast 100 Jahren immer noch teuer

Die im Grunde legalen Tricks und Taktiken der Pharmabranche sind zahlreich. Ein beliebter Schachzug ist das so genannte „Evergreening“. Ein altbekannter Wirkstoff erhält, sobald der Patentschutz ausläuft, mit wenigen, meist irrelevanten Veränderungen einen frischen Patentstatus. Dann kann er weltweit für 15 weitere Jahre nach den Bedingungen des Herstellers vermarktet werden. Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber der von der Pharmaindustrie unabhängigen Fachzeitschrift arznei-telegramm nennt als Musterbeispiel Insulin, das bereits seit 1922 angewendet wird (Vgl. arznei-telegramm 8/16, 47Jg., S.1). Die Entdecker verzichteten damals auf Patenteinnahmen, denn sie wollten, dass möglichst schnell alle Patienten auf der Welt in den Genuss ihrer segensreichen Erfindung kommen. Doch die Pharmahersteller machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Heute, bald 100 Jahre später, gibt es immer noch kein generisches Inulin zu einem fairen Preis. Ein Problem vor allem für arme Länder.

Neues Etikett, daher 42-facher Preis

Eine besonders dreiste Strategie zur Gewinnmaximierung ist die Neuvermarktung bereits eingeführter Medikamente. Beispiel Alemtuzumab: Vor 2012 war der Wirkstoff unter dem Handelsnamen MacCampath für 21,07 Euro pro Milligramm zu haben – als Mittel gegen Blutkrebs. „Dann wurde das Mittel über Nacht weltweit vom Markt genommen“, berichtet Chistiane Fischer von MEZIS. „Wir haben bis Kolumbien nachgeforscht. Das Mittel war verschwunden. Dann wurde es wieder zugelassen für Multiple Sklerose (MS).“ Einziger Grund für die Neuetikettierung: Mehr Profit. Der MS-Markt ist größer und die Konkurrenz-Präparate sind teurer. Jetzt kostet es unter dem neuen Namen Lemtrada 887,75 Euro pro Milligramm – 42 mal soviel wie zuvor. Alter Wein in neuen Schläuchen, ohne große Entwicklungskosten. Dabei rechtfertigt die Pharmabranche ihre Preise gerade mit der teuren und risikoreichen Forschung.

Nur ein Bruchteil geht in die Forschung

Doch Victor Roy, Soziologe, und Lawrence King, Professor für Soziologe und Volkswirtschaft, rechnen im British Medical Journal vor: Das Hepatitis-Beispiel Sovaldi (Sofosbuvir) hat nicht mehr als eine Milliarde Dollar in der Entwicklung gekostet, jedoch seit Dezember 2013 in den ersten 28 Monaten weltweit bereits 35 Milliarden Dollar Umsatz gemacht. (BMJ 2016, 354:i3718, 27.7.2016, Roy, Victor; King,Lawrence: Betting on hepatitis C). Kein Einzelfall. Ein Blick in die Statistiken der OECD unterstützt die Analyse der britischen Wissenschaftler. Weltweit fließen nur etwa 10–15 Prozent der Einnahmen der Pharmabranche zurück in Forschung und Entwicklung. (HEALTH AT A GLANCE 2015 © OECD 2015, file: 10.1787/health_glance-2015-70-en, p.188).

Pharma seit Jahrzehnten erfolgreichste Wirtschaftsbranche

Die Gewinnspannen der Pharmaindustrie rangieren seit Jahrzehnten einsam an der Spitze. In den USA beispielsweise erzielten Pharmaunternehmen zwischen 1995 und 2015 immerhin 17,44 Prozent vom Umsatz. Zum Vergleich: der Gewinn aller Branchen in den USA zusammen lag bei nur 4,34 Prozent, so das Wirtschaftsmagazin Forbes (zitiert nach BMJ, s.o.). 2015 betrug der Gewinn in der Pharmabranche sogar 21 Prozent. Wo das Geld hingeht, ist kein Geheimnis. Die Soziologen Roy und King beschreiben ein Muster: Die Einnahmen werden nur zu einem geringen Teil in die Forschung gesteckt. Stattdessen werden Unternehmensaktien zurückgekauft. Dadurch sind weniger Aktien am Markt, der Wert der Aktie steigt, damit der des Unternehmens und letztlich die Bezüge der Chefs.

Patentrecht schützt unfaire Marktstrategien

„Es zeigt, dass es das Interesse der Pharmaindustrie ist, einen möglichst hohen Gewinn abzuschöpfen und nicht Menschen zu heilen“, konstatiert Christine Fischer. MEZIS fordert daher unter Anderem eine Überarbeitung des Patentrechtes. Das Problem der unbezahlbaren Medikamente sei eine Folge des TRIPS-Abkommens, das weltweit den Umgang mit geistigem Eigentum regelt. Im Pharmamarkt sichert es seit seinem Inkrafttreten 1994 die unfairen Marktstrategien rechtlich ab. Der Staat müsse mehr und deutlicher eingreifen und sicherstellen, dass Generika in ausreichender Menge zu einem fairen Preis zur Verfügung stehen. Wie es funktionieren kann, zeigt ein Blick in andere Länder. Indien wehrt sich seit Jahren gegen TRIPS, produziert Generika ohne Erlaubnis und stellt so das Recht auf preiswerte Arzneien für Alle höher als den internationalen Patentschutz – und handelt sich damit permanent Ärger ein.

Beispiel Kuba: Staatseigener Pharma-Konzern

Einen anderen und völlig eigenständigen Weg geht das kleine 11-Millionen-Einwohner Land Kuba. Der Staat steuert den Pharmamarkt, produziert Medikamente und verkauft sie weltweit. Wegen des US-Embargos, das bis heute andauert, können kaum Medikamente importiert werden. Aus dieser Not entstand vor über 20 Jahren der staatliche Pharmakonzern CubaFarma. Mit Erfolg: Inzwischen produziert die Staatsfirma nicht nur Generika, vielmehr haben kubanische Forscher selbst neuartige und vielversprechende Krebsmedikamente entwickelt, wie zum Beispiel CimaVax-EGF gegen Lungenkrebs oder Nimotuzumab gegen eine Reihe verschiedener Tumore. „Die Firma folgt der Idee eines Kreislaufs“, so der Leiter für Forschung und Entwicklung Gustavo Sierra Gonzalez im SWR-Interview. „Wir erforschen, entwickeln und produzieren die Medikamente. Wir exportieren sie in über 50 Länder. Das Geld, das wir dort einnehmen, stecken wir in die Forschung und zudem können wir mit einem nicht unbedeutenden Betrag unser öffentliches Gesundheitssystem unterstützen und gratis Medikamente für die Patienten hier auf Kuba anbieten.“

„800 Medikamente reichen“

Inzwischen produziert CubaFarma gut 650 Medikamente – und damit den Großteil der von nur 857, die auf der Basisliste stehen. Das ist die Zahl der Medikamente, die auf Kuba benötigt werden. Mehr benötigen die Mediziner dort nicht. Sind nur 857 Medikamente vielleicht zu wenig? „Nein“, sagt Ärztin Christiane Fischer: „Ich denke, mit 800 Mitteln würden auch wir gut auskommen um die Bevölkerung zu versorgen.“ In Deutschland gibt es dagegen über 3.000 Wirkstoffe, die in verschiedenen Dosierungen und Packungsgrößen von zahlreichen Herstellern die stolze Zahl von knapp über 100.000 Produkten erreichen. Nach der Theorie von Angebot und Nachfrage müsste der Preis bei einem so großen Angebot eigentlich fallen. Doch die Erfahrung lehrt: der Markt funktioniert nicht. Warum nicht? Er ist nicht frei. Ermöglicht durch das Patentrecht wird er von immer weniger und immer größer werdenden internationalen Konzernen bestimmt, denen Profit naturgemäß wichtiger ist als Moral.