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SENDETERMIN Do, 10.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Stressforschung Stadt oder Land - was ist gesünder? (Teil 1)

Die Stadt fördert psychische Erkrankungen: Ein alarmierender Befund, der zu einer großen Studie anregte: Stadt- und Landbewohner werden in ihrem Alltag präzise überwacht, um zu erforschen, welche Lebenswelt unsere Seele bedroht, oder aber schützt.

Macht uns die Stadt krank?

Erik und Sophia stehen unter wissenschaftlicher Beobachtung: Sie sind mit Bewegungssensor und Spezial-Smartphone ausgestattet. Eine Woche lang werden ihre alltäglichen Gänge und Fahrten detailliert aufgezeichnet. Im ganzen Rhein-Neckar-Raum sind rund einhundert Versuchspersonen unterwegs: Vom ländlichen Odenwald - dort lebt Sophia in Eberbach - bis in den Ballungsraum um Mannheim: Dort in der City wohnt Erik mit Frau und Tochter.
Wissenschaftler vom Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit und der Universität Heidelberg führen eine aufwändige Langzeitstudie durch. Anlass sind beunruhigende Daten: Unter Angsterkrankungen und Depressionen leiden Städter 40 Prozent häufiger als Landbewohner, so betont Prof. Andreas Meyer-Lindenberg: "Wir versuchen, Risikofaktoren in der Lebenswelt für psychische Erkrankungen zu verstehen, mit dem Ziel, sie dann vermeiden zu können." Doch was macht das Stadtleben so belastend für die Seele: Ist es der Lärm, die urbane Enge, soziodemographische Faktoren, Luft- oder Lichtverschmutzung? Es gibt viele Theorien dazu, aber wenige tragfähige Studien.
Zu Beginn der Untersuchungswoche bekamen der 29-jährige Erik und die 16-jährige Sophia nicht nur das Spezial-Handy und den GPS-Sensor, sie gaben auch Proben für genetische Untersuchungen ab: Haare, Speichel, Urin. Und befragt wurden sie auch: Gesundheit, Persönlichkeit, Lebenssituation spielen ebenfalls eine Rolle, wie entspannt oder gestresst Menschen durchs Leben gehen.

Stress aktiviert Gefahrensensoren

Während der Versuchswoche klingelt bei den Versuchspersonen dann immer mal wieder das Smartphone. Auf dem Display erscheinen Fragen: Wie glücklich, wie zufrieden, oder auch unruhig oder traurig bist Du gerade? Das müssen Erik und Sophia über eine Bewertungsskala auf dem Touchscreen beantworten. Später können die Forscher diese Antworten mit den GPS-Daten ihres aktuellen Standorts kombinieren. Gibt es statistische Zusammenhänge zwischen Aufenthaltsort und seelischer Verfassung?
Erik, seine Frau Janine und Tochter Jane wohnen in einem Mannheimer Mietshaus an einer vierspurigen Straße. So etwas stresst laut Hirnforschung messbar: Bei Städtern sind Gehirnareale, die auf Gefahren reagieren - vor allem die Amygdala im limbischen System - stärker als bei Landbewohnern aktiviert. Stadtreize verursachen so einen "Kriechstress", auch wenn die Betroffenen es nicht spüren. Der Aktivierungsgrad der Gefahrensensoren im Hirn korreliert sogar mit steigender Einwohnerzahl.
Vieles wirkt bewusst und unbewusst auf das Gemüt. Gebäude- und Bewohnerdichte, Lärm, Luftqualität, Straßennähe, freie Sicht oder auch einfach: Naturnähe. Für die Seele sind Bäume sind besser als Beton, diesen Schluss legen etliche Studien nahe: Zum Beispiel lernen und entwickeln sich Schulkinder besser, je grüner das Umfeld ihrer Schule ist. Doch Umweltreize wirken bei verschiedenen Menschen auch unterschiedlich. Manche kommen gut mit Hektik zurecht, andere weniger. Daher beschäftigt die "Resilienz", die innere Widerstandsfähigkeit gegen Stress die Forschung ebenso.

Schutzfaktor soziale Bindungen

Erik und seine Frau mögen das Leben in der Stadt, mit all den Einkaufs- und Unterhaltungsangeboten vor der Haustür. Eine praktische Lebenswelt, aber auch recht anonym: 80 Prozent der Städter kennen ihre Nachbarn nicht. Doch intakte Bindungen sind wesentliche seelische Schutzfaktoren. Daher sind Menschen gefährdet, die gerade in der hohen "sozialen Dichte" der Stadt isoliert und einsam sind. Auf dem Land sind die sozialen Bindungen - statistisch gesehen - größer und verlässlicher.
Sophia aus dem ländlichen Eberbach haben die Mannheimer Forscher ebenfalls im Visier: Auf ihrem Schulweg ist die 16-Jährige vom beschaulichen Odenwald umzingelt. Ein seelischer Schutzfaktor. Studien zeigen, dass Landbewohner weniger sensibel als Städter auf Stress reagieren: Die Gefahrensensoren ihres Gehirns sind nicht im so daueralarmiert.
Eberbach ist schmuck: gepflegtes Kleinstadtflair. Aber auch: Überschaubares Einkaufs- und Freizeitangebot. Langeweile ist schon mal ein Stressfaktor, den Sophia bei der Stimmungsabfrage per Smartphone zu Protokoll gibt. Weil städtische Abwechslung fehlt, treffen sich Sophia und ihre Freundinnen öfter zu Hause, sie kochen. Solch sinnhafte Gemeinschaft tut der Seele gut. Und das ist auf dem Land noch eher zu finden als in der Stadt. Dennoch wollen die Freundinnen bald raus aus dem Neckartal, die Stadt lockt: "Studieren, Freiheitsgefühle", sagt Sophia "Da ist ja so eine Großstadt irgendwie praktischer. Vor allem in unserer Vorstellung auch aufregender."
Durch Medien und soziale Netzwerke bekommen Landbewohner heute ständig mit, was sie in der Stadt versäumen. Und doch hat das Land hat, so Trendforscher, eigentlich mehr vom Luxus der Moderne: viel Raum und Ruhe. Nur 20 Prozent der Deutschen meinen heute, in der Stadt lebe man besser. Dennoch wirken Städte wie Magneten, obwohl die Mieten steigen, die urbane Dichte zunimmt, und damit krankmachende Stressoren.

Alltägliche Glücksmomente zählen

Am Ende der Woche werden die Versuchspersonen von den Mannheimer Forschern nochmals zu ihren Bewegungsprofilen befragt. Ja, an diesem Tag, waren sie im Möbelhaus, berichtet Erik, für seine Frau war es schön, für ihn ziemlich stressig. Und Sophias Highlight der Woche war ein Kinobesuch. Dazu musste sie mit der S-Bahn von Eberbach nach Mosbach fahren.
All diese Bewegungsdaten und Selbstauskünfte von Stadt- und Landmenschen sammeln die Forscher. Am Ende der Woche werden die Teilnehmer noch im MRT untersucht. Hinterlassen Freude, Entspannung, aber auch Stress und Traurigkeit messbare Spuren im Gehirn? Tatsächlich weisen Personen, die überwiegend positive Stimmungen angaben, erstaunliche Gemeinsamkeiten ihrer Gehirnaktivität auf: Positive Erlebnisse versetzen wohl jene Hirnregionen, die die Glückgefühle steuern, in einen besonderen Erregungszustand, so die Neurowissenschaftlerin Dr. Heike Tost: "Das Aktivierungsniveau in diesem System wird durch unsere täglichen positiven Ereignisse, auch wenn sie nur klein sind, mitbestimmt." Das heißt: Ist der Bäcker morgens besonders freundlich, so gibt das unserem Gehirn schon einen positiven Push für den Tag, auch längerfristige positive Effekte sind messbar. Nun müssen die Forscher durch ihre Daten klären, in welcher Umwelt sich die Personen aufhielten, die so positiv stimuliert waren. Haben Landbewohner statistisch gesehen mehr alltägliche Glücksmomente als Stadtmenschen?

Umwelt beeinflusst Genaktivität

Die Mannheimer Forscher nähern sich der Antwort auch mit genetischen Untersuchungen der Studienteilnehmer. Im Fokus steht Stress. Können äußere Einflüsse direkt auf unser Erbgut wirken, so dass wir für seelische Erkrankungen anfälliger werden? Das fragt sich die Genforscherin Dr. Stephanie Witt: Was sind die Mechanismen, die dazu führen, dass Umweltfaktoren letztendlich ein Risikofaktor für eine Erkrankung werden.
Die Epigenetik erforscht, wie Lebensstil oder Umwelteinflüsse Spuren im Erbgut hinterlassen. Die Aktivität unserer Gene kann durch permanenten Stress beeinflusst werden: Bestimmte Gene werden dann an- oder abgeschaltet. Und das kann unsere seelische Gesundheit beeinflussen - positiv oder negativ. Die Frage ist: Fördern bestimmte Lebenswelten auch bestimmte epigenetische Effekte? Die laute, enge Stadtwelt scheint ein Krankheitsgenerator zu. Ob das Pendlerleben in den geordneten Neubauvororten entlastet, die überall aus dem Boden schießen? Die auf 15 Jahre angelegte ZI-Studie mit Mehrfachuntersuchungen der Teilnehmer soll Antworten liefern.

Suche nach guter Lebenswelt

Erik und Sophia haben in ihrer Versuchswoche einiges über sich selbst gelernt: Da sie andauernd nach ihrer Stimmung gefragt wurden, wurden sie sich auch bewusster, wo und wann Sie glücklich, oder weniger froh waren. Individuell können sie Schlüsse für daraus ziehen; die Aufgabe für die Statistiker, aus den Daten der Langzeitstudie klare Ergebnisse zu ziehen, ist dagegen eine Herkulesaufgabe: Außer den Einflüssen und Faktoren der Umwelt entscheiden unsere Veranlagung und eine Unzahl sozialer Faktoren darüber, wie Menschen seelische Belastung ertragen. Doch egal wie stressresistent wir sind: Das Leben in der Stadt schwächt tendenziell unsere Widerstandsfähigkeit. Wo Natur, Stille und weiter Raum fehlen, wuchern psychische Erkrankungen. Die Mannheimer Forscher wollen Daten und Argumente für den dringend nötigen Umbau unserer wachsenden Städte liefern: In eine Lebenswelt, die für den Menschen auch in Zukunft lebenswert bleibt.

aus der Sendung vom

Do, 10.9.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.