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SENDETERMIN Do, 1.12.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Verbrechensaufklärung Begabte Ermittler

Sie können sich Gesichter sehr gut merken und wieder erkennen – und arbeiten erfolgreicher als jede Gesichtserkennungssoftware. Besuch bei der einzigen Super-Recogniser-Einheit der Welt.

Geschichte der Super Recogniser

Der Begriff „Super Recogniser“ tauchte das erste Mal im Jahr 2009 in Zusammenhang mit einer Forschung des Harvard Psychologen Richard Russel auf. Bis dahin waren nur Menschen mit „normaler“ Gesichtserkennung oder sogenannte „gesichtsblinde“ Menschen bekannt, die circa 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Russel und sein Team suchten nach dem anderen Extrem und stießen auf Menschen, die sich Gesichter besonders gut merken können. Sie nannten sie „Super Recogniser“ (Deutsch etwa: „Super Erkenner“).

Parallel zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema in den USA macht ein Polizeibeamter der London Metropolitan Police ähnliche Entdeckungen. Detective Chief Inspector Mick Neville beginnt bereits Ende der neunziger Jahre mit dem speichern und sortieren der zahlreichen Videoaufnahmen von Verbrechen in London. Er ist der erste, der die Katalogisierung des Foto- und Videomaterials der bestüberwachten Stadt der Welt in die Hand nimmt. Beim zirkulieren der Bilder unter den Polizeibeamten fällt ihm auf, dass einigen von ihnen extrem viele Identifizierungen gelingen. Als er 2011 auf einem Vortrag von seinen Entdeckungen berichtet, lernt er den Psychologen Dr. Josh Davis von der Greenwich Universität kennen. Seitdem unterstützt Dr. Davis die London Metropolitan Police bei der Erforschung und Rekrutierung der Super Recogniser. Mitte 2015 ist unter der Leitung Mick Nevilles, der mittlerweile in Rente ist, in London die erste Super Recogniser Einheit der Welt gegründet worden. Diese Einheit, unter der Leitung von Eliot Porritt, hat unter anderem bei den Übergriffen der Silvesternacht in Köln die deutsche Polizei unterstützt und konnte einige Täter identifizieren.

Erforschung der Super Recogniser

Die Forschung zu Super Recognisern ist noch recht jung, den Anfang machten Richard Russel und seine Kollegen von der Harvard Universität im Jahr 2009. Man geht davon aus, dass der Anteil der Super Recogniser an der Gesamtbevölkerung circa 2 Prozent ausmacht.

Dr. Josh Davis, Professor an der Greenwich Universität in London, erforscht die Super Recogniser seit dem Jahr 2011. Gemeinsam mit den Super Recognisern der Metropolitan Police arbeitet er an einer Studie zur Langfristigkeit ihrer Erinnerungen. Dass sie Gesichter besonders gut wiedererkennen haben er und die Kollegen aus den USA feststellen können. Doch wie sieht es aus wenn sie ein Gesicht nach Monaten oder gar Jahren wieder erkennen sollen? In einer Langzeitstudie möchte Josh Davis das herausfinden.

Die besonderen Fähigkeiten der Super Recogniser sind vermutlich angeboren. Während die meisten Menschen einzelne Bereiche des Gesichts, wie die Augen, zur Wiedererkennung fokussieren, betrachten die Super Recogniser ein Gesicht holistisch, also als Ganzes. Warum das so ist, weiß man bisher nicht.

Mordfall Alice

Am 28.08.2014 verschwindet die 14jährige Alice spurlos bei einem Spaziergang entlang des Brent Flusses in London. Die Polizei hat keinerlei Anhaltspunkte für ein Verbrechen, das Mädchen ist wie vom Erdboden verschluckt. Bald gibt es einen Verdächtigen, aber noch kann er nicht mit dem Mädchen in Verbindung gebracht werden. Darauf sammeln die Super Recogniser alles verfügbare Video Material von öffentlich und privat angebrachten Kameras entlang der Strecke von Alice. Bei der Auswertung des Materials gelingt es ihnen, den Verdächtigen auf der Strecke ausfindig zu machen. Und nicht nur das, sie sehen auch dass er immer wieder an eine bestimmte Stelle am Fluss zurück kehrt, auch lange nach dem Verschwinden von Alice und sogar am nächsten Tag.

Diese Informationen geben sie an die ermittelnden Beamten der Mordkommission weiter. Eine Suche wird in Auftrag gegeben und tatsächlich wurde in diesem Bereich die Leiche des jungen Mädchens gefunden.

Wenige Tage später wird auch die Leiche des mutmaßlichen Täters gefunden. Der 41jährige Arnis Z. aus Lettland hatte sich im Boston Manor Park erhängt.

Im Rahmen der Ermittlungen wurde bekannt, dass Z. bereits in seinem Heimatland einen Mord begangen hatte. 1997 ermordete er in Lettland seine damalige Ehefrau. Er wurde verurteilt und war sieben Jahre im Gefängnis. Wenige Jahre nach seiner Entlassung zog er nach London. Dort wurde er 2009 polizeibekannt, als er wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs einer Jugendlichen verhaftet wurde. Diese zog jedoch ihre Aussage zurück. Die Eltern der ermordeten Alice werfen der britischen Regierung vor, dass man nicht damals die lettischen Behörden um Herausgabe seiner Polizeiakte bat. Ihrer Meinung nach wäre man mit dem Wissen um den Mord in Lettland vielleicht anders mit dem vermuteten Missbrauch umgegangen.

Da das nicht der Fall war, erfuhr die britische Polizei erst im Rahmen der Ermittlungen im Fall Alice von dem vorher begangenen Mord Z.’s.