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SENDETERMIN Do, 10.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Dörfersterben Stadt - Land - Tod?

Es wird Dörfer geben, die aussterben, sagt Dr. Reiner Klingholz - schon seit Jahren. Was tun dagegen? Seine Antworten: alles andere als bequem.

Wenn Dr. Reiner Klingholz mit dem Rad zur Arbeit fährt, hält er sich an die Gesetze: er trägt einen Fahrradhelm, hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen und nutzt den ausgewiesenen Fahrradweg. Doch es gibt einen Satz des Grundgesetzes, mit dem hat er ein Problem: Dass alle Menschen, egal ob sie auf dem Dorf oder in der Stadt leben, "gleichwertige Lebensverhältnisse" zustehen, ist in Deutschland längst Wunschtraum statt Realität. "Dieser Anspruch geht auf die Anfangszeit der alten Bundesrepublik zurück - also in die Nachkriegszeit. Und das waren Bedingungen, in denen alles gewachsen ist" sagt Klingholz. "Die Bevölkerung ist gewachsen, die Einkommen sind gewachsen, die Straßen die aufs Land hinaus geteert wurden sind immer weiter gewachsen, die Eigenheime sind gebaut worden - und unter diesen Bedingungen war eine Angleichung der Lebensverhältnisse nach oben von den urbanen zu den ländlichen Gebieten relativ einfach möglich. Aber wir haben heute diese Wachstumsbedingungen nicht mehr." - trotzdem hält der Gesetzgeber daran fest. Für Klingholz nur der erste von vielen Fehlern im System.

Fromme Wünsche statt Taten

Die Politik habe viel zu lange verschlafen, den Trend der wachsenden Städte und schrumpfenden Dörfer aufzuhalten. "Die Politik hat davor immer die Augen verschlossen und gesagt: ach, das wird auch wieder anders. Das ist jetzt mal so und dann kommen die Leute auch wieder zurück und wenn wir eine Breitbandversorgung aufs Land hinlegen, dann kommen die Kreativen, die heute in den Städten leben, auch wieder her. Aber das ist ein frommer Wunsch! Das wird so nicht passieren!" sagt Gesellschaftsforscher Dr.Reiner Klingholz. Die Dörfer bluten aus, denn ihre Bewohner sind längst weggezogen - der Arbeit hinterher. Ein Phänomen, das keinesfalls neu ist und vor dem Klingholz schon seit der Wende warnt. Was seit Jahrzehnten im Osten der Republik bereits Realität ist, zeigt sich aber auch immer stärker im Westen Deutschlands - nach Klingholz‘ Untersuchungen hat speziell Rheinland-Pfalz ein Problem. Denn hier mischen sich geographische mit strukturellen Faktoren.

Schlag ins Gesicht

Während Baden-Württemberg dank seiner starken Mittelschicht und seinen vielen und gut verteilten kleinen und mittelständischen Unternehmen vergleichsweise gut dasteht, herrscht in Rheinland-Pfalz westlich des Pfälzer Waldes Stillstand. Ganze Industrien sind verschwunden, Militärstandorte geschlossen worden. Das Ergebnis: schon jetzt hat Rheinland-Pfalz weit über hundert Kommunen mit unter hundert Einwohnern. Die zu versorgen ist teuer - zu teuer auf lange Sicht, sagt Reiner Klingholz: "Wenn in einem Ort irgendwann nur noch fünf Leute leben, dann ist die Versorgung dieser fünf Leute sehr teuer. Die Wasserleitungen müssen gepflegt werden, die Stromleitungen müssen in Takt gehalten werden, die Straßen müssen in Stand gehalten werden. Und wenn sich die Verwaltung dann diese Kosten sparen kann, dann könnte dieses Geld in einen Entschädigungsfonds fließen für Leute, die aus diesen Regionen in die nächste Stadt ziehen möchten." Klingholz Vorschlag: Entsiedlung. Wenn Dorfbewohner wegziehen möchten, bekommen sie ihre Immobilien nicht verkauft. Sie müssten finanziell unterstützt werden bei dem Wunsch, das Dorf zu verlassen. Denn die verlassenen Dörfer kosten Geld. Auch den Abriss und den Rückbau der Dörfer müsste man deshalb durch solche Fonds unterstützen, so Klingholz. Für diejenigen, die in ihren Dörfern wohnen bleiben möchten, ein Schlag ins Gesicht.

Die Politik sieht’s anders

Für Klingholz dagegen wären damit sogar zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: denn noch immer werden täglich riesige Flächen Deutschlands versiegelt - würde man die sterbenden Dörfer abreißen, würde die Bundesregierung ihr Nachhaltigkeitsziel, nämlich den Flächenverbrauch deutlich zu reduzieren, vielleicht endlich erreichen, erklärt Klingholz. Doch kein Politiker spricht gern von "abreißen" und "Rückbau". Das erklärte Ziel der Landesregierung von Rheinland-Pfalz ist es deshalb, dass jeder Mensch dort leben darf, wo er möchte, und wenn es ein Dorf mit nur noch wenigen Einwohnern ist. Zwar müssten sich diese Menschen darauf einstellen, dass sich vieles verändere - so Ministerpräsidentin Malu Dreyer im SWR Fernsehen, doch im Gegensatz zu den Ergebnissen ihrer Studie könne man die Schlussfolgerungen der Berliner Forscher nicht teilen. Kommunen müssten sich darauf einstellen, in Zukunft noch stärker kooperieren zu müssen und es gebe genug Angebote und Initiativen für Dörfer, um selbst aktiv zu werden.

Mehr Flexibilität

Doch auch hier sieht Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung Nachholbedarf. Zu oft würden klugen Ideen und Initiativen Steine in den Weg gelegt. Etwa wenn kleine Dorffeuerwehren dieselben Standards erfüllen müssten wie große, mobile Ärzte eigentlich nicht "im Umherziehen" behandeln dürften und privat organisierte Mitfahrgelegenheiten oder Bürgerbusse scheitern am Personenbeförderungsgesetz . Hier brauche es mehr Flexibilität und Ausnahmen - denn sich auch mal 80, 90 Prozent zufrieden zu geben sei immer noch besser als gar nichts zu haben, so Klingholz. Viele Dorfbewohner dürften ihm zustimmen - viele lieben ihre Heimat und fordern eine Bestandsgarantie für ihr Dorf. Sätze wie "Wir sind doch keine Einsiedler hier" hört man aus ihren Vorgärten und: "Auch wenn wir mal nur noch 30 Leute sind - es hat doch keiner das Recht, uns die Lebensgrundlage wegzunehmen, oder?" Solche Aussagen bestätigen zumindest eine von Klingholz‘ Thesen ganz klar: Der Anspruch gleicher Lebensverhältnisse in Stadt und Land hat in Deutschland tatsächlich nichts mehr mit der Realität zu tun.

aus der Sendung vom

Do, 10.9.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.