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SENDETERMIN Do, 11.12.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Pharmaskandal Tamiflu - Das Milliardengrab

International renommierte Institutionen appellieren an die Regierungen, ihre Pandemiepläne zu überarbeiten, weil das Grippemittel Tamiflu nicht die versprochene Wirkung zeigt. Reaktion: Fehlanzeige.

Was hatte die Herstellerfirma Roche nicht alles versprochen. Das antivirale Mittel Tamiflu reduziere Krankenhauseinweisungen und schwere Komplikationen bei Grippe um mehr als 50 Prozent. Grund genug für Dutzende Länder auf der ganzen Welt das Mittel in ihre Katastrophenpläne aufzunehmen und für den Notfall zu bevorraten. Bedauerlicherweise hielten die Versprechen einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.

Kein Nachweis für Pandemieprophylaxe durch Tamiflu

Das weiß auch der Infektiologe Prof. Philipp Henneke vom Uniklinikum in Freiburg. Zur Behandlung einzelner Fälle mit schwerem Verlauf wendet er das Mittel manchmal an. Vor allem bei Kindern. Doch als Mittel gegen eine große Epidemie ist Tamiflu nicht ausgewiesen, da ist sich der Arzt und Wissenschaftler sicher: "Als Infektiologe kann ich mich nur auf die bestehenden Daten berufen. Und muss sagen, dass wir dazu keine wissenschaftliche Grundlage haben, dass wir damit wesentlich eine Pandemie beeinflussen können. Durch zum Bespiel breite Ausgabe an Gesunde oder dem Grippevirus ausgesetzte Personen."

International renommierte Institutionen teilen diese Einschätzung. Wissenschaftler des unabhängigen Cochrane-Netzwerks und das British Medical Journal haben im Frühjahr 2014 in einem gemeinsamen Appell Regierungen und Entscheidungsträger in den Gesundheitssystemen aufgerufen, ihre Richtlinien für den Umgang mit Tamiflu zu überarbeiten. odysso möchte wissen, wer in Deutschland darauf reagiert. Und fragt beim zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) an: Wie geht es mit Tamiflu weiter? Das BfArM meldet sich auch umgehend. Erklärt sich aber zunächst für nicht zuständig. Verweist stattdessen auf das Robert Koch Institut (RKI), das in Deutschland für Infektionskrankheiten zuständig ist.

Also fragen wir dort nach. Aber auch das RKI erklärt sich für nicht zuständig und verweist wiederum auf das BfArM. Nicht zu fassen: Tatsächlich sind beide Behörden für die Bewertung des Grippemittels zuständig. Doch sie ducken sich weg. Und beide Behörden erklären, dass die Bevorratung mit Tamiflu letztlich Ländersache sei.

Die Behörden ducken sich weg

Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz

Auf zum Dritten Anlauf. Wir fragen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg nach und erfahren: die Vorgaben von BfArM und RKI sind für die Länder bindend. Ein entlarvendes Spiel: Niemand will offenbar die Verantwortung übernehmen. Jeder erklärt, der andere sei für die Entscheidung über Tamiflu zuständig. Klarheit gibt es immerhin bei den Kosten. Die Länder Rheinlandpfalz und Baden-Württemberg zahlen für Anschaffung und Lagerung des Grippemittels 15 Millionen Euro.

Dass die Behörden bei ihrer Entscheidung bleiben, wundert den Freiburger Infektiologen Philipp Henneke nicht. Die Praxis der Bevorratung von Tamiflu zu ändern, wäre gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass man in der Vergangenheit falsch entschieden hat. "Nun zurückzusteuern und zu sagen heute reicht die wissenschaftliche Evidenz nicht aus, um so weiterzumachen, ist sicherlich ein schwieriger politischer Prozess", formuliert der hochgewachsene Mittvierziger höflich.

Dann erhalten wir vom BfArM immerhin doch noch eine Erklärung, warum man an Tamiflu festhält. Studien hätten ergeben, das Mittel könne das Auftreten von Krankheitssymptomen reduzieren. In der Theorie ein guter Ansatz, sagt der Freiburger Infektiologe: "Atemwegserkrankungen wie Grippe werden über Tröpfchen übertragen. Das heißt, wenn ich nicht huste oder schniefe, dann übertrage ich die Erkrankung auch nicht. Dann brauche ich aber eine klinische Studie, die belegt, dass sich genau das mit einem Grippemittel umsetzen lässt: damit könnte ich eine Pandemie durchbrechen, wenn ich es gar nicht zu einem Ausbruch der Erkrankung kommen lasse. Und den Beleg haben wir nicht. Wir wissen nicht, ob das Medikament so funktionieren kann."

Auch im Bundestag ist Tamiflu deswegen schon Thema. Kordula Schulz-Asche, Gesundheitsexpertin der Grünen, hat eine „Kleine Anfrage“ an die Bundesregierung gestellt, in der sie um Auskunft bat, wie die Bundesregierung angesichts der kritischen Stimmen aus der Welt der wissenschaftlichen Medizin weiter mit Tamiflu verfahren will. Die gelernte Krankenschwester erklärt, die Antwort habe sie überrascht. Sie liest uns aus der Antwort vor: "Die neue Analyse der Cochrane-Collaboration führt aber nicht zu einer Einschätzung, dass ein Verzicht auf Tamiflu die Bevölkerung bis zur Verfügbarkeit neuer Impfstoffe besser schützen würde."

"Der Verzicht auf Tamiflu hilft nicht besser als Tamiflu"

Kordula Schulz-Asche legt das Papier beiseite und ihr Blick zeigt eine gewisse Fassungslosigkeit. "Das hat dazu geführt, das muss ich Ihnen ehrlich sagen, dass ich dachte, die nehmen mich auf den Arm. Hier zu sagen, wir benutzen ein Medikament, weil wir keine wirksamen Impfstoffe haben, ohne dass man wirklich die Wirkung des Medikaments belegen kann, das ist eigentlich ein Skandal."

Das Geschäft mit der Angst lohnt sich. Bislang hat Roche mit Tamiflu weltweit einen Umsatz von acht Milliarden Euro erzielt. Und wie es aussieht, bleibt das umstrittene Mittel auch weiter ein Blockbuster.

aus der Sendung vom

Do, 11.12.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.