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SENDETERMIN Do, 16.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

SWR odysso Gammelexperiment 14. Tag: Maden (Teil 4)

Nach zwei Wochen hat der Nachwuchs der ausgesetzten Schmeißfliegen Fisch und Fleisch fast vollständig verzehrt. Übrig bleibt eine harte grau-braune Masse.

Die Lebensmittel werden untersucht

Hart, trocken und stinkend

Vierzehn Tage nach Start unseres Experiments bin ich wieder im Kubus. Vor zwei Wochen war hier noch alles frisch. Dann kamen die Bakterien, dann der Schimmel und zuletzt die Maden. Jetzt ist alles trocken und hart. Der Fisch nur noch Haut und Gräten. Alles Innere haben die kleinen Zersetzer radikal ausgeräumt Einst feuchte und weiche Lebensmittel wie die vegetarischen Pasten, Frischkäse oder Joghurt sind ausgetrocknet. Das obwohl wir durchgehend eine Luftfeuchte von etwa 70 Prozent hatten. Jetzt ist alles nur noch harte Masse, egal wie flüssig es einmal war. Fleisch und Wurst sind durchgängig braun-grau geworden und ebenfalls hart wie Stein. Über allem liegt ein beißender, süßlicher Gestank. So als wenn man seine Nase tief in eine Mülltonne steckt.

Die Fliegen waren es

Was hier passiert ist, soll mir Deutschlands bekanntester Kriminalbiologe erzählen - Mark Benecke. Wir begrüßen uns mit einem Ellenbogengruß. So gehört sich das bei verschmutzten Händen, erklärt der Experte. Wir schauen uns um, Mark Benecke grinst: "Das wird wieder recycelt und in seine Einzelteile zerlegt." Hauptsächlich verantwortlich dafür sind die Schmeißfliegen. 50 Exemplare haben wir zu Beginn des Experiments ausgesetzt. Aber es wurden sehr schnell mehr. Der Kriminalbiologe erklärt warum: "In eiweißreichem Material legen die gerne ihre Eier ab, und dann gibt’s eine neue Generation und da kommen noch sehr viel mehr Fliegen raus. Die erwachsene Fliege legt ein Eipaket, aus dem Ei schlüpft eine Made und aus der Made kommt dann wieder eine Fliege. Und jede Fliege kann so 200 Eier ablegen. Kurz nachgerechnet: 50 mal 200 - das macht schon mal zehntausend Maden. Und die haben erst mal ordentlich Appetit, kein Wunder, dass von dem Fleisch kaum noch was übrig ist. Die Made, die verpuppt sich so ähnlich wie ein Schmetterling, der einen Kokon bildet, nur die Fliegen bilden keinen Kokon. Die Maden wandeln sich in der Puppe um, also die lösen sich komplett auf und aus der Made wird dann die Fliege mit Beinchen, Borsten und Augen."

Tatort Küche

Mark Benecke ist Entomologe, also Insektenforscher und Kriminalbiologe. Er bestimmt den Todeszeitpunkt von Verbrechensopfern anhand der auf dem Leichnam vorkommenden Insekten, denn je nachdem wie alt ein Leichnam ist, besiedeln ihn unterschiedliche Insekten. Zielstrebig geht Benecke auf den größten Tierkadaver zu: Die Gans. "Hier hat man noch relativ viel Gewebe." Er steckt einen Finger in die Gans und holt ein paar Maden raus. "Der Trick ist, man muss nach dem ältesten Stadium gucken, damit man weiß, wie lange es auf jeden Fall schon fault. Diese sind vielleicht aus der ersten Generation." Sein Blick fällt auf einige Puppen auf dem Boden. Sind das vielleicht schon Nachfahren der ersten Generation? Kaum möglich. Schließlich läuft unser Experiment erst zwei Wochen.

Vergammelte Hühnchen

Kleinste Unterschiede an Feuchtigkeit und Licht führen zur differentiellen Dekompostierung.

Wir gehen weiter zu den Hühnchen, die nur noch Haut und Knochen sind. Erstaunlicherweise wurden sie unterschiedlich schnell und stark zersetzt. Liegt es vielleicht daran, dass wir eines mit chloriertem Wasser gewaschen haben? Mark Benecke hat eine andere Erklärung. "Das hier könnten mikroklimatische Effekte sein, dass es hier zum Beispiel jetzt etwas feuchter war als hier. Oder ein ganz kleiner Temperaturunterschied oder irgendetwas war. Das sehen wir auch ganz oft im Freien. Man nennt das differentielle Dekompostierung, also man hat zum Beispiel eine Leiche, und die hat drei verschiedene Fäulniszonen. Die eine war feuchter, die andere war mittel, die andere war trocken. Das könnte einfach ein Miniunterschied sein, zum Beispiel, dass es an einer Stelle ein kleines bisschen wärmer ist als an der anderen. So was reicht oft schon. Da kann man wirklich wochenlang oder tagelang schauen und staunen, wie kleinste Feuchtigkeitsunterschiede bewirken, dass sich die Tiere anders verhalten. Wenn du zum Beispiel eine Leiche hast, und auf der einen Seite brennt zwei Meter entfernt eine Lampe, dann setzen die sich erst mal alle auf der Seite auf das Auge, wo keine Lampe brennt, weil die kein Licht mögen."

In den Zeitrafferaufnahmen ist mir aufgefallen, dass bestimmte Fleischstücke von der Horde von Maden bewegt werden und zwar kollektiv. Von dem Madenexperten will ich wissen, wie das geht. Woher weiß die eine Made, dass sie in der gleichen Richtung drehen soll wie die andere? Mark Benecke zerstreut alle Hoffnung auf eine Schwarmintelligenz: "Die kommunizieren nicht untereinander, sondern da ist irgend ein kleiner Reiz. Zum Beispiel auf der einen Seite ist es ein klein bisschen heller als auf der anderen Seite und dann tendenziell kriechen sie alle ein bisschen weg. Oder, alle versuchen von der eher hellen Seite unter das Fleisch drunter zu kriechen, weil es da so schön dunkel ist. Die sind wie kleine Roboter, die denken nicht, und dann machen die alle dasselbe. Aber das ist jetzt nicht, wie wir das von sozialen Insekten kennen, von Ameisen oder Wespen, dass die sich da jetzt verständigen. Das ist überhaupt nicht der Fall, das ist auch praktisch für uns, weil dadurch, dass die überhaupt nicht flexibel sind, können wir deren Verhalten vorhersagen. Das ist gut für uns, denn dann können wir sie als Stoppuhren benutzen. Wenn die sich untereinander absprechen würden, wär‘s schlecht."

Ein klassischer Fall von Leichenverbringung

Und dann erfahre ich doch noch ein bisschen über den Tathergang. Unter dem Binokular zeigt mir Mark Benecke eine Goldfliege. "Das ist eine Goldfliege, eine frühe Leichenbesiedlerin. Das ist erstaunlich, dass die noch da ist, das liegt daran, dass ihr da die Fenster nicht auf habt, sonst wären die nämlich schon nicht mehr da. Die mögen es warm und sonnig und früh, und nichts davon habt Ihr da. Das wäre also ein klassischer Fall von Leichenverbringung, dass die Leiche also an der falschen Stelle liegt." Klar, wir haben unsere künstliche Küche als geschlossenes System konstruiert. Das hatte verschiedene Gründe. So sollten die Anwohner nicht durch den Gestank belästigt werden. Außerdem wollten wir möglichst kontrollierte Bedingungen haben. Jetzt werden wir von dem Kriminalbiologen entlarvt.

Ich will von ihm noch mal wissen, was die Funktion der Fliegen ist. "Diese ganzen Aasfressenden Tiere sind dafür zuständig, dass das Gewebe wieder in den Kreislauf der Natur des Lebens zurück kommt. Wie eine Recyclingtruppe, eine Energieerhaltungstruppe. In freier Natur werden die Maden wieder Nahrung für Vögel oder Fische, und davon wiederum würde mancher vielleicht sogar in unserer Pfanne landen." Doch wer glaubt, wir seien deswegen die Herrscher des Planeten, denen erteilt der Insektenfreund Mark Benecke eine Abfuhr: "Der Großteil des Lebens auf der Erde besteht aus Insekten, wir leben auf dem Planet der Insekten. Wir sind da nur ganz unbedeutende Gäste, Menschen spielen überhaupt keine Rolle auf der Erde, langfristig gesehen."

aus der Sendung vom

Do, 16.10.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.