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SENDETERMIN Do, 6.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Jugendliche Amokläufer Täterprofile – hilfreich oder nutzlos?

Wer tut so etwas? Experten versuchen, in die Psyche von jugendlichen Amokläufern einzudringen. Doch die Forschung ist schwierig: wenige Fälle, die meisten Täter tot. Kann man mit Täterprofilen dennoch Taten verhindern?

Die Taten sind lange vorbereitet, die Pläne perfide: so viele Menschen wie möglich sollen getötet werden. Die Täter agieren ohne erkennbare Emotion. "Ein Opfer nach dem anderen wird attackiert, bis das Magazin leer ist. Und dann geht es weiter." Wenn Britta Bannenberg über Amokläufer spricht wird schnell deutlich: die Kriminologin hat in menschliche Abgründe geblickt. Sie versucht, in die Psyche von Amoktätern einzudringen. Indem sie ihre Verhaltensmuster genau studiert, hofft sie zukünftige Täter rechtzeitig zu erkennen. Dazu hat sie sämtliche Strafakten, Tagebücher und Chatprotokolle der Täter analysiert und die Angehörigen, aber auch einige wenige überlebende Täter selbst befragt. Doch Reue hat die Profilerin bei ihnen nicht gespürt: "Reue? Reue gibt es nicht, im Gegenteil: Sie bekommen mit einem süffisanten Grinsen gesagt: Ich bereue nur eins: dass ich nicht noch mehr erwischt habe."

Der Wunsch, zu töten

Aber wie entsteht bei Jugendlichen der Wunsch zu töten? Die Kriminologin ist überzeugt: Die Täter, fast ausschließlich Jungen, sind keine Mobbingopfer. Soziale Kontakte lehnen sie ab, sind nicht fähig sie einzugehen. Mit Mädchen haben sie Probleme, Emotionen sind ihnen fremd. Auch von zu Hause. Ihre Mitmenschen werten sie ab und steigern sich in ein narzisstisches Selbstbild hinein. Krisen und Misserfolge empfinden sie als unerträgliche Demütigung. Dabei sind sich viele durchaus bewusst, dass ihr Denken und Fühlen nicht normal ist. Fast alle Täter haben über sich recherchiert, versucht, sich eine Diagnose zu ergoogeln: bin ich psychisch gestört? Bin ich ein Psychopath? Oder manisch depressiv? Viele haben Suizidgedanken, bevor sich auch Gewaltfantasien dazu mischen, die gegen andere gerichtet sind. Die Kriminologin hat herausgefunden: "Einige fragen dann aber auch, warum sie auch Amokgedanken haben – bekommen aber häufig keine Antworten."

Starkult unter Amokläufern

Auch Psychologen schreckten manchmal vor solchen drastischen Gewaltfantasien und Äußerungen über Amokläufe zurück, sagt die Kriminologin. Fatal daran ist: wer keine Antworten bekommt, findet selbst eine für sich. Viele sagen sich: Wenn ich schon ein Psychopath bin - dann gibt es nur den einen Weg für mich. Aus Gedanken wird ein konkreter Tatplan - darin mit eingeschlossen nicht nur der Tod von vielen Menschen, sondern auch der eigene.

Amok Googleergebnisse

Ist das Internet eine Plattform für potentielle Amokläufer?

Die Täter ziehen sich vollkommen zurück in ihre Verachtung. Im Netz lesen sie sich Wissen über Waffen und Bombenbau an, recherchieren jedes Detail vergangener Amokläufe. In Foren werden die Geburtstage bekannter Amokläufer gefeiert. Starkult unter Tätern und denen, die noch zu welchen werden wollen. Im Nachhinein klingt es wie eine plausible, unaufhaltsame Entwicklung kaputter Seelen. Doch können Faktoren wie Probleme im Elternhaus, mit Mädchen, mit den Noten tatsächlich helfen, unschuldige Jungen von Tätern zu unterscheiden?

Eine biologische Erklärung?

Für den Jugendpsychiater und Neurologen Prof. Lothar Adler lautet die Antwort darauf klar: nein. Für ihn gibt es keinen "typischen" Amokläufer. Täterprofile hält er für sinnlos, für Schuldzuweisungen an viele Menschen, die nie einen Amoklauf begehen würden. Gemeinsamkeiten wie Leistungsprobleme oder Computerspiele würden zu Fakten über Amoktäter gemacht - doch Umkehrschlüsse wie: alle Täter waren psychisch krank, also sind psychisch Kranke gefährdet einen Amoklauf zu begehen, hält der Psychiater für gefährlich. Er glaubt vielmehr an eine biologische Komponente - einen Mangel am Affekt steuernden Botenstoff Serotonin im Gehirn von Amoktätern. Bei erweitertem Suizid und auch bei Mördern wurde ein solcher Mangel in Untersuchungen festgestellt. Doch Amoktäter in Deutschland wurden nie daraufhin untersucht. Doch selbst wenn diese biologische Komponente eine Erklärung sein könnte - auch mit dieser Erkenntnis kann man keine Tat verhindern.

Andeutungen ernst nehmen

Die Taten und die Täter bleiben für gesunde, im Leben stehende Menschen unbegreiflich. Doch so sehr die Gesellschaft auch versucht ist sich an Faktoren zu halten, die rational erklären sollen, was so irrational ist: In Kategorien und Täterprofilen zu denken kann zu einer Erwartungshaltung führen, die womöglich die falschen als Täter verdächtigt oder, noch schlimmer, diejenigen übersieht, die tatsächlich zum Täter werden. Wenn ein potentieller Täter keine Egoshooter spielt oder kein Junge ist etwa. Wie also künftige Täter erkennen? Die Experten sind sich einig: Die einzige Chance Täter rechtzeitig zu erkennen ist Wachsamkeit. Der Jugendpsychiater Lothar Adler weiß: "Jugendliche kommunizieren, sprechen von ihren Taten, sprechen gegenüber anderen Schülern von ihren Fantasien und da kann man dann natürlich eingreifen und gucken: wie gefährdet ist denn der Jugendliche?" Die Kriminologin Britta Bannenberg erstellt solche Gefahrenanalysen in Zusammenarbeit mit Schulen und der Polizei. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt: Wenn ein Jugendlicher Andeutungen macht, muss man sie ernst nehmen: "Denn letztlich ist ja eine Tat, die begangen wird das Schlimmste, was passieren kann. Für alle Betroffenen."

aus der Sendung vom

Do, 6.3.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.